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Kinderalltag in Deutschland: Maximilians Mittwoch

Wie sieht ein durchschnittlicher Tag von durchschnittlichen Zehnjährigen in Deutschland aus? stern.de hat die Statistiken befragt: Herausgekommen sind Maximilian, Marie und Özkan.

Von Thomas Krause

So könnten sie aussehen: Unsere Protagonisten Maximilian und Leon.

So könnten sie aussehen: Unsere Protagonisten Maximilian und Leon.

Das Piepen seines Radioweckers reißt den kleinen Maximilian Schneider aus dem Schlaf. Es ist ein Mittwochmorgen um 6.30 Uhr, der Zehnjährige muss zur Schule. Doch noch ist das Sonnenlicht des Morgens zu kalt und das Bett zu warm. Erst, als zehn Minuten nach dem Weckerklingeln seine Mutter Christina ins Zimmer kommt und ihn nochmals weckt, steht er auf. Noch verschlafen geht der Junge ins Bad.

Maximilian gibt es nicht – genauso wenig wie alle anderen Personen dieses Textes. Doch ein wenig von ihm, seinen Freunden, seiner Familie steckt in jedem von uns, denn auf der Suche nach dem Durchschnittskind haben wir unsere Protagonisten sozusagen aus Kinderstatistiken und Studien geboren.. Etwa aus der "WorldVision Kinderstudie", aus dem "Statistischen Jahrbuch der Bundesrepublik Deutschland" und dem neusten Kinder- und Jugendbericht.

Oft kein Vergnügen: Die Schule für Zehnjährige

Unser Durchschnitts-Maximilian schlurft gegen 7 Uhr morgens aus dem Bad und tapst an den Frühstückstisch, wo ihn bereits seine Schwester Marie und sein Vater Holger erwarten. Seine Mutter, die als Bürokauffrau halbtags in einem mittelständischen Unternehmen arbeitet, musste schon aus dem Haus. Trotzdem haben die Kinder mehr von ihr: "Meine Mama ist nach der Schule für mich da", sagt Maximilian. "Mit Papa hätte ich gern mehr Zeit, aber der kommt abends erst spät nach Hause."

Um 7.30 Uhr herrscht im Hause Schneider Aufbruchsstimmung. Holger Schneider ist Versicherungsfachangestellter und muss um 8 Uhr im Büro sein. Auf dem Weg dorthin setzt er noch Marie und Maximilian an ihrer Grundschule ab. Weil Familie Schneider in einer Stadt lebt, ist es nicht weit. Maximilian besucht die vierte Klasse der Grundschule, Marie wurde gerade erst eingeschult.

Während sie noch spielerisch das Alphabet lernt, bekommt Maximilian bereits zu spüren, dass bald eine wichtige Entscheidung für seine Zukunft ansteht: Erhält er die Empfehlung für die Haupt-, die Realschule oder für das Gymnasium? Seit die Leistung der Kleinen ab der dritten Klasse statt in ausformulierten Berichten in formalen Zensuren gemessen wird, ist der Schulalltag etwas rauer geworden.

Zu spüren war das zum ersten Mal auf jenem Elternabend, auf dem über die Art der Leistungsbewertung in der dritten Klasse abgestimmt wurde. Die Eltern mussten mit einfacher Mehrheit entscheiden, ob die Kinder bereits am Anfang oder am Ende der dritten Klasse Zensuren bekommen sollten. Eltern mit eher schwächeren Kindern plädierten für eine längere Zeit der ausführlichen schriftlichen Leistungsbewertung. Sozusagen eine Schonfrist für die Achtjährigen. Durchgesetzt haben sich indes die Eltern mit den leistungsstarken Kindern. Sie wollten möglichst früh die Fertigkeit ihres Kindes in Form von Bewerbungsunterlagen für höhere Schulen dokumentiert sehen.

Nach Schulschluss um 13 Uhr geht Maximilian zu Fuß nach Hause. Viele seiner Klassenkameraden werden erst gegen 16:00 von ihren beiden vollberufstätigen Eltern aus dem Schulhort abgeholt. Essen gibt es für sie in der Schulkantine. Die Betreuungsmisere in Deutschland beginnt erst mit der fünften Klasse. Bis zur Vierten können die Kinder an vielen Schulen in einenen Hort. Wer sein Kind ab der fünften Klasse nicht in einer Ganztagsschule hat unterbrigen können, muss als Berufstätiger ein gutes soziales Netz aus Oma, Opa und Freunden aufgebaut haben. Ansonsten ist der Nachwuchs bis zum Feierabend der Eltern auf sich allein gestellt.

Bei den Schneiders gibt es diese Herausforderung noch nicht. Maximilians Mutter hat bereits Marie von der Schule abgeholt und Mittagessen gekocht. Heute gibt es Spaghetti mit Tomatensauce, Maximilians Leibgericht. Dann geht es an die Hausaufgaben. Während Christina Schneider Marie noch bei den Schularbeiten hilft, wirft sie nur gelegentlich einen Blick darauf, was ihr Ältester so macht. Nach nicht einmal einer halben Stunde hat Marie ihre Hausaufgaben erledigt, der Viertklässler sitzt meist deutlich über eine Stunde über seinen Schulheften. Am späten Nachmittags trifft er oft Freunde. Heute steht jedoch von 16 bis 17.30 Uhr Fußballtraining auf dem Programm. Seine Freunde hat Maximilian vor allem in der Schule und beim Fußball gefunden. "Mein bester Freund heißt Leon", sagt er. Mit ihm geht er in eine Klasse und sie spielen auch gemeinsam im Verein.

Kinder und Medienkonsum - eine Frage der sozialen Schicht

Leons Vater ist ein erfolgreicher Rechtsanwalt, entsprechend viel Geld hat seine Familie. Wenn Leon nicht Freunde trifft oder Fußball spielt, lernt er in seiner Freizeit Klavier und liest auch gerne ein Buch. Dem Fernseher oder der Spielkonsole widmet Leon nicht allzu viel Aufmerksamkeit. In seiner Familie gibt es eine klare Regel: Nicht länger als eine Stunde am Stück darf Leon vor dem Bildschirm verbringen. Er hat sehr gute Chancen, nach der Grundschule auf das Gymnasium zu kommen. Es wird von ihm auch erwartet. In Deutschland entscheidet in den meisten Fällen immer noch das soziale Umfeld über das Fortkommen der Kinder.

So auch bei Maximilians und Leons Mannschaftskameraden Özkan. "Ich glaube nicht, dass es bei mir für das Abitur reichen wird", sagt Özkan. Sein Vater ist Facharbeiter, seine Mutter kümmert sich um Haushalt und die vier Kinder. "Wir leben gut, doch bei mir zuhause ist das Geld eher knapp", sagt er. Deshalb ist der Fußballverein schon die große Ausnahme, was seine Freizeitaktivitäten angeht. Wie bei Leon und Maximilian steht das Spielen mit Freunden ganz oben auf der Liste, doch er verbringt seine Nachmittage häufig vor dem Fernseher oder spielt Playstation. Beides steht in seinem Zimmer. Zwar gibt es öfter mal Streit mit seinen Eltern, weil er so lange fernsieht, aber klare Regeln gibt es hier nicht. So richtig zufrieden ist Özkan mit seiner Freizeit nicht.

Kinderalltag: Lange Tage, volle Woche

Auch Maximilian schaut nach dem Fußballtraining gern noch Kika auf dem großen LCD-Schirm im Wohnzimmer. Eine gute Stunde guckt er täglich Fersehen. Einen eigenen Fernseher hat er aber nicht. "In meinem Zimmer steht nur ein Radio mit CD-Player", sagt Maximilian. "Und einen Nintendo 3DS habe ich." Das Internet interessiert ihn noch nicht so. Zwar kann er am Computer seiner Eltern online gehen, macht das aber nur unregelmäßig. Ein Smartphone hat er zu seinem zehnten Geburtstag bekommen. In seiner Klasse ist das nicht ungewöhnlich. Das Smartphone ist für ihn Telefon, Chatgerät und Spielkonsole in einem. Eigentlich darf er sein Smartphone nicht mit in die Schule nehmen. Der Klassenraum wurde von der Schule zur Mobile-Tabuzone erklärt.

Der Tag war lang. Überhaupt ist die Woche für Maximilian recht vollgepackt. Mittwoch und Freitag Fußball, am Donnerstag Deutschförderkurs, Montags bis 15 Uhr ein Handwerkskurs in der Schule. Wie jeden Abend gibt es gegen 19.00 Uhr Abendbrot. Während Marie nach dem Essen sofort ins Bett gehen muss, darf Maximilian als Älterer noch etwas länger aufbleiben. Meist schicken seine Eltern ihn nach der "Tagesschau" ins Bett. Mit frisch geputzten Zähnen und im Schlafanzug darf er dann im Bett noch ein bisschen lesen. "Manchmal lese ich", sagt Maximilian. "Manchmal höre ich abends ein Hörspiel." Doch egal, was Maximilian abends noch tut: Um 21 Uhr kommt sein Vater oder seine Mutter, wünscht ihm eine gute Nacht und macht das Licht aus. Schließlich piept am nächsten Morgen um 6.30 Uhr wieder Maximilians Wecker.

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