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diplomand: Diplomand des Monats: Nuray Lale

geb. 1962

Universität Bielefeld

Gesundheitswissenschaften

nuray.lale@uni-bielefeld.de

Zur Person:

Ich wurde am 28.03.1962 in Antakya, an der Mittelmeerküste der Türkei, geboren. In der Stadt Malatya habe ich die Grundschule, Mittelschule und das Gymnasium besucht. In der Schule hatte ich ein großes Problem: Ich war mathematisch nicht begabt. Als ich in der zweiten Klasse war, kam eines Tages der Schulrat zu Besuch und fragte mich vor der Klasse: »Was macht zwei mal fünf?« und ich antwortete »sieben«. Er zeigte mit dem Stock auf mich und sagte: »Schäm Dich, wenn die Tochter der Direktors die Antwort nicht weiß, wie sollen es die anderen Kinder wissen?« Danach habe ich in der gesamten Schulzeit den Mathematikunterricht gehasst. Außergewöhnliche Leistungen hatte ich jedoch in den Unterrichtsfächern Literatur, Türkisch und Geschichte. Fast jedes Jahr bekam ich Auszeichnungen aufgrund meines guten Benehmens und meiner hervorragenden Leistungen. Im Juli 1979 reiste ich im Zuge der Familienzusammenführung in die Bundesrepublik Deutschland. Zunächst musste ich an der Universität Bielefeld die deutsche Sprache lernen. Nach einem einjährigen Sprachkurs besuchte

ich in der Stadt Münster das Studienkolleg, um die Hochschulreife zu erlangen. Da ich aus einer Lehrerdynastie stamme, wollte mein Vater, dass ich Pädagogin werde. Im Wintersemester 1981/'82, zur Zeit der »alternativen Bewegung«, studierte ich an der Universität Bielefeld Erziehungswissenschaften.

Hochinteressant war die Einstellung der Studenten zum Studium: Der eine rauchte im Seminarraum, die andere strickte und der Professor trug einen mexikanischen Umhang. Niemand schien zuzuhören. Nach drei Semestern wollte ich das Studium abbrechen. Da ich bei einem Abbruch aber auf mein BAföG hätte verzichten müssen, nahm ich ein Zweitstudium auf. Ich

studierte vier Semester Rechtswissenschaften und absolvierte beinahe das Grundstudium. Während Staatsrecht zu meinem Lieblingsfach zählte, konnte ich Strafrecht nie verstehen. In einer Klausur hatte ich »null Punkte« erhalten, weil ich den Hintermann der Tat zuerst geprüft hatte. Ganz eindeutig war ich auch in diesem Fach eine Niete und gab wegen dem Strafrecht

mein Jura-Studium auf.

Nach meinem Pädagogik-Studium hatte der Staat alle sozialen Ausgaben gekürzt, woraufhin ich keine Anstellung fand. Ich

machte mich als staatlich anerkannte Übersetzerin und Finanzberaterin selbständig. Nachdem ich etwa acht Jahre durch die

harte Schule der Finanzwelt gegangen war und sich dieser Weg als sehr steinig erwies, kehrte ich zurück an meine Uni und studierte Gesundheitswissenschaften mit der Studienrichtung Gesundheitsförderung und Organisationsentwicklung. Im Gegensatz zu meinem Pädagogik-Studium studierte ich dieses Fach sehr gerne und absolvierte es unter den zehn Besten

meiner Fakultät.

Für die Zukunft wünsche ich mir eine meiner Qualifikation entsprechende Stelle. Es ist höchste Zeit, dass mein Ehrgeiz endlich belohnt wird.

In der vorliegenden Arbeit werden die gesundheitlichen und sozialen Probleme türkischer Jugendlicher im Längsschnitt untersucht. Es handelt sich um eine qualitative empirische Untersuchung, die sich über einen Zeitraum von 10 bis 12 Jahren erstreckt. Türkische Jugendliche werden noch lange Zeit Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung bleiben, da in ihren Lebensläufen vielschichtige soziale, kulturelle, ökonomische und religiöse Einflussfaktoren aufeinander treffen und das Leben dieses Personenkreises bestimmen.

Die Leitidee dieser Arbeit ist, den Zusammenhang zwischen Sozialisation und Gesundheit darzustellen. Dabei gehen wir von der Grundprämisse aus, dass Wissenschaft ohne allgemein menschliche Erfahrung leer und allgemein menschliche Erfahrung ohne wissenschaftliche Durchdringung quasi blind ist. Darüber hinaus legen wir großen Wert darauf, klar und verständlich zu bleiben. Ziel dieser Studie ist, einen wissenschaftlichen Beitrag zur Verbesserung der Lebenslage des genannten Personenkreises zu leisten, auf dessen Schwierigkeiten und Nöte aufmerksam zu machen und mögliche Wege für eine bessere gesundheitliche Versorgung aufzuzeigen.

Anhand »narrativer« und »problemzentrierter« Interviews werden die Lebensläufe von fünf Personen (von insgesamt 25 befragten Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen) dargestellt und in Bezug auf verschiedene Bereiche der sozialen Integration unter dem Aspekt der psychischen und somatischen Gesundheit untersucht. Neben den sozialen, kulturellen, ökonomischen und religiösen Einflussfaktoren werden gesellschaftliche Phänomene diskutiert, die einen erheblichen Einfluss auf die Identitätsentwicklung, das psychosoziale Wohlbefinden und die Gesundheit ausüben.

In Anlehnung an HURRELMANN & ROSEWITZ & WOLF stellt die Lebensphase Jugend einen besonders turbulenten, belastenden, gleichwohl anregenden und ertragreichen Abschnitt im menschlichen Lebenslauf dar. Dieser Prozess - so unsere Annahme - verläuft bei türkischen Jugendlichen in der Bundesrepublik Deutschland allerdings aufgrund der in allen Lebensbereichen herrschenden Widersprüche und übergeordneter Einflussfaktoren noch turbulenter und belastender eine Tatsache, die bisher in keiner wissenschaftlichen Untersuchung ausreichend berücksichtigt wurde.

Türkische Jugendliche gelten in der sozialwissenschaftlichen Literatur als eine besonders problembelastete Gruppe, da sie sozialpolitisch zu einer »marginalisierten«, ökonomisch zu einer »unterprivilegierten« und gesundheitlich zu einer besonders »vulnerablen« Bevölkerungsgruppe gehören, die in ihren Handlungsmöglichkeiten und Entfaltungsmöglichkeiten durch ungünstige personale, soziale, kulturelle und ökonomische Voraussetzungen stark eingeschränkt ist. Die ohnehin schon schwierigen Bedingungen des Aufwachsens in einer modernen Gesellschaft werden zusätzlich durch »disparate« und restriktive Lebensbedingungen erschwert. Die Prozesse der Individuation und Integration sind mit enormen Anpassungsleistungen verbunden, in deren Folge eine gesunde Lebensführung für viele Jugendliche ausgeschlossen ist. Besonders problematisch ist die Eingliederung in den Arbeitsprozess. Ein Ausschluss aus dem Erwerbsleben bringt vielfältige Probleme mit sich, die oftmals die Handlungsfähigkeit der Jugendlichen übersteigen und zu psychischen und somatischen Störungen führen.

Darüber hinaus wirken gesellschaftliche Phänomene wie »neue Armut« und die »Ausländerfeindlichkeit« negativ auf die Sozialisation, das soziale Wohlbefinden und die Gesundheit der hier untersuchten Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Diese Phänomene haben einen direkten Einfluss darauf, wie die Jugendlichen ihre Handlungsfähigkeit erlangen und ihre Identität konstruieren. Insgesamt lassen die gesellschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen, in die türkische Jugendliche eingebettet sind, keine positiven Entwicklungschancen und Entfaltungsmöglichkeiten erkennen, so dass der Sozialisationsprozess für die meisten Jugendlichen sich problematisch gestaltet und durch vielfältige Gefährdungspotenziale gekennzeichnet ist. Psychische und somatische Erkrankungen, Suchterkrankungen, kriminelle Handlungen etc. können als Folge der besonders belasteten Lebenslage betrachtet werden.

Diese Arbeit versteht sich als ein sozialisationstheoretisch orientierter gesundheitswissenschaftlicher Beitrag, in dem die Probleme einer Generation im Hinblick auf unterschiedliche Risikofaktoren in verschiedenen Lebensbereichen untersucht werden. Neben den Störungen der Identität werden verschiedene Indikatoren der psychischen und somatischen Gesundheit erforscht. Dabei wird von der Grundannahme ausgegangen, dass die sozialen, kulturellen und materiellen Lebensbedingungen eines Menschen sowohl die Handlungsfähigkeit als auch die psychische und somatische Gesundheit entscheidend mitprägen.

In Anlehnung an KOLIP gehen wir davon aus, dass Gesundheit sich aus körperlichen und psychischen Komponenten sowie gesundheitsrelevanten Verhaltensaspekten zusammensetzt; sie wird nicht passiv als Wohlbefinden erlebt, sondern aktiv in der Auseinandersetzung mit internen und externen Anforderungen hergestellt und aufrechterhalten. Gesundheit im Jugendalter geht mit der Entwicklung reproduktiver Fähigkeiten, der Ausgestaltung der eigenen Weiblichkeit bzw. Männlichkeit und der Lebenswelt Jugendlicher, ihren wahrgenommenen Chancen und Risiken, Ängsten und Herausforderungen einher. Jugendspezifische Gesundheitsförderung und Prävention haben als organisierte Interventionen das Ziel, personale, soziale und gesellschaftliche Rahmenbedingungen herzustellen, die es Jugendlichen ermöglichen, gesund zu bleiben und die Anforderungen zu bewältigen.

In der Argumentation orientiert sich unsere Untersuchung an folgenden Entwicklungsschritten:

Im zweiten Kapitel werden zunächst die Schwierigkeiten des Aufwachsens in einer modernen Gesellschaft aufgezeichnet. Es wird darauf eingegangen, welche Störpotenziale und welche Chancen im Individualisierungsprozess stecken und was die Hauptprobleme der neuen Generationen sind. Danach erfolgt im dritten Kapitel eine Darstellung der besonderen Lebenslage türkischer Jugendlicher und der Probleme des Aufwachsens zwischen zwei Kulturen. Dabei wird der Frage nachgegangen, welche zusätzlichen Belastungspotenziale das Aufwachsen in einer modernen Gesellschaft erschweren. Die sozialen Risikofaktoren der modernen Lebensweise werden im vierten Kapitel erläutert. Hier werden zwei aktuelle, »gesellschaftlich brisante« Themenbereiche aufgegriffen, die vor allem das soziale Wohlbefinden und die soziale Integration der Migrantenbevölkerung nachhaltig beeinflussen. Es wird die in Europa entstandene »neue Armut« diskutiert; deren Auswirkungen auf die Sozialisation und Gesundheit der zweiten und dritten Generation von Migranten werden herausgearbeitet sowie Handlungsansätze zur Vermeidung von Armut und deren Folgen aufgezeichnet. Daran anschließend werden als zweites gesellschaftliches Phänomen die Ursachen der zunehmenden Ausländerfeindlichkeit untersucht und Handlungsansätze zur Vermeidung dieses gesellschaftlichen Phänomens dargestellt. Im fünften Kapitel geht es um die gesundheitlichen Folgen der Migration. Biografische Brüche bzw. Störungen im Identitätsbildungsprozess und psychische Probleme stehen im Mittelpunkt dieses Kapitels. Daran anschließend wird dargestellt, welche Versorgungsprobleme türkische Migranten im deutschen Gesundheitssystem haben.

Im empirischen Teil der Arbeit wird zunächst die Fragestellung formuliert und die Forschungsmethode dargestellt; anschließend werden fünf Falldarstellungen vorgestellt.

Entsprechend der gewählten Bewältigungsformen werden die Jugendlichen in zwei verschiedene Gruppen aufgeteilt: »sozial integrierte« und »sozial nicht integrierte Jugendliche«. Eine solche Aufteilung ermöglicht einen Vergleich und dient dazu, die unterschiedlichen Formen der Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt und ihre Auswirkungen auf die personale und soziale Identität der Jugendlichen differenziert darzustellen. Darüber hinaus ermöglicht eine solche Vorgehensweise, individuelle Formen der Problemverarbeitung typisierend aufzuzeigen, die gesundheitsfördernd und/oder gesundheitsschädlich sind. Nach der erfolgten Einzelauswertung werden die vorgestellten Lebensläufe vergleichend analysiert. Aus den gewonnenen Daten werden zum Schluss praxisrelevante Konsequenzen für die soziale Integration und Gesundheitsförderung bei türkischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen gezogen.

1. Einleitung2. Aufwachsen unter schwierigen Bedingungen3. Die besondere soziale Lebenslage türkischer Jugendlicher als disparate Lebensform zwischen zwei Kulturen4. Soziale Risikofaktoren der modernen Lebensweise

4.1 Die »neue Armut« und ihre Auswirkungen auf die Sozialisation der zweiten und dritten Generation türkischer Migranten

4.1.1 Definition von Armut

4.1.2 Armut - inwieweit sind Jugendliche betroffen?

4.1.3 Auswirkungen von Armut auf die Gesundheit im Jugendalter

4.1.4 Handlungsansätze zur Vermeidung von Armut und ihren Folgen

4.2 Ausländerfeindlichkeit als soziales Phänomen

4.2.1 Definition von Ausländerfeindlichkeit

4.2.2 Funktionen der Ausländerfeindlichkeit

4.2.3 Handlungsansätze zur Vermeidung von Ausländerfeindlichkeit

5. Die gesundheitlichen Folgen der Migration bei türkischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen

5.1 Biografische Brüche

5.2 Störungen im Identitätsbildungsprozess

5.3 Psychische Probleme türkischer Jugendlicher

5.3.1 Probleme der Versorgung im deutschen Gesundheitssystem

6. Fallstudien zur Erfassung sozialer und gesundheitlicher Störungen im Kontext disparater Lebensformen

6.1 Fragestellung

6.1.1 Studiendesign

6.2 Forschungsmethode

6.2.1 Datensammlung

6.2.2 Zur Methodik der Interviews

6.3 Auswertungsmethode

6.4 Analyse der Interviews: Falldarstellungen

6.4.1 Sozial integrierte Jugendliche und junge Erwachsene

6.4.1.1 Interpretation Ender

6.4.1.2 Interpretation Esin

6.4.1.3 Interpretation Gülsen

6.4.2 Sozial nicht integrierte Jugendliche und junge Erwachsene

6.4.2.1 Interpretation Ahmet

6.4.2.2 Interpretation Neco

7. Vergleichende Analyse und Schlussfolgerungen

7.1 Präventive Maßnahmen unter Public-Health-Gesichtspunkten

Diplomarbeit: Gesundheitliche und soziale Probleme türkischer Jugendlicher

Hochschule: Universität Bielefeld

Institut: Fakultät für Gesundheitswissenschaften

Fachbereich: Gesundheitswissenschaften

Art der Arbeit: Diplom

Abgabe: November 2000

Bearbeitungsdauer: 8 Monate

Seitenzahl: 117

Note: sehr gut

Preis: 423,72 Mark ?

Preis für Studierende: 211,86 Mark ?

Bestellnr.: 45253208

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