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C. Tauzher: Die Pubertäterin: Drei Fragen, die Teenager hassen: "Wohin gehst du? Mit wem? Wann kommst du wieder?"

Wenn die 14-jährige Tochter bis spätabends ausgeht, wüsste Christiane Tauzher schon gerne, was der Teenager dann eigentlich so macht. Doch das ist so ziemlich das Letzte, was der Nachwuchs preisgeben möchte.

Mädchen hält sich die Ohren zu und schreit

Bestimmte Fragen wollen Teenies auf keinen Fall hören

Getty Images

Je älter die Wombi wird, desto öfter und desto länger will sie "raus". Anfangs freute ich mich darüber, da ich "raus" mit frischer Luft, Wald und Wiese in Zusammenhang brachte. Was sich inzwischen als grundfalsch herausgestellt hat. "Raus" bedeutet nur, den elterlichen Fittichen zu entkommen, um mit Freunden "abzuhängen". Der Ort des Gruppen-Abhängens spielt dabei eine untergeordnete Rolle.

"Was tut ihr denn so, wenn ihr euch trefft", fragte ich die Wombi. "Wird das jetzt ein Verhör?", stutzte mich die Wombi zurecht. Ich verneinte und versicherte ihr, dass es mich bloß interessieren würde, weil ich als Mutter eben gerne wüsste, was mein Kind "draußen" so treibe. Ein tiefer Seufzer entrang sich der Wombi-Brust, bevor sie antwortete. "Wir reden nur", sagte sie dann, "und frag jetzt nicht, worüber wir reden." Genau das wäre die nächste Frage gewesen. Aber ich schluckte sie hinunter und sagte "ok".  Erwartungsvoll sah mich die Wombi an und als ich nichts mehr sagte, umarmte sie mich und sagte "Tschüss!" Ihr Gesicht war zugepudert bis zum Rand, und ihre langen Wimpern sahen aus wie dicke schwarze Spinnenbeine, die bei jedem Augenaufschlag knapp bis unter die Nacktschnecken (= Augenbrauen) tippten und schwarze Tuschespuren hinterließen. Das sah aus, als hätte die Wombi Doppel-Brauen. "Wo willst du denn hin?", fragte ich. "Raus!", antwortete sie genervt darüber, dass ich anscheinend nichts von dem verstanden hatte, was sie mir vorhin "geduldig" erklärt hatte. "Und wann kommst du wieder ,rein'?", fragte ich unbeirrt weiter. "Später", stöhnte die Wombi, "laut Gesetz darf ich mit 14 bis 1 Uhr draußen sein." Leider interessierte mich das Gesetz nicht, das sich irgendein, mit Sicherheit kinderloser Schwachkopf überlegt hatte. "Um 22 Uhr bist du wieder da", sagte ich nur. Die Wombi blies die Backen auf und ließ geräuschvoll wie ein kaputter Ballon die Luft entweichen. "Alle dürfen bis 1 Uhr raus", mokierte sie sich. "Das ist mir egal", sagte ich, "du bist um 22 Uhr zuhause."

Eine totale Gemeinheit!

Dass das eine "totale Gemeinheit" sei, und dass ich sie zur Außenseiterin mache, war noch das Netteste, was mir die Wombi an den Kopf warf. Ich sagte ihr, dass es mir leid tue, dass ich sie verstehen könne, dass es aber böse Menschen gebe, die nur darauf warteten, ... die Wombi unterbrach mich. "Ich kann mich wehren", sagte sie und nahm eine Jackie-Chan-Kampfhaltung ein. Schließlich ließ ich mich auf 23 Uhr hinaufhandeln - unter der Bedingung, dass sie ein Taxi nehmen würde.

Um fünf vor elf kam eine Nachricht von einer mir unbekannten Nummer "Das ist das Handy von der Sarah, weil mein Akku leer ist", las ich, "leider war kein Taxi da. Ich fahre mit dem Zug. Es wird später." Sofort rief ich die Nummer an, aber dem Handy von der Sarah dürfte just in dem Moment auch die Kraft ausgegangen sein. Wir, der Olaf und ich, saßen aufrecht im Bett und warteten nervös auf die Rückkehr der Wombi. Fünfzig  Minuten später trudelte sie ein.

Es tue ihr sooooooo leid. Aber weder in der Stadt, noch am Bahnhof sei ein Taxi zu finden gewesen, und ihr Akku hätte sich von 75 Prozent von einer Sekunde auf die andere "wegen der Kälte"  entleert. (Es hatte zehn Grad plus.)  

Aber es sei ihr ja eh nichts passiert und wir könnten jetzt beruhigt "weiterschlafen." Hatte sie tatsächlich "weiterschlafen" gesagt? "Junge Dame", sagte ich, und während ich noch überlegte, wie der Satz weitergehen könnte, wusste ich, dass diese Anrede ein Schuss ins Knie war. "Ich schwöre es - es war so", plusterte sich die Wombi auf, "du kannst die Marie, den Kaspar, den Nikolaus und die Laura fragen." Ich kannte keinen einzigen von Wombis Zeugen. "Wer sind diese Leute?", fragte der Olaf. "Freunde von mir", antwortete die Wombi. "Und woher kennst du die?", ließ der Olaf nicht locker. "Verschieden", sagte die Wombi, "ich kenne ja auch nicht alle deine Freunde." Der Olaf widersprach. "Doch", sagte er, "du kennst alle". 

"Wo wart ihr denn", stellte ich die verbotene Frage. "Draußen", sagte die Wombi, "dort, wo uns garantiert keine Eltern stalken." Das musste ein ziemlich entlegener Ort sein, wenn die Wombi fünfzig Minuten mit der Bahn nach Hause brauchte. Ich stellte mir eine Lichtung im dunklen Wald vor, ein Lagerfeuer, Musik, Bierdosen, zugekiffte, sich wiegende, ineinander verschlungene junge Leute. Mir wurde schlecht.

"Zum letzten Mal", sagte der Olaf mit lauterer Stimme, "wo warst du." Aus Wombis blauen Augen schossen Giftpfeile und die Spinnenbeine zuckten nervös vor Zorn. "Bitte sehr, ihr Hobbydetektive - wir waren am Bahnhof. Dort gibt es einen Supermarkt, der die ganze Nacht geöffnet hat. Hier haben wir uns Schnitzelsemmeln gekauft. Seid ihr jetzt zufrieden?"  

Mir kamen vor lauter Zufriedenheit fast die Tränen. Das Horrorbild vom Lagerfeuer zerrann. Mein Kind ging mit Freunden raus, um sich am weitest entfernten Bahnhof eine Schnitzelsemmel zu kaufen. Ach.

Als die Wombi in ihrem Zimmer verschwunden war, nachdem sie geschworen hatte, das nächste Mal pünktlich nach Hause zu kommen, sagte der Olaf zu mir, dass er sich nicht gern für blöd verkaufen lasse. Ich schon. Solange mir niemand das Gegenteil beweist, werde ich immer wieder aufs Neue an die Schnitzelsemmel glauben.

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