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Colins elfter Geburtstag: Wie eine liebevolle Überraschung fragwürdig endet

Weil ihr Sohn keine Freunde hat, sammelt eine Mutter über Facebook Glückwünsche zu seinem elften Geburtstag. Doch was als rührende Aktion begann, endet in einer seltsamen TV-Show.

Von Viktoria Meinholz

Es begann als liebevolle Idee: Da ihr Sohn sagte, er habe keine Freunde, die er zum Geburtstag einladen könnte, richtete seine Mutter eine Facebook-Seite für ihn ein. Über zwei Millionen Menschen nutzten seitdem diese Möglichkeit, um dem Jungen zu seinem elften Geburtstag zu gratulieren. Weltweit wurde die Geschichte von Colin weitererzählt, auch stern.de berichtete. Zehntausende Karten und Päckchen trafen in einem extra eingerichteten Postfach ein, Fotos wurden bei Facebook hochgeladen, Geburtstagsvideos gedreht, sogar Fernsehmoderator Jay Leno gratulierte per Videobotschaft.

Colin wusste von alldem nichts. Der Junge, bei dem eine Form des Asperger-Syndroms diagnostiziert wurde, findet nur schwer neue Freunde. Seine Facebook-Seite hatte zwei Millionen Likes, Colin kam noch immer weinend nach Hause, weil in der Schule niemand mit ihm spielen wollte.

Am 9. März war es nun so weit, Colin wurde elf Jahre alt. Doch seine Social-Media-Überraschung bekam der Junge bereits zwei Tage zuvor. Zusammen mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester war er im Studio der amerikanischen Fernsehsendung "Good Morning America" zu Gast. Und da kippt die Geschichte: In einem Ausschnitt der Sendung, ist der kleine, schmächtige Junge mit der Brille und dem schüchternen Lächeln zu sehen, wie er neben seiner Familie steht. Um ihn herum fliegen massenhaft Luftballons, eine Blaskapelle spielt, die amerikanisch-überdrehte Moderatorin ruft etwas von "Zwei Millionen Facebooks-Fans! So cool!", ein anderer Mann stürmt ins Bild, um Colin einen riesigen Papp-Gutschein fürs Disneyland zu überreichen. Colin hat ein leicht entrücktes Lächeln im Gesicht und bläst in eine Trillerpfeife, die ihm eine der Moderatorinnen in die Hand gedrückt hat. Er versteht nicht, was um ihn herum passiert.

Übers Ziel hinaus

Und wie sollte er auch? Selbst für einen Menschen ohne soziale Scheu wäre dies eine verrückte und schwer verdauliche Situation. Seine Mutter veröffentlichte am gleichen Tag noch ein Video von Colin, indem er sich für die Glückwünsche bedankt. Sieht man ihn, ist nur schwer zu verstehen, warum dieser lustige und intelligente Junge keine Freunde hat.

Auf der vorher fast schon kitschig-liebevollen Facebook-Seite tauchen immer mehr negative Kommentare auf, auch von Freunden und Bekannten der Familie. Colins Cousin, der sich mit um die Seite kümmert, fordert in einem Post zu mehr Freundlichkeit auf. Es wird die Frage gestellt, ob das wirklich der richtige Weg sei, dem Jungen eine Freude zu machen. Andere Kommentatoren vermuten, dass der Fernsehauftritt seine Stellung in der Schule noch verschlechtern wird. Negative Kommentare werden gelöscht, genauso wie der Post von seinem Cousin, schließlich soll Colin in den nächsten Wochen die Geburtstagswünsche aus der ganzen Welt lesen.

Seine Mutter wollte ihm zeigen, dass es Menschen gibt, denen er etwas bedeutet. Doch mit weltweiter Aufmerksamkeit und einer eigenen Fernsehsendung ist sie deutlich über das Ziel hinausgeschossen.

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