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Heim-Unterricht: Aufschrei eines Vaters: "Woher kommt dieser irre Druck, bloß keinen Unterricht zu verpassen?"

Geschlossene Schulen bedeuten für Kinder und Eltern eine Ausnahmesituation – und Stress. Plötzlich erfolgt der Unterricht über E-Mails, WhatsApp und Chats. Oft sind auch Lehrer überfordert. Ein Vater von zwei Grundschülerinnen hat nun Alarm geschlagen.

Ausnahmezustand: Ein Kind macht seine Aufgaben am heimischen Schreibtisch (Symbolfoto)

Ausnahmezustand: Ein Kind macht seine Aufgaben am heimischen Schreibtisch (Symbolfoto)

AFP

Homeschooling ist in der Coronakrise schnell zum geflügelten Wort geworden. Es klingt nicht ganz so altbacken wie Heim-Unterricht und vermittelt Kompetenz. Vor allem digitale.

Aber so leicht ist es nicht. In der Idealvorstellung läuft das so ab: Die Schüler erhalten ihre Aufgaben per E-Mail oder auf einem anderen Medienkanal, bearbeiten sie und schicken sie bis zum vereinbarten Zeitpunkt zurück. Oder es kommen sogar Video-Konferenzen oder Lernplattformen wie Moodle zum Einsatz. Dennoch ist Unterstützung durch die Eltern oft notwendig, auch bei älteren Schülern. In der Realität bedeutet das vor allem eines: Stress für Kinder und Eltern.

"Warum machen wir in dieser Krise einen Riesen-Druck?"

Ein Hamburger Vater von zwei Grundschülerinnen hat sich deshalb in einem langen Post auf Facebook Luft gemacht. Er stellt grundsätzliche Fragen, die nicht nur Eltern von Grundschülern etwas angehen: "Warum machen wir in dieser Krise einen Riesen-Druck, damit unsere Schülerinnen bloß keine Zeit verlieren und das gleiche Pensum schaffen, als wären sie normal in der Schule?", schreibt Andreas Freitag.

Für Selbstständige wie ihn und seine Lebenspartnerin sei es "unter erschwerten Rahmenbedingungen" ohnehin schwierig, den Lebensunterhalt zu verdienen.

 

Chaotische Kommunikation

Es geht ihm nicht nur um die Sinnfrage, alles möglichst so weiter laufen zu lassen wie in normalen Zeiten. Was Freitag anspricht, ist ein bekanntes deutsches Problem: In der digitalen Bildung hinkt das Land hinterher. Es fehlt nicht nur an technischer Ausstattung, es mangelt besonders an Erfahrung im Umgang mit Online-Unterricht. Lehrer sind zum Teil überfordert: "Mal eine SMS, mal eine Email, plötzlich ein Anruf, dann wieder ein Paket im Briefkasten (oder an der Schule von uns abzuholen). Inhalte sind wild zusammenkopierte Zettelsammlungen, abfotografierte Lösungsblätter, Videos als riesige Email-Attachments (die nicht durchkommen, oh Wunder) und zu all dem dann Instruktionen, die man mit viel Mühe aus den verschiedenen Nachrichten zusammenstückeln kann", schreibt er.

All das ist schwer zu schultern. Nebenbei merkt Freitag an, dass bei einer Viertklässlerin auf einmal eine digitale Kompetenz vorausgesetzt wird, obwohl Handy und Tablet in der Grundschule für viele Lehrer "gestern noch (als) Teufelszeug" galten.

Freitag: Das ist eine wahnsinnige Ungerechtigkeit

Zudem setzen die Lehrer offenbar voraus, dass ein Elternteil zu Hause sei und die Rolle des Lehrers übernehme. Freitag fragt, was eigentlich mit denen ist, die nicht mal einfach so – aus unterschiedlichen Gründen – diese Aufgabe nicht vollwertig übernehmen können: "Was bedeutet das eigentlich für andere Haushalte, in denen die Situation noch schwieriger ist als bei uns?" Was ist mit denen, die mit dem Schulstoff zurückfallen, weil manche Eltern nicht die Zeit haben oder es sich schlichtweg aus wirtschaftlichen Gründen nicht leisten können. Haben die dann "Pech" gehabt. Bei Alleinerziehenden "möchte man sich die Situation gar nicht vorstellen". Im Gespräch mit dem stern ergänzt er: "Das ist eine wahnsinnige Ungerechtigkeit. Es gibt viel härtere Fälle als uns." 

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Aber Freitag will nicht nur "schimpfen". Dennoch hat er Zweifel und schreibt: "Warum das alles? Was wäre eigentlich so schlimm daran, die Schule einfach mal für ein paar Wochen auf Eis zu legen, den Eltern, die arbeiten, so weit wie möglich den Rücken frei zu halten und den Eltern, die reichlich Zeit haben, die Chance zu geben, mal etwas ganz anderes mit ihren Kindern zu machen? Woher kommt dieser irre Druck, bloß keinen Unterricht zu verpassen?" Schließlich würden wir alle Arbeit, Projekte und Unternehmungen aufschieben. Warum sollten dies also nicht auch Schüler genauso machen dürfen?

Quelle: Andreas Freitag auf Facebook

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