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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Unsere Adoptivkinder aus Bangladesch sind eine riesige Belastung und Enttäuschung

Wer adoptiert, wünscht sich, Kindern zu helfen und eine gute Familie zu bieten. Doch was, wenn die Kinder das  wie bei Ingrid und ihrem Mann verweigern?

Ingrids Adoptivkinder kamen schon im Kleinkindalter aus Bangladesch (Symbolbild)

Ingrids Adoptivkinder kamen schon im Kleinkindalter aus Bangladesch (Symbolbild)

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

Mein Mann und ich haben zwei Kinder (Geschwister) aus chaotischen Verhältnissen in Bangladesch adoptiert. Die beiden sind jetzt schon erwachsen: 23 (Junge) und 21 (Mädchen). Die Kinder waren bei der Adoption 3 und 1. Beide Kinder sind irre problematisch. Bei unserem Sohn wurde ADHS festgestellt, er hat in der Schule für viele Konflikte mit den Lehrern und Mitschülern gesorgt, sich nicht an die Regeln gehalten und am Ende mit Mühe und Not seinen Hauptschulabschluss geschafft. 

Er nimmt Drogen. Marihuana regelmäßig, härtere Drogen auch, aber wie viel genau, kann ich nicht abschätzen. Es kam immer wieder zu Diebstählen und sogar kleineren Einbrüchen. Nach der Schule hat er keine Lehre durchgehalten. Er jobbt jetzt an der Tankstelle, als Kurierfahrer, Türsteher etc.

Es war eine extrem harte Zeit mit ihm, ständig hatten wir Sorgen und Probleme mit ihm. Es lief eigentlich nichts entspannt.

Unsere Tochter hat immerhin einen Realschulabschluss geschafft. Aber sie ist seit dem 14. Lebensjahr psychisch krank, leidet unter Schmerzen am ganzen Körper und Depressionen. Einen Suizidversuch hat sie auch schon hinter sich, was uns sehr mitgenommen hat. Sie war daraufhin drei Monate in der Psychiatrie.  Ihre Friseurlehre hat sie geschafft und ist übernommen worden. Aber ihr Freund gefällt meinem Mann und mir überhaupt nicht. Er ist sehr aggressiv und macht auf dicke Hose, ist am ganzen Körper tätowiert und behandelt unsere Tochter herablassend.

Ich sage es nicht gerne, aber mein Mann und ich fragen uns oft, ob es die richtige Entscheidung war, Kinder zu adoptieren, und noch dazu welche aus dem Ausland. Wir hatten die Hoffnung, eine richtige Familie zu werden. Aber eigentlich sind unsere Kinder uns fremd und sie belasten uns. Wir sind ständig am Rande des Burn-Outs, ich wünsche mir oft nur, dass ich endlich berentet bin und meine Ruhe finde. Ich war wegen der Belastung mit den Kindern schon öfter zur Kur. Wenn ich die Kinder unserer Freunde betrachte, packt mich Wehmut und manchmal auch Neid. Die Kinder unserer Freunde haben anständige Berufe (die meisten akademische), haben ein stabiles Leben mit netten Partnern, teils schon eigenen Kindern, und sie verstehen sich gut mit ihren Eltern. Mein Mann und ich haben ein sehr belastetes Verhältnis mit unseren Kindern und sind froh, wenn sie sich mal eine Weile nicht melden und uns nicht in Schwierigkeiten bringen.

Natürlich habe ich auch Verständnis für unsere Kinder und ich sehe die Schwierigkeiten, die sie in die Wiege gelegt bekommen haben. Aber ich sehe auch unsere enttäuschten Erwartungen und geplatzten Träume und kann nicht umhin, mir leid zu tun.

Und wenn ich einen Blick in die Zukunft werfe, sieht es auch recht düster aus, denn die Enkelkinder von unseren Kindern werden mit Sicherheit auch viele Probleme mitbringen. Wir werden also ein Leben lang gefordert werden und bekommen dafür recht wenig zurück.

Ich wollte das mitteilen, damit andere Eltern nicht zu blauäugig an eine Adoption herangehen. Aber ich wollte auch fragen, wie wir mit unserer Enttäuschung umgehen können.

Viele Grüße, Ingrid P.

Liebe Ingrid P.,

Es hat Sie bestimmt viel Mut und Überwindung gekostet, sich einzugestehen, dass Ihr Traum von einer heilen Familie mit Kindern, die glücklich ihren Weg gehen und mit denen Sie sich gut verstehen, geplatzt ist.

Sie haben Kinder, die in eine schwierige Situation hineingeboren wurden und wahrscheinlich harte erste Lebensjahre hinter sich haben. Sie sind davon stark belastet, und diese Belastungen drücken sich in vielerlei Symptomen aus: Drogenmissbrauch, Depressionen, Suizidhandlungen, Schwierigkeiten in der Schule, ADHS, und noch vieles andere.

Also muss man sagen, dass wahrscheinlich auch bei Ihren Kindern viele Träume geplatzt sind, da sie einiges an Basis nicht hatten, was sie gebraucht hätten, vor allen das Gefühl, willkommen zu sein und Eltern zu haben, die sich liebevoll um die eigenen Bedürfnisse kümmern. Sie wissen ja, dass dies insbesondere in den ersten drei Lebensjahren unglaublich wichtig ist.

Ihre Kinder sind in eine Familie hineingeboren worden, in der es chaotisch zuging und in der die Eltern, aus welchen Gründen auch immer, es nicht gewollt oder geschafft haben, sie großzuziehen und zu beschützen. Dieses Wissen, nicht gewollt zu sein, und dazu noch Eltern gehabt zu haben, die ihr Leben nicht meistern, ist ein harter Schlag für das Selbstwertgefühl von Kindern. Auch wenn es nur unterschwellig oder unbewusst wirkt, wirkt es sich stark auf die eigene Position im Leben aus. Denn Ihre Kinder können auf ihre eigene Herkunft nicht stolz sein, da ihre eigenen Eltern nicht fest im Leben standen. 

Sicher ist ein weiterer Faktor, dass Kinder, die aus einer anderen Kultur adoptiert werden und anders aussehen als ihr Umfeld, es schwerer haben, sich mit den Gasteltern zu identifizieren. Der Kontakt zu den eigenen Eltern wäre da bestimmt hilfreich, um beide Seiten in sich (die ersten Eltern, die Herkunft, die Genetik) und die zweiten Eltern (die Familie, in der man aufwächst) zu integrieren. Vielen Adoptivkindern hilft es, zumindest das Herkunftsland zu bereisen und kennen zu lernen. Doch natürlich ist auch das nicht ohne Risiken, denn möglicherweise erkennen einen die Menschen in Bangladesch nicht an, weil man die Sprache nicht spricht und die Kultur nicht kennt, während die Menschen in Deutschland einen als jemanden aus Bangladesch ansehen. Es ist wirklich nicht einfach, das Ganze.

Ihre Kinder sind dann relativ jung in eine völlig andere Umgebung gekommen. Oft kommen Adoptivkinder zu privilegierten Eltern, sei es in Hinsicht auf die finanzielle Situation, die Bildung oder den Erfolg. Es klingt so, als wenn das auch bei Ihnen der Fall ist. Die Ansprüche, die an Adoptivkinder gestellt werden (wenn auch nicht immer offen geäußert) können großen Druck und mitunter auch Schuldgefühle erzeugen. Ihre Kinder werden sicher auch gespürt haben, dass sie mit den Kindern Ihrer Freunde nicht mithalten konnten - auch das verstärkt die Gefühle eigener Wertlosigkeit. Und bei Ihrem Sohn hat sich das eher in eine aggressive Richtung ausgedrückt (auch gegen sich selbst), während Ihre Tochter depressiv geworden ist. Insgesamt scheinen Ihre Kinder, wie viele Adoptivkinder, ein schwerwiegendes Identitätsproblem zu haben. Sie fühlen sich zerrissen.

Es ist tragisch, dass Sie anscheinend Ihre Kinder nicht vor diesem Schicksal bewahren konnten, obwohl Sie sich solche Mühe gegeben haben. Aber bedenken Sie: Nicht nur Adoptiveltern, sondern auch leibliche Eltern haben oft nicht die Kinder, die sie sich wünschen. Manchmal ist ein Kind das Sorgenkind, manchmal mehrere, sei es wegen Suchtverhalten, psychischen oder körperlichen Krankheiten, politischen Ansichten, Schulversagen oder Aggressionen. Es ist für Eltern schwer, zu akzeptieren, dass sie trotz aller Anstrengungen nicht immer die Macht haben, ihre Kinder zu schützen und auf den "richtigen" Weg zu bringen. 

Wie wäre es, wenn Sie diesen Trauerprozess noch einmal bewusst durchleben und zum Beispiel in einer Therapie ihre Enttäuschung verarbeiten? Vielleicht helfen auch Gespräche mit anderen Eltern, deren Kinder sich nicht so entwickelt haben, wie sie es sich gewünscht haben? Und natürlich auch Gespräche mit Ihrem Mann, der sich wahrscheinlich ähnlich fühlt. Eine Sache ist es, sich diese Gefühle zu erlauben und sie zu verarbeiten. Eine andere Sache ist es, sich zu überlegen, wo realistische Grenzen liegen, die Sie gegenüber Ihren Kindern ziehen können oder sollten, damit Sie sich nicht verausgaben.

Ich hoffe, dass es Ihnen mit der Zeit gelingt, sich Ihren Kindern anzunähern und Ihren Frieden mit der Situation zu finden.

Herzliche Grüße, Julia Peirano


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