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Nordrhein-Westfalen Fahrlehrer beliefert alte Menschen mit Klopapier – und soll jetzt auf einmal Bürgermeister werden





Rengsdorf, 21.03.20: Ungewöhnliche Aktion eines Rewe-Händlers im rheinland-pfälzischen Rengsdorf: Der Einzelhändler Michael Glück verlangt ab der zweiten Packung Klopapier einen Aufschlag, um Hamsterkäufer abzuschrecken. Während die erste Packung noch zum Normalpreis zu haben ist, fordert er bei der zweiten eine Spende von fünf Euro und ab der dritten Packung sogar zehn Euro.
O-Ton Michael Glück, Rewe-Händler
«Es herrscht Krieg um Klopapier. So blöd wie das klingt, aber die Kunden holen sich das gegenseitig aus dem Einkaufswagen wieder raus und ich kriege es nicht mehr gebändigt. Und dann gibt es welche, die haben dann fünf, sechs, acht, zehn Pakete. Und das wollten wir hiermit eindämmen.»
O-Ton Michael Glück, Rewe-Händler
Wenn eine Lieferung den Laden erreiche, sei sie innerhalb von fünf bis zehn Minuten ausverkauft.
«Im Moment bin ich ganz stolz auf meine Mitarbeiter, die volle Truppe arbeitet hier zwischen zwölf und fünfzehn Stunden und wir versuchen die Regale voll zu kriegen, aber es gibt Dinge, die werden einfach gehamstert, wie man so schön sagt, und das ist schon nicht mehr schön. Und das hat mich auch veranlasst, dieses Ding zu schrieben.»
Die Spenden will Glück über den Landkreis Neuwied an Coronavirus-Helfer leiten. Seine Aktion findet im Internet großen Widerhall und Zustimmung.
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Marc Höcker aus Nordrhein-Westfalen beliefert in der Corona-Krise hilfsbedürftige Menschen – und wurde in seiner Heimatstand zum Held. 

Der Schlüssel zum Herzen der Bürger? Klopapier. Kaum hat der Fahrschullehrer Marc Höcker seine Fahrschule zum Lieferservice umfunktioniert und beliefert ältere Menschen – vor allem – mit Klopapier, wird er gefragt, ob er nicht als Bürgermeister kandidieren wolle. So ganz kann Höcker selbst noch nicht fassen, was da gerade passiert. Eigentlich wollte der Fahrschullehrer den Menschen in seiner Heimatstadt Bünde in Nordrhein-Westfalen nur einen Gefallen tun. Jetzt steht er auf einmal als Held da. "Unsere Fahrschulautos stehen ja eh auf dem Hof rum. Also dachte ich mir, können wir auch humanitäre Hilfe leisten, bevor uns die Decke auf den Kopf fällt", sagt er. 

Höcker und seine Mitarbeiter begannen, für hilfsbedürftige Menschen in Bünde einzukaufen und ihnen das Essen vor die Tür zu liefern. Ursprünglich wollte Höcker die Sachen nur kurz abstellen und dann weiterfahren. Aber es kam anders.

"Mein Mann ist tot. Können Sie sich mal anschauen, was mit meiner Außenbeleuchtung nicht stimmt?", fragte ihn eine alte Dame. Höcker half gerne aus und so begann, was er gar nicht geplant hatte: Er wurde zum Mann für alles. Seitdem hilft er den älteren Menschen nicht nur beim Einkaufen, sondern auch beim Reparieren oder Strom ablesen. Vor allem aber hört er zu. 

"Es ist spannend zu erfahren, was die älteren Menschen wirklich bewegt"

"Ich merke jetzt erst, wie einsam viele alte Menschen sind, wie sehr sich viele darüber freuen, mal jemanden zum Quatschen zu haben und was für schreckliche Existenzängste viele wegen der Krise erleiden", sagt Höcker. "Es ist spannend, mal einen Blick hinter die Kulissen der Bewohner zu werfen, zu erfahren, was sie wirklich bewegt." 

Fahrschullehrer Marc Höcker am Telefon
Kann sich vor Anrufen kaum noch retten: Fahrschullehrer Marc Höcker
© Marc Höcker

Aus seinen Gesprächen weiß Höcker nun beispielsweise, wie unzufrieden viele Bürger mit der Kommunalpolitik sind. "Ich kann mir schon denken, was die Politiker sagen werden, wenn diese Krise vorbei ist: 'Wie toll wir das alles hinbekommen haben!' Aber die Wahrheit ist: Die machen nichts. Die kümmern sich um gar nichts. Es läuft gut in Bünde, weil die Menschen sich gegenseitig helfen. Aber das tun sie von sich aus, die Politiker sind gerade überhaupt keine Unterstützung." Deshalb würde Höcker, sollte er sich tatsächlich zur Bürgermeisterwahl aufstellen, auch nur parteilos antreten, sagt er.

 

In kurzen Videos auf Facebook erzählt Höcker nun auch im Internet von den Geschichten, die er bei seinem Lieferservice erlebt. Auch damit sorgte er für mehr Aufsehen als gedacht. Mittlerweile würden sich fast jeden Tag Unternehmer bei ihm melden, die etwas spenden wollen. "Gerade erst hat mich ein Klopapierhersteller kontaktiert. Wir holen jetzt demnächst erst mal mit einem unserer LKWs eine große Ladung Klopapier", erzählt Höcker begeistert – und auch ein bisschen belustigt. "Das ist aber kein Hamsterkauf, sondern eine Spende. Klopapier ist in Bünde definitiv das begehrteste Produkt. Danach fragen mich die meisten meiner Kunden."

Höcker ist anzuhören, dass ihm seine neue Arbeit Spaß macht. Seine Fahrschule nach der Krise aufzugeben, kommt für ihn trotzdem nicht in Frage. "Ich bin sozusagen als Fahrlehrer geboren", sagt er. "Mein Papa war auch schon Fahrlehrer und das werde ich auch bleiben. Die Arbeit mit jungen Leuten macht mir genauso viel Spaß. Aber ich plane dem Rewe-Markt in Bünde vorzuschlagen, mein Konzept fortzuführen. Man könnte zum Beispiel zwei Rentner beauftragen, die Einkäufe für andere alte Menschen zu erledigen, das wäre doch schön." 

Trinkgelder und Spenden, die Höcker durch das breite Interesse auf einmal erhält, will er am Ende der Krise spenden. "Wenn das alles hier überstanden ist, mache ich eine Riesenparty für Obdachlose, mit einem leckeren Buffet mit richtig gutem Essen. Darauf freue ich mich schon."

Wenn Sie weitere Beispiele von Solidarität in Zeiten der Coronavirus-Krise kennen, senden Sie uns gerne eine E-Mail mit einer kurzen Beschreibung des Projekts samt Ort und Ansprechpartner an coronahilfe@stern.de.


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