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d-magazin: WENDY SHALIT

Wendy Shalit möchte kein böses Mädchen sein. Auch wenn die im 21. Jahrhundert bekanntlich überall hinkommen - außer vielleicht in den Himmel. Nein, Wendy bleibt da stur:

Wendy Shalit

möchte kein böses Mädchen sein. Auch wenn die im 21. Jahrhundert bekanntlich überall hinkommen - außer vielleicht in den Himmel. Nein, Wendy bleibt da stur: Sie hat ihre ganz eigenen Vorstellungen vom Leben und von der Moral. Seit der Veröffentlichung ihres ersten Buchs »A Return to Modesty« (Rückkehr zur Bescheidenheit) ist die Professorentochter der neue Darling jener Amerikaner, die meinen, dass in Zukunft alles wieder so sein sollte, wie es früher einmal war. In allen größeren US-Talkshows war die Bestsellerautorin mit ihren Ansichten mittlerweile vertreten, genauso auf allen wichtigen Buchseiten. Inzwischen schreibt sie unter anderem für das renommierte »Wall Street Journal« und »National Review«.

In ihrem Buch plädiert die 25-Jährige, die sich selbst als sexuell unerfahren bezeichnet, für eine Rückkehr zu altmodischen Werten: Die sexuelle Revolution und die Frauenbewegung habe ihren Geschlechtsgenossinnen mehr geschadet als genützt - die weibliche Seele sei eben nicht geschaffen für ausschweifende Abenteuer. Tugend und Anstand seien unumgänglich für das feminine Wohlbefinden, und erst dann würden Männer wieder Respekt vor der weiblichen Seele entwickeln.

Diese Ansichten vertrat Wendy Shalit schon immer - und zwar vehement: Bereits in der Schule beschwerte sich die Tochter einer jüdischen Intellektuellen-Familie über den Sexualunterricht, den sie zu offenherzig und peinlich fand; fortan durfte sie die Aufklärungsstunden lesend in der keuschen Zurückgezogenheit der Schulbibliothek verbringen. Auf dem College schrieb sie dann ein flammendes Plädoyer gegen die Unisextoilette ihres Wohnheimes mit der Forderung nach einem eigenen Raum für die Studentinnen, der ihre Privatsphäre gewährleiste.

»A Ladies Room of Our Own« (Eine Damentoilette für uns allein) brachte Wendy auf dem Campus harsche Kritik ein. Nach der Veröffentlichung des Artikels im »Readers Digest« erhielt die Philosophiestudentin jedoch Beifall aus allen Landesteilen der USA. »Danke, dass Sie darüber geschrieben haben. Ich dachte immer, ich sei die Einzige, die so denkt«, schrieb ihr eine erleichterte Geschlechtsgenossin. Offenbar hatte die Studentin einen Nerv bei vielen ihrer Generation getroffen, die - geprägt von der »Kein Sex vor der Ehe«-Bewegung - durch die Affären ihres damaligen Präsidenten verunsichert waren.

Vor allem in religiösen und konservativen Kreisen stieß die Schrift auf große Begeisterung. Feministinnen dagegen reagieren besorgt und empört auf Shalits Thesen und befürchten den Rückfall in eine verklemmte Zweiklassengesellschaft, in der Frauen ihre Bedürfnisse nicht ausleben können. Den Mund wird sich Wendy allerdings auch weiterhin kaum verbieten lassen: »Ich sehe nicht ein, warum unsere Eltern ein Monopol auf sexuelle Revolutionen haben sollten.«

Wendy Shalit: »A Return to Modesty: Discovering the Lost Virtue«. Simon & Schuster Trade, 1999, ca. 53 Mark

Andrea Benda

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