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Erziehung und Ausgaben: Was Kinder wirklich brauchen – und was nicht

Sie sind uns lieb – und auch sehr teuer. Noch nie haben Eltern so viel Geld in ihren Nachwuchs investiert wie heute, oft ist es ein kleines Vermögen. Zeit und Nerven sowieso. Muss das alles sein?

Von Helen Bömelburg und Katharina Kluin

Was Kinder definitiv nicht brauchen: Druck von allen Seiten

Was Kinder definitiv nicht brauchen: Druck von allen Seiten

Noch vor den ersten Glückwunschkarten lag Post vom Finanzamt im Briefkasten – mit der Steuernummer für das Neugeborene. Vorher dachte man, es gehe um Familie, Glück und Lebenssinn. Und darum, wie dieses Kind fröhlich und stark wird, neugierig auch. Zu einem guten Menschen eben, der sich zu behaupten weiß. Danach, als das Kind geboren war, saß auf einmal immer einer über Berechnungen. Für das Elterngeld, für Sparbücher und darüber, was ein Gehalt plus ein Halbes diesem Kind kaufen kann. Geld, Geld und Geld.

Noch nie haben die Deutschen so viel Geld für ihre Kinder ausgegeben wie heute. Von der Geburt bis zum 18. Lebensjahr investieren Eltern durchschnittlich 131.256 Euro in ein Kind. Das sind monatlich gut 600 Euro für Wohnen, Essen, Heizen, aber auch für Taschengeld, Klassenfahrt, und Führerschein. Und natürlich für Babyschwimmen, musikalische Früherziehung und Nachhilfelehrer. Hinter diesen Durchschnittszahlen verbirgt sich zudem eine vielschichtige Realität. Ausgerechnet bei den Kindern schlägt die wachsende materielle Ungleichheit in der deutschen Gesellschaft voll durch. Gut ein Fünftel ihrer Gesamtausgaben verwendet die deutsche Statistik-Familie für ein Einzelkind. Ein Fünftel, das bedeutet für die Ärmsten: 382 Euro für das Lebensnotwendige und Schluss. Die wohlhabendsten zehn Prozent der Familien verwirklichen mit 900 Euro, im Schnitt, ihr Luxusprojekt Kind. 

Statusobjekt Kind

Schon für den Kinderwagen kann man 3000 Euro ausgeben: lederbespannt, mit Scheinwerfern und eingebauten Lautsprechern für das "La Le Lu". Wer etwas auf sich hält, der lässt seinen Säugling außerdem Wolle-Seide-Bodys tragen ("Das ist doch sonst nicht warm genug"). Der kauft dem Spross später Fellstiefel und Daunenmäntel, selbstverständlich nur die wahren Marken ("Das ist wirklich eine ganz andere Qualität"), und fährt ihn morgens mit dem SUV zur Schule ("Ich weiß, frisst viel Sprit ... Aber der ist einfach sicherer"). Obendrauf: das Haus mit Garten, das lateinamerikanische Au-pair-Mädchen für die dritte Fremdsprache und Privatschulen, bei denen die Klassenfahrt nach geht. Das Kind als Statusobjekt.

Obwohl eine solche Kindheit für die meisten völlig außer Reichweite liegt, so spüren doch alle Familien den ständigen Druck, mehr zu bieten, mehr zu kaufen, mehr zu fördern. "Finanzieller Druck betrifft keineswegs nur Eltern am unteren Rand der Gesellschaft", schreibt die Konrad-Adenauer-Stiftung in der Studie "Eltern unter Druck", "sondern hat die breite Mittelschicht erfasst." Fast, scheint es, hängt das Gelingen eines Kinderlebens nur von seinem Haben ab. 

Wirtschaftsfaktor Kind

Das Haben-Wollen lernen schon die Kleinsten. Die Märkte haben sie längst als Wirtschaftsfaktor entdeckt. 20 Prozent der Werbung zielt heute auf Kinder. Das wirkt: Bei der Kids-Verbraucheranalyse stimmten fast zwei Drittel der Aussage zu: "Werbung macht es mir leicht, meinen Eltern zu erklären, warum ich Sachen will."

So reden (und quengeln) sie immer öfter mit, wenn es ums Geldausgeben geht: beim Autokauf, bei der Schuhmarke und besonders im Supermarkt. , Ritter und Prinzessinnen winken von so ziemlich allem, was sonst einfach nur Keks oder Pudding wäre. Allein die Produzenten von Kinderwurst setzen pro Jahr 70 Millionen Euro mit ihrem grinsenden Aufschnitt um. Die Kinder selbst geben 20 Milliarden Euro Taschengeld im Jahr aus. Für Süßigkeiten und Eis, für Mode, Elektronik und Handygebühren.

Das Internet hat derweil eine weitere Konsumdimension eröffnet. Nicht nur, weil drei von vier Teenies heute ein Smartphone mit sich herumtragen, oft Hunderte Euro teuer. Sondern vor allem, weil mit den Geräten und Amazon ebenfalls in der Hosentasche stecken. Auch wenn die Netz-Kinder selbst noch nicht geschäftsfähig sind - so können sie ihren Eltern jederzeit zeigen, was sie wirklich, ganz unbedingt, möglichst bald, dringend haben müssen.

Nachhilfe, Auslandsjahr, Studium

Neben all den elterlichen Investitionen gibt der deutsche Staat für jedes Kind bis zum 18. Geburtstag gut 146.000 Euro aus. Ein Spitzenplatz unter den OECD-Ländern. Die öffentlichen Ausgaben umfassen mindestens 2200 Euro Kindergeld ebenso wie rund 6000 Euro Schulkosten im Jahr. Auf Letztere legen die Eltern noch mal was drauf, wenn sie können: bis zu 1,5 Milliarden Euro für Nachhilfe im Jahr, mindestens 750 Euro für jeden Nachhilfeschüler. Für die, die den Horizont ihrer Söhne und Töchter noch mehr erweitern wollen, wird es richtig teuer: Rund 9000 Euro kostet ein Oberstufen-Auslandsjahr. Und ein Studium? Kostet die Eltern 6000 Euro, ebenfalls pro Jahr.

Alles Gute, wünscht man zur Geburt. Doch nur das Gute reicht heute längst nicht mehr.

Wirklich? Wie viel Haben wollen Kinder haben? Was brauchen sie wirklich von uns? Der stern hat mit Eltern gesprochen, die außerdem renommierte Politikwissenschaftler, Kinderpsychologen, Soziologen und Ökonomen sind. Einer von ihnen ist Christian Alt, Vater von vier Töchtern und Soziologe am Deutschen Jugendinstitut in München. Er hat über Jahre beobachtet, wie Konsumwelt und Leistungsgesellschaft in Familien wirken.

Eltern geben das letzte Hemd, damit ihre Kinder teilhaben können

Das sagt der Experte

Wie sehr hängt eine gute Kindheit vom Geld ab, Herr Alt?
Geld ist nicht entscheidend. Viel wichtiger ist die Geborgenheit in der Familie. Und dennoch: Natürlich brauchen Kinder auch materielle Dinge, das fängt bei der Kleidung an und geht mit dem Handy weiter. Das heißt, ohne eine bestimmte ökonomische Basis funktioniert es nicht.

Das Handy – ein Beispiel dafür, wie sehr Konsum heute mit Dazugehören, Mithalten zu tun hat?
Ab einem bestimmten Alter ja – da kommen Eltern nicht mehr drum herum. In der Grundschule hat schon mindestens die Hälfte der Kinder ein Handy, das liegt aber vor allem daran, dass die Eltern ihr Kind erreichen wollen. Aber dann wird es immer wichtiger für die Kommunikation mit Freunden. Der Austausch von Insiderwissen hängt stark von digitalen Medien ab. Ab dem zehnten Lebensjahr wird der Druck auf die Eltern immer größer, ein Smartphone zu kaufen.

Und wenn sie es nicht tun?
Droht der Ausschluss. Die Kinder können Kommunikation und Informationsaustausch mit Gleichaltrigen nicht aufrechterhalten und verlieren möglicherweise sogar Freundschaften, die für ihre Entwicklung so wichtig sind.

So kommt eins zum anderen.
Und jede Familie muss eine eigene Antwort darauf finden, wie sie das hinbekommt. Dadurch verändert sich auch die Aufgabenverteilung. Die wenigsten Familien können es sich noch leisten, dass einer zu Hause bleibt. Generell betrachten Väter und Mütter das Einkommen heute als gemeinsame Aufgabe. Außerdem gibt es mehr Eltern, die sich beide kümmern wollen und beide einen 60- oder 70-Prozent-Job machen. Bei alldem geht es immer wieder um die Frage: Wie erreichen wir mit dem, was wir können, und dem, was wir dann haben, das Beste für unser Kind?

Muss so viel Druck denn sein?
Objektiv wohl nicht, es sind schon viele Generationen vorher zu lebenstüchtigen Erwachsenen geworden, ohne immer aus dem Vollen geschöpft zu haben. Aber Konsum ist Grundvoraussetzung für die Zugehörigkeit zu einer Konsumgesellschaft. Und: Wenn eine Familie heute meist nur ein Kind hat, ist dieses Kind das höchste Gut. Man will das Optimum für den Prinzen oder die Prinzessin erreichen.

Und wenn das nicht drin ist?
Es gilt noch immer: Eltern geben das letzte Hemd, damit ihre Kinder teilhaben können. Das hat in einkommensschwächeren Familien aber enge Grenzen - und da reden wir von immerhin 15 Prozent der Haushalte mit Kindern. Wenn Sie mit Hartz IV sieben Euro am Tag zum Leben haben, dann müssen Sie das Kind krankmelden, wenn ein Schulausflug ansteht. Klar, es gibt auch Eltern in der Mittelschicht, die stark haushalten müssen, um ihren Jüngsten von möglichst allem etwas bieten zu können: Sie feiern nur alle zwei Jahre Geburtstag und sagen, du kriegst dieses Mal dafür die Nike-Schuhe. Gerade wenn das Geld knapp ist, stehen die Bedürfnisse der Kinder ganz oben, vor allem die Bildung. Die allermeisten Eltern wissen, dass sie heute an oberster Stelle steht. Und wenn sie keinen Nachhilfelehrer bezahlen können, dann suchen sie eben einen Nachbarn, der ihren Kindern kostenlos hilft.

Allgegenwärtiger Druck der optimalen Förderung

Das monatliche Einkommen reiche in immer mehr Haushalten nicht mal mehr aus, um die laufenden Kosten zu decken, schreibt das Statistische Bundesamt in seiner kürzlich erschienenen Untersuchung "Konsumausgaben von Familien für Kinder". Aber auch Eltern in nicht ganz so prekärer Lage kommen schnell an ihre Grenzen, vor allem alleinerziehende. 16 Euro je Kind müssen da für Bücher und Schreibwaren reichen und schmale vier Euro im Monat für Nachhilfe, rein rechnerisch natürlich. Derweil fahren die Besserbetuchten ihre Kleinen in die zweisprachige Kita und zum Geigenunterricht.

So bleiben die, deren Eltern weniger Zeit und Geld haben, leicht auf der Strecke: Kinder aus ärmeren Familien haben in Deutschland besonders schlechte Aufstiegschancen. Wie gut ein Kind Lesen oder Rechnen lernt, hängt schon in der Grundschule von seiner Herkunft ab. Doch egal, ob wohlhabend oder nicht: "Der Druck, nur keine Chance auszulassen, da sie sonst ihrer heutigen Elternpflicht, das Kind optimal zu fördern, nicht gerecht werden, scheint allgegenwärtig", schreibt die Konrad-Adenauer-Stiftung. Wer in dieser Welt bestehen will, denken Eltern, muss nicht nur haben, sondern auch wissen.

Mehr Chancengleichheit

Und sie haben ja recht: Die Jüngsten früh an Lernen und Leisten zu gewöhnen hilft. Denn nach der 10. Klasse bringt jedes weitere Bildungsjahr, egal, ob an der Berufsschule oder an der Uni, bis zu zehn Prozent mehr Einkommen. Die PIACC-Studie, eine Art Pisa-Test für Erwachsene, unterscheidet bei Mathematik und Leseverständnis fünf Kompetenzebenen - und mit jeder Stufe erhöht sich das Einkommen um durchschnittlich fast 25 Prozent. Was für die Zukunft jedes einzelnen Kindes entscheidend ist, bringt letztlich auch ganze Gesellschaften zu Wohlstand: Wenn ihre Bürger richtig lesen und rechnen können, wächst die Wirtschaft. Das ist wichtiger als das politische System oder Bodenschätze.

Ja, Kinder brauchen Bildung. Möglichst früh und möglichst gut. Doch statt nach individuellen Förderkursen für Einzelne Ausschau halten, wäre allen Kindern in Deutschland mit flächendeckender Frühförderung mehr geholfen. Ludger Wößmann, Vater von drei Kindern und zurzeit Bildungsökonom im US-amerikanischen Stanford, übt Systemkritik: "Jeder Euro, den wir in Kitas und Kindergärten stecken, führt zu mehr Chancengleichheit und zu mehr Wohlstand für alle. Im Moment fließt dorthin aber am wenigsten Geld. Sehr viel allerdings geht an die Hochschulen, wo vor allem diejenigen profitieren, die sowieso privilegiert sind. Wenn Sie mich fragen, was Kinder wirklich brauchen, dann dies: dass wir die Bildungsinvestitionen zugunsten der ganz Kleinen umverteilen."

Respekt

Erwachsene können viel dazu sagen, was sie in Bezug auf Kinder für das Beste halten. Es gibt allerdings weltweit nur sehr wenige Forscher, die Kinder direkt nach ihren Wünschen und Bedürfnissen fragen. Einer von ihnen ist Mathias Albert, Vater von zwei Kindern, Politikwissenschaftler in Bielefeld und einer der Autoren der Shell-Jugendstudie. Seit 60 Jahren liefert sie regelmäßig ein Stimmungsbild der 12- bis 25-Jährigen. Albert hat noch eine andere Antwort auf die Frage, was Kinder wirklich brauchen. Nicht nur Haben und Wissen. Sondern: mehr Sein. Als Albert unsere Anfrage für das Interview bekam, fragte er erst mal seinen Sohn, sieben Jahre alt.

Und – was sagt er?
Er sagt: Respekt. Und er lag mit seiner spontanen Aussage ganz richtig. Aus unseren Befragungen wissen wir, dass es Kindern und Jugendlichen ganz stark um Anerkennung geht. Sie wollen nicht wahrgenommen werden wie jemand, den man nicht für voll nimmt, an den man vor allem Forderungen stellt und den man einfach verplant. Magst du lieber Judo oder Blockflöte? Nichts davon? Ist keine Option. Kinder spüren sehr wohl, dass bei all der Aufmerksamkeit und materiellen Zuwendung etwas fehlt.

Eltern dringen in alle Lebensbereiche ein

Was genau fehlt?
Freiheit. Freiheit von Ansprüchen, aber auch räumliche Freiheit spielt eine ganz große Rolle. Kinder und Jugendliche suchen Rückzugsmöglichkeiten aus der Welt der Erwachsenen. Doch die elternfreien Zonen werden immer kleiner - manches Kind ist nur noch in seinem eigenen Zimmer wirklich unbeaufsichtigt. Vor 40 Jahren gingen mehr als 90 Prozent der Grundschüler allein oder mit Freunden zur Schule. Heute tut das nur noch die Hälfte. Auch deshalb ziehen sich Kinder in die sozialen Netzwerke im Internet zurück. Da sind sie endlich ungestört. Autonomie ist heute eine besonders große Entwicklungsaufgabe, weil Eltern in nahezu allen Lebensbereichen der Kinder dabei sein wollen.

An einigen deutschen Unis gibt es gut besuchte "Elterntage", bei denen Väter und Mütter Professoren kennenlernen und Lehrpläne unter die Lupe nehmen. Sie kosten sogar das Mensa-Essen vor.
Es wird für Kinder und Jugendliche immer schwieriger, sich gegen die Eltern abzugrenzen. Frühe Generationen hatten es da viel leichter, sie konnten sich durch Konflikte emanzipieren.

Freiheit

Noch in einer typischen 1980er-Jahre-Kindheit war der Nachmittag meist unverplante Zeit in unstrukturiertem Raum - allein unter Kindern im Freien. Kaulquappen fangen, Entenküken retten, Buden bauen, kokeln - und wenn die Straßenlaternen angehen, kommst du nach Hause. Bei Regen: absichtsfreies Gewerkel mit Lego und Barbies, Verkleiden mit den Sachen aus der Kiste fürs Rote Kreuz und Papas Konfirmationsanzug. "Freies Spiel", wie Pädagogen es nennen, ist der Entwicklungsmotor schlechthin.

Was im Extremfall passiert, wenn Eltern diesen Entwicklungsmotor abwürgen, schildert die indisch-kanadische Kinderpsychologin Shimi Kang in ihrem Buch "Das Delfin-Prinzip. Gute Erziehung - Glückliche und starke Kinder", das diese Woche erscheint. Kang erzählt darin von einem 14-jährigen Jungen, einem Fall aus ihrer Praxis. Er hatte seine Mutter ein ganzes Wochenende lang in den Keller gesperrt. Sein Vater war im Ausland, und als er seine Frau nicht erreichen konnte, rief er die Polizei. Sie fand den Teenager schlafend im Bett, umgeben von Fastfoodpackungen und Computerspielen. "Ich brauchte einfach mal eine Pause von meiner Mutter", sagte er. "Sie drängt mich ständig, Hausaufgaben zu machen und Klavier zu üben."

Abenteuer

Natürlich dürfe man Erwartungen an Kinder stellen, schreibt Kang, aber wie sie die erfüllen, solle man sie selbst entscheiden lassen. "Kinder sind Reisende, die nach dem Weg fragen, und wir sollten ihnen gute Begleiter sein." Kinder brauchen nicht weniger, aber auch nicht mehr. Es ist kein Zufall, dass unter all dem bunten Spielzeug und den digitalen Daddelmaschinen in fast jedem Kinderzimmer auch ein Buch oder eine DVD stecken, in der kindliche Helden sich auf eigene Faust bewähren müssen. Von Ronja Räubertochter und Harry Potter bis Kung Fu Panda und Ritter Trenk. Die Geschichten erzählen nicht einfach nur Abenteuer, sondern von einer Entwicklung, die der Held Stufe für Stufe durchlebt.

Genau das wollen Kinder: selbst entscheiden, Proben bestehen und hinterher stolz auf sich sein. Harry Potter lernt Zaubersprüche im Klassenzimmer auswendig, sie gelingen ihm aber häufig erst, wenn er ganz allein stark sein muss. Kinder lieben solche Geschichten, weil sie sich selbst voranbringen wollen – Erwachsene sind nur Mentoren.

Selbst Probleme lösen

Psychologen bestätigen, dass Kinder die wichtigsten Entwicklungsaufgaben - mit eigenen Gefühlen klarkommen, sozial kompetent sein, kreativ Probleme lösen - nur erlernen, wenn sie Gelegenheit haben, sich zu bewähren. Schon Kleinkinder schaffen den ersten Schritt nur aus eigenem Antrieb und nur, wenn sie vorher hundertmal hinfallen durften. Und Zehnjährige sind erst dann richtig stolz auf ihren Sieg beim Schach, wenn sie sicher sind, dass Opa sie nicht hat gewinnen lassen.

"Kinder brauchen authentische Beziehungen. So gestärkt, können sie sich an Widerständen messen und die Welt erforschen", sagt Herbert Renz-Polster, Vater von vier Kindern, außerdem Kinderpsychologe und Autor des gerade erschienenen Buchs "Die Kindheit ist unantastbar. Warum Eltern ihr Recht auf Erziehung zurückfordern müssen".

Rahmen für Forschung ist ein gutes Stichwort. Kinder sollen heute früh zu kleinen Forschern werden.
Man kann Kinder nicht zu Forschern machen, das tragen sie schon in sich. Deshalb taugt auch der gegenwärtige Trend in der Frühpädagogik nicht. Ein Beispiel: Die Hälfte der deutschen Kindergärten nimmt an der Initiative "Haus der kleinen Forscher" teil. Da bekommen die Kinder ihr Mittagessen zuerst fertig aus Alu-Schalen serviert und sollen dann im Labor lernen, dass Wasser beim Kochen verdampft. So eine Kopfgeburt kommt heraus, wenn die Pädagogik von Wirtschaftsinteressen gekapert wird.

Wie meinen Sie das?
Die Idee stammt von der Unternehmensberatung McKinsey. Dort hatte man von Wirtschaftsvertretern gehört, dass ihren Branchen der Nachwuchs fehle. Vor allem wegen zu wenig Interesse an den sogenannten MINT-Fächern – Mathe, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Also startete McKinsey eine hochprofessionell gemanagte Bildungsinitiative, aus der das "Haus der kleinen Forscher" hervorging.

Raketen mit Backpulver-Antrieb bauen, Feuer machen – was soll daran schlecht sein?
Mich stört das "damit". Kinder zieht es zum Feuer, weil es ein Abenteuer ist. Nicht damit sie lernen, dass heiße Luft nach oben steigt. Noch mehr stört mich dieser gierige Blick auf das Kind. Das, was an ihm verwertbar ist, wird zum Kern der Pädagogik geadelt. Die Förderung dient hier nicht dem Kind, sondern einer Funktion: spätere Fachkräfte heranzuziehen.

Das Institut der deutschen Wirtschaft äußerte in einem Gutachten die Befürchtung, "dass in Zukunft nicht mehr genügend Humankapital zur Verfügung steht, um den produktiven Einsatz des Sachkapitals zu ermöglichen".
Das spricht doch Bände. In den Broschüren solcher Initiativen ist ständig von Programmen und Zertifizierungen die Rede, aber nirgendwo von Beziehungen zu den Kindern oder dem Umgang miteinander. Ich finde es schlimm, dass solche Verwerter mit am Tisch sitzen, wenn es um Erziehung und Bildung geht.

Aber Eltern haben doch zu allen Zeiten versucht, ihre Kinder bestmöglich auf die Welt vorzubereiten, in der sie später zurechtkommen müssen.
Und selbst die Generationen von Eltern, die aus heutiger Sicht so ziemlich alles falsch gemacht haben, hatten die feste Überzeugung, dass genau das notwendig sei, um die Kleinen fit fürs Leben zu machen. Weil die Welt gerade Soldaten oder Untertanen braucht, Bewohner eines "Lebensraums im Osten", Fabrikarbeiter oder IT-Spezialisten. Die Kleinen mögen die Schätze ihrer Eltern sein. Das sind sie für andere auch, aber in einem ganz anderen Sinn. Was dabei herauskommt ist nicht unbedingt das, was Kinder selbst gebraucht hätten. Es wimmelt allerorten von kleinen Einsteins, Little Giants, Schlaumäusen, Fast Track Kids und natürlich kleinen Forschern. Vielleicht werden wir uns einmal fragen, wo denn eigentlich die Kinder geblieben sind.

Was brauchen sie stattdessen?
Eltern, die Einflüsterungen und Instrumentalisierung von außen erkennen und filtern können. Die auch mal fragen: Wer macht hier eigentlich die Ansagen? Eltern müssen die Torwächter des Reichs ihrer Kinder sein.

Die große Aufgabe von Müttern und Vätern ist es, den Überblick zu bewahren und zu prüfen: Was kommt von draußen, was wollen wir reinlassen? Damit für die Kinder drinnen genug freie Zeit und freier Raum bleiben, um zu wachsen und selber ein Gespür dafür zu entwickeln, was sie können, wissen und haben wollen und wer sie wirklich sein möchten. Damit sie später die Torwächter ihres eigenen Lebens sind.

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