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C. Tauzher: Die Pubertäterin: Albtraum oder Wunschtraum - so werde ich die Teenagerin los ...

Nach einem Tag, an dem sich die pubertierende Tochter besonders seltsam benommen hatte, hatte Christiane Tauzher einen Traum. Einen sehr merkwürdigen Traum, von dem sie sich erst einmal erholen muss.

Frau guckt erschreckt unter der Bettdecke hervor

Manchmal haben Mütter erschreckende Träume von ihren Kindern

Getty Images

Ich wachte auf, weil der Olaf an mir rüttelte wie an einer eingerosteten Gartentür. "Spinnst du?" fauchte ich und löste meine schmerzenden Schultern aus seinem Griff. "Du bist anders nicht aufgewacht", verteidigte er sich. Ich lugte nach dem Digitalwecker. "Das liegt wahrscheinlich daran, dass es 3.30 Uhr ist", sagte ich. "Du hattest einen Albtraum", meinte jetzt der Olaf, "oder vielleicht war es auch das Gegenteil von einem Albtraum." Ich rückte ein Stück von ihm ab, womöglich war er verrückt geworden und würde mir gleich an die Gurgel gehen. "Was heißt das - hatte ich nun einen Albtraum oder hatte ich keinen?", fragte ich. Der Olaf kratzte sich am Kopf, "naja, du hast ziemlich laut gelacht und dazwischen hast du mit den Zähnen geknirscht und 'das hast du jetzt davon'' gerufen und 'ich werde dich immer lieb haben'. Dann hast du die Arme wie eine Bettlerin in die Höhe gestreckt und zu weinen begonnen." Er strich mir eine Träne von der Wange. Tatsächlich, ich hatte geweint.

"Kannst du dich denn an gar nichts erinnern?", fragte er, "kam ich vor in deinem Traum?" Ich schüttelte den Kopf. Der Olaf wirkte enttäuscht. Jetzt fiel es mir wieder ein. Mein Unterbewusstsein hatte sich ein Szenario ausgedacht, in dem es für die Pubertät unserer Tochter eine Lösung gab. Schaudernd setzte ich die Puzzleteile meines Traumes vor meinem inneren Auge zusammen.  

Klar war: Der Traum hatte mich nicht ohne Vorarbeit der Wombi heimgesucht. Begonnen hatte das Osterwochenende nämlich damit, dass sie sich darüber beschwerte, zu wenige Geschenke bekommen zu haben. Ihr Bruder (4), moserte sie, habe doppelt so viele Nester suchen dürfen als sie. Außerdem sei sein Ostergras essbar gewesen und ihres bloß "aus billigen Papierfransen".  Auf meine Frage, ob sie sich auch über ein Riesenseifenblasen-Set gefreut hätte, rollte sie die Augen und sagte: "Haha, sehr lustig. Alle lachen bei Drei - Eins, zwei, vier." Der Olaf und ich zerkugelten uns über diesen Witz, was die Wombi noch mehr aufregte und dazu führte, dass sie den Großteil des Sonntags in ihrem Zimmer verbrachte.

Der Tag war noch nicht ganz um, als sie plötzlich hektisch herausstürzte und damit begann, das Cabrio ihres Onkels zu waschen, das dieser schon am Freitag eben dafür in unserer Gasse abgestellt hatte. Anscheinend hatte er ihr eine Nachricht geschickt, dass er "jetzt dann" kommen würde, um sein sauberes Auto abzuholen und der "fleißigen Wombi" ihren Lohn auszuzahlen. Als die Wombi mit dem Cabrio fertig war, hatte der Gartenschlauch einen Knick, der Gehsteig schäumte, und drei unserer besten Badetücher lagen triefend im Vorgarten. Ich atmete ein, ich atmete aus. Dann blies ich eine Riesenseifenblase zu den Wolken und der Olaf rief "Bravo!"

Mein Bruder kam gerade ums Eck und war begeistert von der präzisen und genauen Wascharbeit der Wombi. "Wow!", sagte er, "wie hast du denn das Innere des Verdecks so sauber bekommen?"

"Mit Feuchttüchern", antwortete die Wombi stolz. Bevor ich mich wahnsinnig aufregte, zog ich in Erwägung, dass es sich um ein Putztuch gehandelt haben könnte, das die Wombi in Lauge getaucht hatte. Aber nö. Die Feuchttücher waren schon feucht gewesen und hatten, bevor die Wombi mit ihnen das Auto geputzt hatte, am Klo gelegen. Lavendelduft. "Du putzt mit unserem feuchten Toilettenpapier ein Auto?", presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Die Wombi meinte, dass die Tücher für empfindliche Haut und für empfindliche Autos gleichermaßen wohltuend wären. "Sei froh, dass sie für den Lack nicht das Seifenblasenwasser ihres Bruders verwendet hat", raunte mir der Olaf zu. 

Erst Lavendelduft, dann Gedärme

Dem Onkel war es egal, er gab der Wombi 25 Euro und brauste im Lavendelduft davon.

Der Tag endete damit, dass ich der Wombi meinen Laptop entriss, mit dem sie es sich in ihrem Bett gemütlich gemacht hatte. Der Film, den sie bereits zur Hälfte gesehen hatte, war ab 18. "Das ist so kindisch", echauffierte sie sich, "ich habe schon viel ärgere Sachen gesehen. Das ist dagegen Babykram." Ich drehte dem "Babykram", bei dem aus diversen verstümmelten Leichen die Gedärme quollen, trotzdem den Saft ab.

Kaum hatte mich der Schlaf hinweggetragen, sah ich sie klar und deutlich vor mir: Die Babyklappe für Teenager. Geduldig reihte ich mich in die Warteschlange, in der Mütter und Väter anstanden, ihre vorläufig betäubten Pubertäter in Schubkarren oder Rollbetten vor sich herschiebend. Ich hatte mir die Wombi, die erstaunlicherweise leicht wie eine Feder war, über die Schulter geworfen. Endlich kam ich an die Reihe. "Das hast du jetzt davon", murmelte ich, als ich die  Wombi hinter die garagentorgroße Klappe schob. "Ich werde dich immer liebhaben", rief ich ihr noch nach. Die Klappe schloss sich surrend. Die nächste Mutter, die einen pickeligen Jüngling in einer Hängematte hinter sich herzog, schob mich weiter. Dann gab es plötzlich ein Erdbeben vor der Teenagerklappe, alles erzitterte - weil der Olaf mich an dieser Stelle des Traumes halbtot schüttelte. "Und wie ging es mit der Wombi hinter der Klappe weiter", fragte er, nachdem ich fertig erzählt hatte. Ich weinte noch immer oder schon wieder. "Es war nur ein böser Traum", sagte ich, "vermutlich starb sie kurze Zeit später vor Sehnsucht nach uns."

"Vermutlich", antwortete der Olaf. Es entstand eine Pause, in der ich meine Tränen trocknete.

"Wir könnten mit der Teenagerklappe ein Startup gründen", sagte jetzt der Olaf, "Wir werden steinreich damit."

"Sicher", sagte ich und tätschelte beruhigend seinen Arm.

Bei meinem nächsten Albtraum erzähle ich ihm etwas von Leichen und Gedärmen.

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