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C. Tauzher: Die Pubertäterin: Warum meine Tochter mich wochenlang anbeten wird

"Du hast doch keine Ahnung" muss sich Christiane Tauzher von ihrer Tochter ständig anhören, egal worum sich das Gespräch gerade dreht. Doch plötzlich taucht ein Thema auf, bei dem Mama plötzlich als Expertin angesehen wird – mit wichtigen Beziehungen. 

Tochter küsst Mutter

Mutter ist die Beste. Besonders wenn sie etwas hat, was man braucht ...

Getty Images

Die Wombi denkt, sie sei schon groß. Mindestens einmal am Tag erklärt sie mir, dass ich "keine Ahnung" habe. Meine Ahnungslosigkeit zieht sich durch alle Bereiche des Lebens. Ich sage: "Du solltest dir die Vokabel herausschreiben, um sie dir besser einzuprägen."

Wombi sagt: "Das ist doch total unnötig. Die Vokabeln stehen eh im Buch. Du hast doch keine Ahnung, wie man heute lernt."

Ich sage: "Das Make-Up sollte nicht dunkler als die Gesichtsfarbe sein, sonst sieht es aus, als hättest du eine Maske auf."

Wombi sagt: "Ich bin blass, ich brauche Farbe. Du hast doch keine Ahnung, wie Make-Up geht. Das ist eine Wissenschaft."

Ich sage: "Um 22 Uhr noch Chips zu essen, tut dem Körper nicht gut. Trink lieber eine Tasse Kräutertee."

Wombi: "Du hast keine Ahnung, wie mein Körper funktioniert und was er braucht. Kräutertee ist für alte Leute mit Magenproblemen."

Nun hat sich wundersamer Weise ein Thema aufgetan, das alles geändert hat: die Tanzschule. Nicht irgendeine. DIE Tanzschule. Generationen von Wiener Jungleuten lernten beim berühmten "Elmayer" unweit des Stephansdomes, wie man sich gesellschaftlich anerkannt zu klassischer Musik in den Armen liegt. Junge Damen gehen in Wien mit 15 oder 16 in den Tanzkurs, junge Herren mit 17. Tanzen gehört bei uns Wienern zur Grundausbildung wie Schnitzelausbacken und Dirndlschürzenbinden. "Wenn du in die Tanzschule möchtest, musst du dich anmelden", sagte ich zur Wombi, als sie das Vorhaben am Sonntagstisch zur Sprache brachte. Die Wombi meinte, dass das schwierig sei, da sie nur in den einen ganz bestimmten Kurs am Donnerstagnachmittag wolle. Aus Gründen. Der Donnerstagskurs war schon zu meiner Zeit überaus gefragt, weil sich die begehrtesten Jungherren aus den besten Schulen dort einfanden.

"Du kennst doch den Herrn Schäfer-Elmayer", raunzte die Wombi, "kannst du ihn nicht biiiiiitteeeeeee fragen, ob ich einen Platz in dem Kurs bekomme?"

"Denkst du, ich hätte davon eine Ahnung?", fragte ich skeptisch. Die Wombi nickte energisch und umhalste mich überschwänglich. Wie es der Zufall wollte, lief mir Herr Schäfer-Elmayer einige Tage später über den Weg. Groß war die Freude beiderseits, viele schöne Interviews hatten wir einander im Laufe der Jahre geschenkt, oft hatten wir beisammen gesessen und uns über gutes Benehmen ausgetauscht. Herr Schäfer-Elmayer ist nicht nur Tanzschulbesitzer sondern auch Österreichs Hüter der guten Sitten und hat mehrere Bücher zu Handküssen und Tischmanieren herausgebracht.

Das magische Wort ...

Nach einigem freundlichen Geplänkel ließ ich die Katze aus dem Sack. Als das magische Wort "Donnerstagskurs" meinen Mund verlassen hatte, legte sich Herrn Schäfer-Elmayers Stirn in Falten und seine Mundwinkel sackten nach unten. "Ich bedaure aus ganzem Herzen", sagte er, "aber da kann ich leider nicht weiterhelfen. Jeder, der in diesen Kurs möchte, muss sich ganz normal anmelden."   

Was "ganz normal" bedeutete, erfuhr ich anderntags von einer Freundin, deren Sohn schon im vergangenen Jahr das Tanzen am Donnerstag erlernt hatte. "Du musst dich spätestens um 6 Uhr früh am Anmeldetag anstellen. Man wartet im Schnitt neun Stunden. Nimm dir am besten einen Schemel mit und Proviant. Nur die ersten 80 bekommen einen Platz in dem Kurs. Letztes Jahr musste die Straße gesperrt werden." Ich staunte und fragte nach: "Neun Stunden stehen da die Mütter und Väter, um ihre Kinder in den Donnerstagskurs zu bekommen?" Die Freundin lachte, "Schätzchen", sagte sie, "ja, unsereins steht sich dort die Füße platt, die anderen schicken Chauffeure, Haushälterinnen oder Kinderfrauen."

Abends fragte ich die Wombi, ob sie einen Chauffeur habe, von dem ich nichts wüsste, der sich für sie am Anmeldetag um 6 Uhr in die Schlange stellen würde. Die Wombi schlug ihre Großmutter als Platzhalter vor oder die Assistentin ihres Vaters. "Äh, nein", sagte ich, "sicher nicht. Es wird so sein: Du übernimmst die Frühschicht, dann könnte ich dich eventuell ablösen, aber das muss ich mir erst überlegen ..."

Blitzartig setzte die Wombi den Hunde-Blick auf. "Bitte, bitte, bitte", sagte sie und faltete die Hände. Kurz sah es so aus, als würde sie vor mir auf die Knie fallen wollen.

Der schicksalshafte Tag der Anmeldung, der über Tanzen am Donnerstag oder Sterben entscheidet, ist Anfang Mai. Bis dahin sind es noch sieben Wochen.

Sieben Wochen, in denen die Wombi viele Vokabel herausschreiben, sich nur noch mit transparentem Gesichtspuder bestäuben und literweise Kräutertee trinken wird.

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