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Serie: Rabenmütter, Rabenväter: Die Bücherdiebin

Unsere neue Serie gibt Einblick in eine dunkle Ecke unserer Elternseele. stern.de-Redakteurin Julia Kepenek klaut ihrem Sohn die Bücher und denkt, er merkt es nicht.

Rund alle zwei Wochen gehe ich mit meinem Sohn in die Bücherhalle. Dort kann man für einen geringen Jahresbeitrag Bücher, CDs und DVDs ausleihen. Mein Sohn liebt die Ausflüge. Bei uns ist gleich eine Bücherhalle um die Ecke. Wir können dort zu Fuß oder mit dem Laufrad hingehen. Wenn wir angekommen sind, stürmt er sofort in die obere Etage. Dort befindet sich die Kinderecke. Mein Sohn schnappt sich ein Buch, blättert es kurz durch und mit den Worten "Das mag ich gern" landet das Exemplar im Korb.

Es dauert nicht lange, bis sich die Bücher stapeln. Während er sich Bücher aussucht, sortiere ich wieder aus. Ich habe keine Lust, 20 Bücher nach Hause zu schleppen. Abgesehen davon werden wir so viele Bücher sowieso niemals vorlesen oder angucken. Mein Sohn wählt einfach alles, auf dem ein Auto abgebildet ist. Oder ein Polizist. Oder ein Feuerwehrmann. Auch Bücher, die wir schon zehnmal ausgeliehen haben. Ich nehme Bücher, die Wissen vermitteln. Oder schön illustriert sind. Oder witzige Texte besitzen. Am Ende liegen maximal zehn Bücher im Korb. Die meisten davon habe ich ausgesucht.

Wo ist der Lkw-Fahrer?

Wenn mein Sohn sich zu den DVD-Regalen vorgearbeitet hat, dränge ich zum Gehen. Ich sage dann Sachen wie "Das funktioniert bei uns eh nicht" oder "Dafür bist du noch zu klein". Ich lüge ihn an. Mein Sohn darf jeden Tag eine halbe Stunde fernsehen. Ich finde, das ist genug. Trotzdem gibt es jedes Mal Geschrei, wenn der Fernseher ausgeschaltet wird. Zusätzliche DVDs würden das Geschrei nur potenzieren. Also bleiben die DVDs in der Bücherhalle.

Zu Hause setzen wir uns aufs Sofa und gucken die ausgeliehenen Bücher an. Nach einer Weile sucht mein Sohn ein bestimmtes Buch über einen Lkw-Fahrer. Er läuft durch die Wohnung, kramt in der Tasche, schaut im Regal. Das Buch ist nicht da. Ich habe es aussortiert und mit Absicht in der Bücherhalle gelassen. Ich kann gar nicht mehr genau sagen, warum. Ich glaube, ich fand die Texte zu kompliziert für einen Dreijährigen. Oder das Buch einfach zu abgegriffen. Ich dachte, das wird er schon nicht merken. Er hat das Buch bestimmt längst vergessen.

Mein Sohn fängt an zu weinen. Er schimpft, er tobt, er wirft sich auf den Boden. Er will alle anderen Bücher zurückbringen, nur um das eine Lkw-Buch zu bekommen. Es ist kurz nach 18 Uhr. Die Bücherhalle hat bereits geschlossen. Ich fühle mich irgendwie schuldig.

Julia Kepenek, stern.de-Redakteurin im Team Unterhaltung, ist Mutter eines dreijährigen Sohnes. Der schwankt gerade, ob er später lieber Feuerwehrmann oder Polizist werden möchte und ernährt sich den ganzen Tag am liebsten von Gummibärchen.

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