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Jobeinstieg mit Kind: Ich bin eine dieser hochqualifizierten Mütter

Gut ausgebildet, dann Kinder bekommen und immer noch zu Hause. Weil man eh nie arbeiten wollte? Völliger Quatsch! Es lässt einen einfach niemand arbeiten. Das Dilemma der hochqualifizierten Mutter.

Eine Empörung von Bloggerin Sibylle Rost

Vor knapp zwei Wochen stolperte ich über diesen Artikel von "Spiegel Online" und regte mich fürchterlich auf. Dank der ferienbedingt anwesenden Kinder dauerte es bis heute, um Zeit und einen klaren Kopf zu finden, um dazu etwas zu schreiben.

Die Mutter gewordene Frau wird als das das Heim dekorierende Wesen dargestellt, das die Lust an der eigenen Karriere verloren hat oder: wenn Karriere nur noch Teilzeit und wenn möglich aus dem Hobby einen Beruf machen. Dass diese beiden Alternativen keine großen Karriereerfolge mit sich bringen, versteht sich quasi von selbst.

Weiterhin wird die These aufgestellt, dass die meisten Frauen nach der Kinderpause zwar noch gut 20 Jahre zu arbeiten hätten, aber an dem ursprünglich gewählten Beruf eigentlich das Interesse verloren haben, denn die Berufswahl erfolgte doch zumeist aus Bequemlichkeitsgründen.

Dazu kann ich nur sagen: Bullshit, ganz großer Bullshit.

Frauen wie mir, die hochqualifiziert zu Hause sitzen und durchaus nach dem ersten oder zweiten Babyjahr gerne wieder in den Beruf zurückgekehrt wären, erscheint dieser Artikel wie blanker Hohn, ein Schlag ins Gesicht.

Ich frage mich ernsthaft, ob die beiden Autorinnen derart weltfremd sind oder einen solch provokativen Artikel verfasst haben, damit man auf ihre Agentur aufmerksam wird. Diese nämlich hat genau das Thema, Frauen zurück in den Beruf zu bringen.

Welcher Arbeitgeber will eine Mutter dreier Kinder?

Man muss kein Einstein sein um zu verstehen, dass eine Frau nachdem sie ein (zwei, drei) Kind(er) geboren hat, nicht der biggest fish auf dem ist, um den sich alle Arbeitgeber reißen. Dank der phänomenalen Betreuungssituation in diesem Land kann eine Frau es sich seltenst leisten, Vollzeit arbeiten zu gehen. Und Teilzeitkräfte beziehungsweise Angestellte, die wegen der Kinder nicht unendlich Überstunden leisten können, werden ungern genommen. Außerdem fällt Mutti ja bei jeder Kinderkrankheit aus, nicht wahr? Die Schlaumeier, die nun meinen, der Vater könne ja einen Teil der Betreuung übernehmen, die übersehen, dass dank der Gehaltsstruktur in diesem Land sein Gehalt in einem Großteil der Familien essentiell ist und eine Einbuße dessen schlecht abgefedert werden kann. Dazu kommt, dass - egal wie modern der Kindsvater auch sein mag - die wenigsten die Bereitschaft mitbringen, eventuell einen Karrieresprung auszulassen, den eine reduzierte Arbeitszeit mit sich bringen würde, um in die partielle Kinderbetreuung der Familie mit einzusteigen.

So, hat es aber eine Mutter dann zurück in ihren Beruf oder auf eine neue Stelle geschafft, ist sie seltenst diejenige, die nun, wie im Artikel gefordert wird, eine (zweite) glänzende Karriere startet. Nicht nur, dass sie - wie oben gesagt - meist nur Teilzeit leisten kann. Nein, sie wird auch oft nicht mehr als vollwertiges Teammitglied angesehen, Kompetenzen werden genommen - oder sind schon vorweg umverteilt worden. Was vor der Kinderpause noch nach einen gutem Berufsweg aussah, ist häufig eine Sackgasse geworden, in der man seine Zeit am Schreibtisch oder wo auch immer ableistet.

Klar verzichtet man darauf gerne, denn eigentlich kehrt man ja nur in einen Beruf zurück, den man eigentlich nie so gewollt hat. Geht's noch?

Bewusste Entscheidung für die Profession

Wie unmündig und dämlich ist eine Frau in den Augen der Autorinnen? Trauen sie dieser keine gut durchdachte und mit Leidenschaft getroffene Berufswahl zu? Ist es wirklich so, dass das Gros der Arbeitnehmerinnen ihren Lohnerwerb nur aus pragmatischen und bequemen Gründen gewählt hat? Ist es nicht vorstellbar, dass Frau sich sehr bewusst und überdacht für eine Profession entschieden hat?

Frauen sind, wie die Autorinnen richtig feststellen, heute qualifiziert wie nie, haben Möglichkeiten, die vor Jahren noch unvorstellbar waren, und entscheiden sich unter diesen Umständen für einen Beruf, weil Papi den schon hatte?

Diese These ist kaum haltbar, erklärt aber in den Augen der Autorinnen, wieso Frauen sich (animiert vom Nestbautrieb?) lieber in die Dekorations- und Handarbeitswelt zurückziehen? Ich glaube, es hackt. Ich weiß nicht, ob die werten Damen schon mal gehandarbeitet haben oder ihr Heim verhübscht haben. Ich weiß nicht, ob sie diese Zeiten kennen, in denen man so wahnsinnig gerne wieder Arbeiten gehen möchte, seinen mit Interesse und Liebe gewählten Beruf ausüben möchte, aber aufgrund der gesellschaftlichen Strukturen und der persönlichen Situation kaum dahin kommt. Ich weiß nicht, ob sie das Bedürfnis kennen, neben Arsch abwischen, Spül- und Waschmaschine befüllen und leeren mal wieder etwas zu erschaffen, mal wieder seinen Kopf zu benutzen.

Kaum Anerkennung fürs Ausbrüten, Ausquetschen und Aufziehen

Ja, Handarbeiten sind gerade die heiße Scheiße, ja viele springen auf diesen Zug auf, probieren mal rein, lassen es wieder oder machen einen Dawanda-Shop auf und verkaufen handgemachte Niedlichkeiten. Aber viele nutzen Handarbeiten auch, um die tote Zeit neben der Kinderbetüddelung für sich zu nutzen, mal abzuschalten, was zu erschaffen und im besten Fall ein wenig Anerkennung für das Erschaffene zu bekommen. Denn sind wir mal ehrlich: Das Ausbrüten, Ausquetschen und Aufziehen eines Kindes bringt in der Regel - genau wie das Wuppen der Familie und ihrer Belange - nicht viel Anerkennung mit sich. Also sucht Frau sich ein Ventil. Dies aber als gewollte Flucht aus der (vorherigen) Arbeitswelt zu benennen, finde ich vermessen.

(Ich gehe jetzt nicht weiter darauf ein, dass in diesem Artikel Handarbeiten und Heimverhübschung eher als mindere und Larifari-Tätigkeiten klassifiziert werden.)

Ich bin eine dieser hochqualifizierten Mütter, die länger als gewollt daheim ist. Ich entspanne mich durch Handarbeiten. ABER ich suche immer noch und immer wieder und dringlich eine Stelle in meinem Beruf. Mich möchte wegen der Kinder und mangelnder Berufserfahrung kaum jemand einstellen. Ich gebe noch nicht auf, aber eine gewisse Resignation schimmert immer wieder durch. Artikel wie diese sind für ein mich ein Schlag ins Gesicht.

Aber vielleicht haben die Autorinnen genau das erreicht, was sie wollen. Ich habe ihre Agentur gegoogelt und die Website besucht. Vielleicht kanalisiere ich meinen Ärger und statte den Damen einen Besuch ab und frage, was sie denn für mich tun können. Viel erwarte ich jedoch nicht.

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