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Gemeinsam leben: Warum auch Ihre Familie Rituale braucht

Regelmäßige Rituale stärken nicht nur die Bindung innerhalb der Familie - sie sind auch echte Stresskiller. Dabei muss es gar nicht das große Spektakel sein. Wie uns Kleinigkeiten glücklich machen.

Von Jessica Wagener

Gemeinsam lesen: Solche Rituale schaffen Orientierung, stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl und vermitteln Geborgenheit.

Gemeinsam lesen: Solche Rituale schaffen Orientierung, stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl und vermitteln Geborgenheit.

Ob Frühstück, Fußballspiel oder Vorlesen - in fast jeder Familie gibt es regelmäßig wiederkehrende Aktionen. "Rituale sind symbolische Handlungen von hoher Bedeutung", so der Mikrosoziologe Professor Hans Bertram. Sie entwickeln sich meist ungeplant und können manchmal auch nerven. Warum sie trotzdem essenziell für Familien und Paare sind, erklärt der Neurologe Professor Manfred Spitzer: "Rituale haben die Funktion, Gemeinschaft zu stabilisieren. An ihnen erfahren wir überhaupt das Phänomen Familie: Das gemeinsame Aufstehen und Frühstücken, gemeinsame Freizeitaktivitäten bis hin zum gemeinsamen Abendessen und Schlafengehen - all dies ist Familienleben."

Besonders Kinder profitieren von festen Bräuchen. "Für Kinder sind sie sehr wichtig, weil sie eine klare Struktur des familiären Lebens dokumentieren. Rituale haben die Funktion, Sicherheit und Verlässlichkeit in einer Familie zu gewährleisten", so Mikrosoziologe Bertram. Das wirkt sich direkt auf das kindliche Gefühlsleben aus. Und Joachim Armbrust, Diplom-Sozialpädagoge, sagt, warum das so ist: "Die liebgewonnenen Abläufe führen in eine innere Haltung von Zufriedenheit." Keine Frage: Abendliches Vorlesen macht glücklich.

Handy aus beim Abendessen

Dabei muss es gar nicht zwingend ein ritualisiertes Spektakel mit Eventcharakter sein. Es reichen schon einfache Dinge, um ein Gefühl der Stabilität zu entwickeln und die Beziehung der Familienmitglieder zu stärken. "Auch die vielen kleinen regelmäßig wiederkehrenden Rituale des Alltags haben eine ganz eigene Bedeutung", so Armbrust. "Das gemeinsame Essen am Tisch, verbunden mit dem Austausch über Erlebnisse, Befindlichkeiten und das Abstimmen anstehender Aufgaben für den nächsten Tag ist ebenso wichtig." Laut dem Neurologen Spitzer heute sogar noch mehr als in deutlich traditionsgeprägteren Zeiten: "In unserer durchgetakteten Welt ist das bewusste Ausführen von Ritualen wahrscheinlich wichtiger als vor zweihundert Jahren. Damals gab es wenig, was das Ausführen von Ritualen gestört hätte." Das verhält sich inzwischen unter anderem durch permanente Erreichbarkeit anders, Spitzer erteilt Smartphone-Junkies eine glasklare Abfuhr: "Wer sein Familienleben heute ernst nimmt, schaltet das Handy beim Abendessen ab!"

So entwickeln Sie Rituale

Damit tun Sie letztlich nicht nur Ihren Kindern etwas Gutes, auch Ihre eigene Gesundheit gewinnt durch familiäre Traditiönchen: "Rituale betten unser Leben in einen Rahmen ein und machen die Dinge überschaubar. Damit bauen sie in erheblichem Maße Stress ab, besteht der doch letztlich in mangelnder Kontrolle über die Umstände unsere Lebens. Das Erleben von Gemeinschaft und sozialer Unterstützung reduziert Stress. Dies ist mittlerweile auch durch Untersuchungen aus der Gehirnforschung nachgewiesen und wirkt direkt positiv auf körperliche Funktionen", so der Neurologe.

Eine gute Sache? Ja, aber wenn Sie für Ihre Familie neue Rituale schaffen wollen, sollten Sie klein anfangen und alle Familienmitglieder miteinbeziehen. Finden Sie heraus: Was macht wem Spaß und was nicht? Vielleicht gibt es auch nur Teile Ihrer Familie, die zusammen kleine Bräuche entwickeln. Das ist okay. Diplom-Pädagoge Armbrust sagt, worauf es wirklich ankommt: "Wichtig ist, dass das Ritual lebendig bleibt und Spaß macht, dass es sich den Bedürfnissen anpassen darf." Ganz ähnlich sieht es auch der Neurologe Professor Spitzer: "Rituale funktionieren nur dann, wenn sie wirklich mit Leben erfüllt werden."

Und sobald die Kinder größer werden, sollten auch die Familienrituale angepasst werden. Professor Hans Bertram: "Rituale, die man beibehält, obwohl ein Teil der Familienmitglieder sie nicht mehr schätzt, können zu eine Zwangsjacke für das Zusammenleben werden."

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