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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Ich bin schwanger - der Vater könnte mein Mann oder meine Affäre sein"

Silke ist verzweifelt: Sie wollte immer eine Familie gründen, aber über viele Jahre wurde sie mit ihrem Mann nicht schwanger. Doch jetzt erwartet sie ein Kind - nach einem Seitensprung im Urlaub. Soll sie ihrem Mann davon erzählen - oder das Kind als seines ausgeben?

Schwanger, aber wer ist der Vater?

Schwanger, aber wer ist der Vater?

Getty Images

Hallo Frau Peirano,

in meinem Kopf ist gerade die Hölle los. Ich habe einen riesigen Fehler gemacht und weiß nicht, wie ich ihn glattbügeln kann. Ich bin 36 und seit vier Jahren mit meinem Mann zusammen. Ich habe ihm gleich am Anfang gesagt, dass ich unbedingt eine Familie haben will. Das Problem war, dass ich nicht schwanger wurde. Monat für Monat, Jahr für Jahr. Ich habe ihn dann bedrängt, dass er sich auch untersuchen lässt (ich war beim Frauenarzt und es ist alles in Ordnung bei mir). Er hat es rausgezögert und bis jetzt nichts unternommen, was mich sehr verletzt hat. Einmal hat er im Gespräch gesagt, dass er sich in seinem Stolz verletzt fühlen würde, wenn sich herausstellt, dass er keine Kinder kriegen kann. Ich habe ihn gefragt, was das heißen soll, aber er hat es nicht richtig sagen können.
Im Herbst war ich richtig deprimiert wegen dieser Geschichte und bin erst mal mit einer Freundin in den Urlaub gefahren. Und nun kommt es (ich schäme mich deswegen): Ich hatte einen mit einem Franzosen und stellte Wochen später fest, dass ich schwanger bin. Leider weiß ich nicht, von wem. Mit meinem Mann war ich kurz nach meinem Urlaub auch im Bett, und theoretisch könnten es beide gewesen sein.

Ich will das Kind auf keinen Fall abtreiben. Aber sonst? Sage ich meinem Mann, was Sache ist? Dann wird er wahrscheinlich Schluss machen, und ich stehe mit dem Kind alleine da. Ich zögere es jeden Tag hinaus, ihm zu sagen, dass ich schwanger bin, weil ich nicht weiß, wer der Vater ist.
Es ist alles ein riesiges Chaos. Ich kann mich zu keiner Lösung durchringen, vor allem habe ich Angst.
Gibt es Leserinnen, die schon mal in so einer Situation waren? Was haben sie gemacht?
Mir läuft die Zeit davon und ich brauche dringend einen Rat.

Vielen Dank,

Sina G.

Liebe Sina G.,

Sie haben Recht: Ihre Situation ist wirklich ein riesiges Chaos. Sie sind zwar endlich schwanger, aber das bedeutet auch, dass Ihnen die Zeit davon läuft, um eine gute Entscheidung zu treffen. Je länger Sie warten, bis Sie Ihrem Mann von der erzählen, desto schwieriger wird es. Wenn Sie es ihm spät sagen, wird er sich fragen, warum Sie so lange gewartet haben. Er wird vermuten, dass etwas faul ist. Und er wird sich als Vater auch nicht ernst genommen und eingebunden fühlen. Auf der anderen Seite müssten Sie aber auch schon eine gute Lösung parat haben, wenn Sie ihm von Ihrer Schwangerschaft erzählen, und ich befürchte, dass es keine geben wird.

Zwickmühle in der Partnerschaft

Die Situation sieht eher so aus wie eine (entschuldigen Sie bitte die Ausdrucksweise): "Rechte Scheiße, linke Scheiße"- Situation.

Rechte Scheiße: Sie erzählen Ihrem Mann nicht, dass er möglicherweise nicht der Vater Ihres ungeborenen Kindes ist. Sie sagen sich, dass es zu riskant wäre, ihm die Wahrheit zu sagen und jubeln ihm das Kind unter. Er wird sich aber denken, dass etwas nicht stimmt. Spätestens wenn das Kind auf der Welt ist und ihm nicht ähnelt, kann er Verdacht schöpfen. Möglicherweise kommt Ihr Mann auch selbst auf die Idee, seine Fruchtbarkeit untersuchen zu lassen, und wenn er feststellt, dass er gar nicht der Vater sein kann, ist sein Ärger über diese Täuschung groß.


Auch wenn Sie die ersten Jahre gut überstanden haben, werden Sie sich nie sicher fühlen können. Jeder Arztbesuch, jede neue Untersuchungsmethode birgt das Risiko, dass die Wahrheit auch nach vielen Jahren ans Licht kommt. Wenn Ihr Kind als Teenager oder Erwachsener erfährt, dass Sie ihn über die getäuscht haben, wird Ihre Beziehung einen heftigen Bruch bekommen. Sie haben Ihrem Kind auch gravierendes angetan, indem Sie ihm den biologischen Vater vorenthalten und stattdessen Ihren Mann als (auch noch unwissenden) Vater präsentiert haben. Bei der Entlarvung werden Sie als die Schuldige dastehen, die nicht nur Ihr Kind, sondern auch den Ziehvater hinters Licht geführt hat. In vielen Fällen führt das zu einem inneren Bruch, oft auch zum Kontaktabbruch zwischen Mutter und Kind.
Fazit: Wenn Sie sich entscheiden, die Vaterschaft zu vertuschen, leben Sie jahrelang in der Angst vor einer Entdeckung, und im Falle einer Entdeckung stehen Sie in den Augen ihres Mannes und Ihres Kindes als Betrügerin da.

Linke Scheiße: Sie entschließen sich, das Risiko einzugehen und Ihrem Mann jetzt die Wahrheit zu sagen. Damit geben Sie ihm die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, ob er Ihnen den Seitensprung verzeihen kann. Außerdem können Sie gemeinsam die Vaterschaft testen - das ist mittlerweile bei ungeborenen Kindern durch Blutproben beider Eltern ohne Blutentnahme des Kindes (und somit ohne Risiko für das ungeborene Kind) möglich. Sollte sich herausstellen, dass Ihr Mann der Vater ist, wird Ihre Schwangerschaft trotzdem durch starke Partnerschaftskonflikte überschattet. Wenn sich herausstellt, dass Ihr Mann nicht der Vater ist, steht er vor der Frage, ob er mit Ihnen ein Kind aufziehen will, dass Sie aus einer Affäre bekommen haben. Für ihn wird die Welt zusammen brechen. Man kann sagen, dass für ihn der Albtraum jedes Mannes wahr geworden ist. Damit wird er erst mal klarkommen müssen. Da Ihr Mann Konflikte nicht zielführend angeht (wie z.B. die Untersuchung seiner Fruchtbarkeit), sondern meidet, wird er möglichweise in eine depressive Krise stürzen.

Schwangerschaft gestehen, an der Partnerschaft arbeiten

Das heißt: Sie werden in Ihrer Schwangerschaft allein dastehen und haben zudem noch Partnerschaftskonflikte und einen Partner, dessen Gefühle Achterbahn fahren, an der Seite. OderIhr Mann trennt sich, und Sie sind von Anfang an eine allein erziehende . Es sei denn, Sie ziehen den leiblichen Vater zur Verantwortung.

Trotz der damit verbundenen Risiken für Ihre Ehe und Ihre Schwangerschaft würde ich trotzdem dazu tendieren, dass Sie zu Ihrem Fehler stehen und damit Ihrem Mann die Möglichkeit geben, sich für oder gegen eine gemeinsame Zukunft zu entscheiden. Alles andere wäre ein extrem unpartnerschaftliches Verhalten ihm gegenüber. Und letztlich fährt man mit einer Lebenslüge nie gut.

Auch das Kind sollte dann von Anfang an in dem Wissen aufwachsen, dass Ihr Mann nicht der biologische Vater ist. Das wirft dann auch die Frage auf, inwieweit Sie Ihren Urlaubsflirt finanziell und betreuerisch in die Erziehung Ihres Kindes einbinden – sofern Sie ihn überhaupt wiederfinden. Für Kinder ist es oft ein tiefes Bedürfnis, Ihre leiblichen Eltern kennen zu lernen. Ihr Kind sollte diese Möglichkeit haben, ob jetzt oder erst mit dem Erwachsenwerden. Das wird allerdings garantiert kompliziert, weil Ihr Mann damit leben muss, ein der leibliche Vater, mit dem Sie ihn betrogen haben, in Ihrer Familie in Erscheinung tritt.


Wenn Sie mit Ihrem Mann offen über Ihre Gefühle in den letzten Jahren sprechen, können Sie ihm hoffentlich auch verdeutlichen, wie enttäuscht und allein gelassen Sie sich in Ihrer Kinderwunsch-Frage gefühlt haben. Für mich ist es ein Anzeichen für einen tief sitzenden Beziehungskonflikt, dass Sie beide in dieser Frage nicht an einem Strang gezogen haben. Der Kinderwunsch Ihres Mannes scheint aus meiner Sicht nicht so stark ausgeprägt zu sein wie Ihr eigener, sonst hätte er sich aktiver für ein Kind eingesetzt. Insofern können Sie die Gelegenheit packen und auch dieses Thema gleich mit ansprechen.
Letztlich wäre es sehr wichtig, diesen Konflikt zu klären und sich wieder für einander und für mehr Zusammenhalt zu entscheiden, wenn Sie als Familie zusammenfinden wollen. Und falls es zu einer Trennung kommt, können Sie sich sagen, dass es schon große Anzeichen für eine Beziehungskrise gab. Sonst hätten Sie sich nicht so alleine gefühlt, Ihren Mann nicht betrogen und nicht eine Schwangerschaft mit einem anderen Mann risikiert.
Ich rate Ihnen auf jeden Fall dazu, sich professionelle Unterstützung von einem Paartherapeuten oder einer Familienberatungsstelle zu holen.

Herzliche Grüße und alles Gute für Sie,

Julia Peirano  

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