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C. Tauzher: Die Pubertäterin: Alles nur Show? Es soll Teenager geben, die gern musizieren, lernen und aufräumen

Christiane Tauzher entdeckt bei einem Besuch eine Teenagerin, die so ganz anders zu sein scheint also die eigene Tochter. Diese 15-Jährige ist Spitzenschülerin, spielt Querflöte und lebt in einem aufgeräumten Zimmer. Kann das alles wahr sein?

Mädchen sortiert seinen Kleiderschrank

Nicht alle Teenager wissen: Kleidung kann man auch im Schrank aufbewahren

Getty Images

Begegnungen mit anderen Wombi-Eltern sind wie Treffen anonymer Alkoholiker. Jeder weiß, was im Leben des anderen abgeht, ein Blick, ein Seufzer, hängende Schultern und alles ist klar. Man sagt einander so Sachen wie "es geht vorbei" und "nur eine Phase" und "später lachen wir darüber." Das tut irgendwie gut, auch wenn der Gedanke daran, dass wir "darüber" irgendwann lachen werden können, total abstrus ist. Trotzdem geht man gestärkt aus diesen kurzen Momenten der Leidensgenossenschaft hervor: Es bleibt das gute Gefühl mit seinem Wombi und den damit verbundenen Wahnsinnigkeiten nicht alleine auf der Welt zu sein.

Bis ich Alexandra im Supermarkt treffe. Mit Alexandra verbindet mich bis auf denselben Kinderarzt nichts. Wir lernten einander vor 14 Jahren als Jungmütter im Wartezimmer kennen. Ich hatte damals in einer geruchsintensiven Situation die Feuchttücher vergessen, Alexandra lieh mir welche. Und Zack, schon gab es einen Grund, sich anzufreunden. Ihre Tochter Ida ist sechs Monate älter als meine. Ein paar Mal verabredeten wir uns auf dem Spielplatz. Ida wollte nicht auf Bäume klettern, sie wollte keine Blumen pflücken und nicht mit Steinen werfen. Sie klebte immer an ihrer Mama.

"Hast Du nicht Zeit für einen kurzen Kaffee?", fragt Alexandra, deren große Wiedersehensfreude mir nicht geheuer ist. Wir stehen an der Tiefkühltheke, sie nimmt Erbsen heraus, ich Pizza. "Eigentlich habe ich es eilig", sage ich, aber wer "eigentlich" sagt, hat eigentlich schon verloren. "Wir wohnen gleich da drüben", sagt Alexandra.

Zehn Minuten später sitze ich an ihrem Tisch in einer blitzblank geputzten Küche, in der die Arbeitsflächen glänzen, als wären sie poliert.

"Und wie geht's euch so?", frage ich. "Sehr gut", antwortet Alexandra, "Ida ist Vorzugsschülerin und tanzt in ihrer Freizeit in einer Salsa-Formation. Am Wochenende spielt sie Querflöte in einem Jugendorchester. Im Sommer wird sie einen Monat lang in einem Kinderheim in Vorarlberg arbeiten. Und bei euch?" Ich nehme einen großen Schluck von meinem Kaffee, bevor ich sage, "uns geht's auch gut!" Zum Glück hakt Alexandra nicht nach. Stattdessen zeigt sie mir Idas Zimmer: Eine Kommode mit Tanz-Pokalen, ein Poster eines Sonnenuntergangs an der geblümten Wand, ein gut gefülltes Bücherregal, ein Bett mit ordentlich gefalteter Hello-Kitty-Decke, rosa-weiß-gestreifte Vorhänge, eine Schachtel mit Noten. Kein Schminkzeug, keine Berge von Kleidern, keine Keks-Packungen, keine Gala-Hefte.

Das Alter, in dem man sein Zimmer in Ordnung hält ...

"Hat Ida einen Freund?", frage ich. Alexandra sieht mich mit einem Blick an, der mich frösteln lässt. "Sie ist 15!", antwortet sie. Ich nicke, als wäre es mir auch erst jetzt bewusst geworden. Ach, ja, genau, 15! Das ist das Alter, in dem man sein Zimmer in Ordnung hält, für die Schule lernt, ein bisschen tanzt und musiziert und mit Hello Kitty schlafen geht. Ich denke an die chaotische Wombi-Höhle und kann keine einzige Überschneidung mit Idas Zimmer feststellen. "Das ist sie bei einem Musikwettbewerb im Sommer", sagt Alexandra stolz und zeigte mir ein Foto ihrer Tochter mit der Querflöte in der Hand. Ihr Haar ist zu einem Zopf geflochten, sie trägt ein blaues Kostüm und eine weiße Bluse. "Sehr hübsch ist sie", sage ich. Von der Wombi gibt es kein einziges Bild in einem Kostüm, und den letzten Zopf flocht ich ihr am Tag der Erstkommunion. Dafür existieren unzählige Selfies von der Wombi in provokanten Posen mit Entenschnabel-Lippen und nacktschneckigen Augenbrauen.

"Eine schwierige Zeit, diese Pubertät", sage ich, weil ich es nicht glauben kann, dass Ida nicht zumindest ein Gelegenheits-Wombi ist. "Was meinst du mit schwierig?", fragt Alexandra und will mir Kaffee nachschenken. Ich halte reflexartig meine Hand wie einen Deckel über die Tasse und springe vom Sessel. Mit einem Blick auf mein Handgelenk, wo dummerweise keine Uhr ist, beklage ich die fortgeschrittene Zeit und verabschiede mich. "Wir sollten uns wiedersehen", sagt Alexandra noch, "die Mädchen würden sich sicherlich auch freuen. Hast Du noch deine alte Nummer?" Ich lächle und nicke.

Kaum bin ich bei der Tür draußen, melde ich mein Handy als gestohlen. Ich brauche eine neue Nummer.

Zuhause frage ich die Wombi, ob sie sich noch an "die Ida" erinnere. "Ja", sagt sie, "die sehe ich eh noch manchmal. Die trifft sich mit dem Jonas unter der Straßenbahnbrücke zum Rauchen." Ach. Ida ist doch normal. Ich spüre, wie eine Welle der Genugtuung über mir zusammenschlägt.

"Und was machst eigentlich Du unter der Straßenbahnbrücke?", frage ich die Wombi.

"Ich?", tut die Wombi überrascht, "ich mag das Geräusch, wenn die Straßenbahn über die Brücke fährt."

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