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bochum: Abschluss mit Talar und »tassel«: Campustrend Examensfeiern

Ein Hauch amerikanischer Universitätskultur durchweht die Ruhr Universität Bochum (RUB).

Ein Hauch amerikanischer Universitätskultur durchweht die Ruhr Universität Bochum (RUB).

Talare, Gospelsongs und Abschlussreden: am 3.11.2000 wurden zum vierten Mal B.A.-Urkunden an Absolventen des Magister-Reformmodells verliehen. Keine Zeugnisvergabe zwischen (Sekretariats-)Tür und Angel - die frisch gebackenen Absolventen organisierten ihren großen Tag mit Stolz auf das Erreichte und dem Selbstbewusstsein einer jungen, aber erfolgreichen Einrichtung.

Andere zogen nach - am selben Tag fand auch die erste akademische Jahresfeier an der RUB statt. Der Rektor persönlich hatte geladen. Identifikation mit der Uni und lebendiges Gemeinschaftsleben sollten mit der Feier gestärkt werden. Vier Wochen später wurde wieder gefeiert. Die Lehramtsabsolventen der RUB erhielten ihr Zeugnis ebenfalls nicht per Post, sondern aus der Hand des Germanistikprofessors Dr. Harro Müller-Michaels. Festreden und Musik umrahmten die Verleihung. Im Kreis von Familie und Freunden hielten die Absolventen den Lohn für lange Büffelei in den Händen. Ein Moment, an den sich die künftigen Lehrer ebenso wie die Baccalaureaten gerne erinnern werden.

Jetzt kann man fragen, ob das ein Rückschritt zum »Muff von 1000 Jahren« ist. Oder werden die Talare wieder getragen, um einer modernen Unikultur ein Gesicht zu geben, sich gemeinsam gegen die anonyme Masse zu stellen? Ist es die Übernahme all dessen, was aus den USA kommt? Nachahmen oder berechtigter Stolz auf die eigene Leistung?

Die Studenten wollen ihre Abschlussfeier, so viel ist sicher. Die erste B.A.-Verleihung fand 1995 auf studentische Initiative hin statt. Die originalen Talare in der Farbe der Ruhr Universität hatten die Studenten eigens in den USA bestellt. Die Lehramtsabsolventen hatten schon lange beklagt, dass sie die Uni »einfach so« verließen und ihr Zeugnis sang- und klanglos zugeschickt bekamen. Daraufhin gab es eine Befragung, um herauszufinden, wie groß der Wunsch nach einem feierlichen Abschied sei. Das Ergebnis war eindeutig, so dass im WS 1999/2000 die Examensfeier das erste Mal stattfand. Wegen des Erfolgs soll sie jetzt eine ständige Einrichtung werden.

Das Ende des Studiums als Start eines neuen Lebensabschnitts will man feiern. Wer ein Studium an der Ruhr Universität hinter sich gebracht hat, kann auf einige Jahre Anonymität und Massenbetrieb zurückschauen. Sich einer Hochschule mit fast 40.000 Studierenden zugehörig zu fühlen ist schwierig. Viele kommen nur zum Lernen, weil viel Zeit für das Pendeln vom Wohn- zum Studienort draufgeht. Nebenjobs und Praktika verdrängen die Uni als Mittelpunkt des Studentenlebens. Eine Universität wie die Ruhr Uni kann ihren Studenten selten »das« Studentenleben bieten, das so gerne à la Heidelberg verklärt wird. Wem nach einem Studium an einer Massenuni das Diplom zwischen Tür und Angel in die Hand gedrückt wird, der fragt sich, mit welchen Gefühlen er auf diese Zeit zurückblicken soll.

Bei einer Examensfeier kann man sich wenigstens am Ende der Studienzeit einmal zu »seiner« Uni zugehörig fühlen, einmal nicht in der Masse untergehen. Ein schöner Abschied, um sich mit einem guten Gefühl an seine Uni zu erinnern. Eigentlich ein zu schöner Abschied, um sich für den allzu menschlichen Wunsch nach ein bisschen Zusammengehörigkeit im Massenbetrieb Universität zu rechtfertigen.

(ts)

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