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TV-Kritik

"Anne Will": Wenn ein Professor zum Digital-Sarrazin wird

Anne Will will über die Zukunft der Arbeit reden, kann aber den Psychiater Manfred Spitzer nicht bändigen. Der will Kinder und Jugendlichen von allen digitalen Medien fernhalten - das bringt ihm viel Kritik ein.

Von Jan Zier

Anne Will empfängt Gäste zum Thema "Schöne neue Arbeitswelt - Ist der Computer der bessere Mensch?"

Selbstfahrende Autos, Pflegeroboter und vollautomatisierte Supermarktkassen - in welcher Welt wollen wir leben?

Wenn SPD und FDP sich – noch dazu: in einer Talkshow! - ständig einig sind und man am Ende den FDP-Bundesvorsitzenden Christian Lindner als Stimme der Vernunft loben muss: Dann spricht das, na ja, nicht nur gegen die SPD, sondern auch gegen die Debatte. "Ist der Computer der bessere Mensch?" war die Frage, die überflüssigerweise diskutiert werden musste, weil die ARD eine Themenwoche zur "Zukunft der Arbeit" ausgerufen hat.

Dazu hätte sicher auch eine Diskussionsrunde gepasst, die an das jetzt doch unterzeichnete Freihandelsabkommen Ceta anknüpft. Und damit auch aktuell ist. So aber ging es erstmal um die Frage, ob wir es okay finden, dass es selbstfahrende Autos, Pflegeroboter und vollautomatisierte Supermarktkassen gibt. Leni Breymaier Landesvorsitzende von SPD und der Gewerkschaft ver.di in Baden-Württemberg erklärt dazu, dass sie keine Roboter an der Hotel-Rezeption sehen will und beendet den Abend mit der Erkenntnis, dass der Geist nicht mehr in die Flasche zurückzuholen ist. So weit, so banal.

Debatte läuft aus dem Ruder

Zwischendrin läuft die Debatte dann aber doch arg aus dem Ruder, was vor allem an Manfred Spitzer liegt, dem Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, der selbst dann noch ohne Punkt und Komma weiter redet, wenn ihm wirklich gar keiner mehr zuhört. Immer wieder sagt er auch: "Nein, ich lasse sie jetzt nicht ausreden!" - denn der Mann hat eine Mission. Er will Kinder und Jugendliche vor allen digitalen Medien schützen, mindestens bis sie 14, besser aber, bis sie 16 sind. "Junge Menschen müssen sich nicht mit Computern auskennen", erklärt Professor Spitzer, und dass Studien belegen, dass sie "überhaupt nicht" von digitalen Medien profitieren. Vielmehr macht Spitzer die Computer für eine Fülle von Krankheiten und Problemen verantwortlich: Sucht, Demenz, Aggression, Schulversagen, Depression, Angststörungen, Empathiemangel und vieles andere mehr.

Bei Blogger und Buchautor Sascha Lobo - eine unvermeidliche Besetzung in dieser Runde - trägt ihm das den Vorwurf der "Panikmache" und der "Dämonisierung" ein, was Spitzer aber gar nicht anficht, weil er Lobo eh für vollkommen inkompetent hält, und ihm wegen seiner roten Haare dann gerne auch noch eins mitgibt. Lobo wiederum hält Spitzer für einen "Digital-Sarrazin", der nicht differenzieren kann. Und dann ist da noch Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes Bitkom, der Computer in allen Klassenzimmern fordert, verlangt, dass Kinder "voll zweisprachig“ aus der Grundschule kommen und Handschrift für verzichtbar hält, weil er seine eh nicht lesen kann.

SPD-Vertreterin träumt von 15-Stunden-Woche

Sascha Lobo indes fürchtet weniger die Roboter in den Altenheimen - "Kann man in der Pflege heute überhaupt noch menschenwürdig arbeiten?" - Vielmehr fürchtet er das Auseinanderklaffen der Arbeitswelt: Auf der einen Seite sieht er wenige, hochqualifizierte und hoch bezahlte Arbeitskräfte, auf der anderen Seite das schlechte bezahlte digitale Proletariat, das selbst nur wenig Ahnung hat, weil es dafür ja Maschinen gibt, die man eben einfach nur für wenig Geld am Laufen halten muss. Das wäre die Chance der SPD-Frau und Gewerkschafterin - die sie aber leider verpasst. Statt dessen träumt sie nur von der 15 Stunden-Woche für alle.

Am Ende diskutiert die Runde - Anne Will verlangt es so – noch die eher abseitige Frage, wie sich das selbstfahrende Auto moralisch entscheiden soll: Dafür, das Kind tot zu fahren, dass seinem Ball hinterher auf die Straße läuft. Oder dafür, die Autoinsassen bei der Vollbremsung in die Mauer fahren und so umkommen zu lassen. Wir müssen alle Kinder mit Sensoren ausstatten, die das selbstfahrende Auto auslesen kann, sagt Herr Rohleder. Wir können das nicht entscheiden, sagt Herr Lindner von der FDP. Die Antwort auf die realitätsferne Frage ist im Alltag von "absurd wenig Nutzen", sagt Herr Lobo. Doch für die interessanteren Fragen ist an diesem Abend leider wenig Platz.