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Fimenuniversität: Unternehmen sprengen starre Lehrpläne

Während Bildungspolitiker über alternative Lernmethoden streiten, nehmen Unternehmen die Zukunft nun selbst in die Hand. Die „bildende Wirtschaft“ gründet ihre eigenen Universitäten.

Es ist mittlerweile keine Neuigkeit mehr: Das aktuelle Bildungssystem ist reformbedürftig und lehrt längst nicht mehr alles, was für den Rest des Lebens gebraucht wird. Die klassische Zweiteilung Ausbildung und dann Beruf ist zum Auslaufmodell geworden. Die neue Devise lautet: Man lernt nicht aus, es gilt sich weiterzubilden, und zwar ein Leben lang. Unternehmen haben das längst erkannt und verbinden praxisorientiert das alltägliche Arbeiten mit qualifizierter Weiterbildung. Wissen und Lernen werden in der Wirtschaftswelt geschickt organisiert: Unternehmen gründen ihre eigenen so genannten Corporate Universities.

Die AutoUni

Aktuelles Beispiel: Wolfsburg, dort baut Volkswagen eine neue Firmenuni, die im kommenden Jahr eröffnet wird. Gründungspräsident Walther C. Zimmerli reagiert damit auf die Krise des öffentlichen Bildungswesens; und seine so genannte AutoUni stellt letztlich eine Antwort auf das allgemein sinkende Qualifizierungsniveau dar. Laut Leitbild hat sich die neue Uni zum Ziel gesetzt, eine „unternehmenseigene, international anerkannte Bildungsinstitution mit wissenschaftlichem Profil“ zu etablieren. „Im Unterschied zu anderen Corporate Universities ist die AutoUni nicht nur corporate, sondern auch university; und nicht nur university, sondern auch corporate“, fügte Zimmerli bei der Auftaktveranstaltung in Wolfsburg hinzu. Hinter dieser zunächst paradoxen Formulierung verbirgt sich das Programm der neuen Hausuni: Know-how aus der VW-Welt und Wissen von ausgewählten Spitzenuniversitäten fließen gleichermaßen zusammen. Zunächst soll das Angebot nur der firmeneigenen Fach- und Managementelite zu Gute kommen. Auch beim Lehrpersonal setzt VW auf eigene Stärke, denn die Hälfte der Dozenten wird intern aus dem eigenen Haus kommen, unabhängig von akademischen Titeln. Der Rest der Uniprofs rekrutiert sich aus weltweiten Spitzenhochschulen, die nach Wolfsburg gelockt werden sollen. Erst nach ein paar Jahren strebe man die generelle Öffnung für jedermann an, erklärte VW-Chef Pischetsrieder.

Manager im Hörsaal

Auf den ersten Blick erinnert die VW-Uni an das Unimodell von Konkurrent DaimlerChrysler, der 7.000 leitenden Angestellten weltweit ein Bildungsnetzwerk zur Verfügung stellt, bei dem der Unterricht über E-Learning erfolgt. Was in Wolfsburg jedoch anders organisiert wird, ist die Präsenz vor Ort. Auf dem eigenen Hauscampus neben der Autostadt soll nicht nur ein virtuelles Netz agieren, sondern Mitarbeiter im klassischen Hörsaalformat lernen. Insgesamt 40 Millionen Euro wird der Konzern in den nächsten Jahren ins Prestigeprojekt AutoUni investieren. Pischetsrieder erhofft sich von den umfangreichen Investitionen ein besseres Standing im weltweiten Wettbewerb und eine steigende Rendite, „nicht nur für die gesamte Organisation, sondern für jeden Mitarbeiter“. Langfristig sollen alle Angestellten im „Labor zur Zukunft der Arbeit“ ausgebildet werden.

Allrounder gesucht

Das Lehrangebot der AutoUni fußt auf drei Teilen, womit der ganzheitliche Ansatz unterstrichen werden soll. Angeboten werden Inhalte der „School of Economic and Business Management“, der „School of Technologie“ sowie der „School of Humanities and Social Science“. Künftige Studenten müssen Seminare in allen Bereichen durchlaufen und werden fit gemacht für den Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft. Für VW fällt dabei der erhoffte „All-round“-Mitarbeiter ab, der eine Mischung aus Ingenieur, Manager und Soziologe darstellt und einen Tick besser qualifiziert ist, als die Konkurrenz.

“Zum Wohle von Firma und Vaterland

Ob der Spagat zwischen wissenschaftlicher Theorie und praxisnahem Management gelingt, wird auch davon abhängen, ob VW das gewonnene Wissen nur für sich bunkert oder auch zum Wohle der Allgemeinheit abgibt. Denn der alleinige In put in den Konzern wird der neuen Uni wenig gesellschaftliche Anerkennung bringen. „Zum Wohle von VW, aber nicht zum Wohle für die Gesellschaft“, wird die klage lauten. Um den Vorwurf, eine eigene elitäre Lernwelt geschaffen zu haben, frühzeitig zu entkräften, wird vieles davon abhängen, in wie weit das zukünftige Wissen allen Menschen zugänglich gemacht wird. Es gilt abzuwarten.

Bildungsdinos

Aber auch Bildungs- und Schulpolitiker sind gefragt. Denn mit den neuen Corporate Universities wächst die Kluft zwischen öffentlicher Bildungsmisere einerseits uns unternehmensnahen „Bildungsdinosauriern“ andererseits immer weiter. Und somit die Gefahr, dass Firmen kommerzielle Lernwelten etablieren, die das marode Bildungssystem auf langer Strecke hinter sich lassen.

Nicole Bockstaller

Wissenscommunity