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C. Tauzher: Die Pubertäterin: Steht die Teenagerin nachts vor verschlossener Haustür ...

Die Tochter geht zum ersten Mal in die Staatsoper - und zwar ohne Erwachsene. Während sich die Teenagerin vor allem um das richtige Outfit sorgt, kümmert sich Christiane Tauzher um Dinge wie Taxigeld und Haustürschlüssel. Doch was nützt die beste Vorbereitung ...

Mädchen im Dunkeln mit Smartphone

Nachts vor verschlossener Haustür - jeder weitere Schritt wird auf jeden Fall peinlich

Getty Images

Seit der Countdown läuft, gehe ich der Wombi mit der Wiener Staatsoper auf die Nerven. Ich: "Du solltest das wirklich noch ausnützen, solange eine Karte nur 15 Euro kostet. Ab deinem 15. Geburtstag, zahlst du den vollen Preis."

Wombi: "Ja, eh."

Ich: "Komm, hol mal den Laptop und lass uns nachschauen, welche Oper dich interessieren könnte."

Wombi: "Gleich." (Verschwindet in ihrem Zimmer und kommt drei Stunden später wieder heraus, hat dann aber keine Zeit, weil Haarewaschen ansteht).

So ging das drei Wochen, bis der Olaf und ich einfach beschlossen, zwei günstige Jugend-Karten für "Fidelio" zu kaufen und sie der Wombi unterzujubeln. Erstaunlicherweise freute sie sich über unser eigenmächtiges Vorgehen in Sachen Oper und telefonierte sogleich mit ihrer besten Freundin Marlene. Nicht etwa um die Besetzungsliste von Fidelio durchzugehen, sondern um Outfit und Styling für den Opernbesuch zu besprechen.

Als der Abend gekommen war, türmte sich ein Gebilde an Kleidern, Strumpfhosen und Westen von der Größe eines Schneemannes in ihrem Zimmer, Schminkutensilien jeder Marke, Konsistenz und Farbe bedeckten ihren Schreibtisch und an allen drei Steckdosen hingen Haaraufmotzgeräte.

Plateau-Sandalen und ihre Einsatzgebiete

Als die Wombi aufgebrezelt wie eine Oscar-Nominierte die Küche betrat, hatten wir eine kurze Diskussion über Plateau-Sandalen und ihre Einsatzgebiete. Die Wombi schnaubte wie ein Stier, weil ich auf die schwarzen Ballerinas bestand. "Es kann dir doch egal sein, mit welchen Schuhen ich in die Oper gehe", sagte sie. Leider war es mir nicht egal. Ihre Miene hellte sich auf, als ich ihr 30 Euro für das Taxi gab. "Wenn die Oper aus ist, wird es schon dunkel sein. Es gibt gleich neben dem Eingang einen Taxistand." Das Schuhdilemma schien vergessen. "Und nimm den Haustürschlüssel mit", sagte ich, "ich habe ein neonfarbenes Band drangemacht, damit er nicht verlorengeht." Erneutes Schnauben aus Wombis gepuderten Nüstern. "Neonfarbene Schlüsselbänder gehören mit Ballerinas verbrannt", ätzte sie. Ich lächelte darüber hinweg, stopfte den Schlüssel in ihr klitzekleines Täschchen und wünschte ihr einen tollen Abend mit Beethoven. Es war noch ziemlich früh, als die Wombi das Haus verließ, um auf jeden Fall pünktlich bei der Oper anzukommen.  "Gutes, braves Kind", dachte ich mir. Wir, der Olaf und ich, hatten schon oft den ersten Akt diverser Opern im Kaffeehaus zugebracht, mit Schuldzuweisungen, woran es diesmal gelegen haben könnte. Zuspätkommenden wird nämlich erst in der Pause Einlass gewährt.

Um 23 Uhr läutete mein Telefon. Die Wombi hätte schon vor 30 Minuten zurück sein sollen. "Bitte mach' mir die Tür auf", sagte die Wombi kleinlaut, "ich stehe davor." Ich kroch aus dem Bett und ließ die Wombi rein, die an mir vorbei in die Küche stürmte und ihr Täschchen hektisch auf den Tisch kippte. "Habe ich den Schlüssel zuhause vergessen?", fragte sie mich. Ich erinnerte sie daran, dass ich selbst es war, die ihr den peinlichen Schlüssel eingepackt hatte. "Er ist weg", keuchte sie, "aber in der Oper war er noch da." Eine Wombi-Logik, weshalb sie mich eine Minute zuvor gefragt hatte, ob sie den Schlüssel zuhause vergessen hatte. "Äh, also war der Schlüssel nun in der Oper oder nicht?", fragte ich. "Ja", sagte die Wombi, "die Marlene hat ihn kurz genommen, als ich den Garderobenzettel gesucht habe und die Tasche ausgeleert habe." Ich betrachtete "die Tasche", die als Ganzes nicht viel größer als ein Garderobenzettel war. "Hmmm", machte ich, "und was hat die Marlene in der Zwischenzeit mit dem Schlüssel gemacht?"

Die Wahrheit über die Taxifahrt

"Woher soll ich das wissen?", brauste die Wombi auf. "Äh, naja, du warst als einzige dabei", sagte ich ruhig. Die Wombi ging jetzt wie ein gefangenes Tier im Kreis und raufte sich dazwischen die Haare. "Das gibt es nicht", jammerte sie. Wir riefen die Marlene an, die versicherte, der Wombi den Schlüssel zurückgegeben zu haben. Die Wombi konnte sich nicht daran erinnern. "Okay", sagte ich, "dann hast du ihn vielleicht im Taxi verloren. Gib mir die Rechnung und wir rufen den Fahrer an." Die Wombi hielt inne, ließ sich auf einen Küchenstuhl plumpsen und seufzte. "Wir sind gar nicht mit dem Taxi, sondern mit der U-Bahn nach Hause gefahren", sagte sie kleinlaut. Ich unterdrückte den Drang, eine Augenbraue hochzuziehen und die Augen zu Schlitzen zusammenzukneifen.

"Es ging nicht ", sagte die Wombi "wir waren vor der Oper im Kaffeehaus. Dort haben wir Sachertorte und Café Latte gehabt, und dann haben wir in der Pause ein paar Makronen gegessen und dazu Saft getrunken, und dann war das ganze Geld futsch."

"Alles klar", sagte ich ruhig, "dann kann der Schlüssel also nicht im Taxi sein."

"Nein", bestätigte die Wombi. "Vielleicht habt ihr ihn aus Versehen auch aufgegessen?", mischte sich der Olaf ein. "Haben wir nicht", sagte die Wombi, "wir waren schon satt."

Der Schlüssel wurde anderntags in der Oper gefunden. Die Wombi fuhr hin und holte ihn. "Zum Glück habe ich dir das Band drangemacht, sonst hätte man ihn sicher nicht gefunden", sagte ich. Wortlos montierte sie es ab und reichte es mir mit den Worten: "Wäre das doofe Band nicht dran gewesen, hätte der Schlüssel auch nicht soviel Platz in der Tasche weggenommen und ich hätte ihn gar nicht rausnehmen müssen."

Beim nächsten Mal schläft die Wombi in der Garage.

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