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Hilfe für Kriegskinder im Irak: Wenn Kinder Granaten malen

Pinsel statt Pistolen: Die Kunsttherapeutin Irina Jankowski hilft traumatisierten Kindern im Irak auf spielerische Weise. Die Malereien verraten viel über die Psyche der Flüchtlingskinder.

Irina Jankowski in einem Flüchtlingscamp: Die Kunsttherapeutin hilft traumatisierten Kindern im Irak mit einer Maltherapie

Irina Jankowski in einem Flüchtlingscamp: Die Kunsttherapeutin hilft traumatisierten Kindern im Irak mit einer Maltherapie

Das Bild zeigt detailgetreue Hubschrauber, Waffen, viel Rot. Furchteinflößende Szenen. "Einem Kind sieht man sein Trauma nicht an, aber seine Bilder zeigen, wie sehr die Seele leidet", sagt Irina Jankowski zu dem Werk eines zwölfjährigen Jungen. Der kleine Jeside habe Erinnerungen an seine Flucht aus dem Sindschar-Gebirge im Nordirak auf Papier gebracht, erzählt die 49-Jährige. Nicht alle seine Geschwister überlebten die Angriffe der Islamisten.

Die Kunsttherapeutin aus Erbach im Alb-Donau-Kreis ist gerade wieder aus dem Irak zurückgekehrt. In einem achtköpfigen Team half sie im März zwei Wochen lang Kindern zwischen 5 und 17 Jahren, traumatische Erlebnisse aus Krieg, Folter oder Unterdrückung zu verarbeiten.

Viele leiden unter Panikattacken

Nach dem Vormarsch der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) waren im Nordirak Hunderttausende Menschen aus ihren Heimatregionen geflohen, die meisten von ihnen Angehörige der religiösen Minderheit der Jesiden. In dem Flüchtlingscamp in der Provinz Dohuk im Nordirak leben mehr als 25.000 Iraker, darunter zahlreiche Kinder. Viele leiden unter Panikattacken, Schlaf-und Konzentrationsstörungen, manche sogar unter Lähmungserscheinungen.

Schulbesuche, Workshops, Ballspiele und Gleichgewichtsübungen - mit jedem Sonnenaufgang begann ein zwölfstündiger Arbeitstag für das deutsche Team. An Jankowskis Seite arbeiteten Ärzte, Lehrer, Psychologen und Pädagogen. Für die 49-Jährige war es schon der zweite Einsatz mit dem von Waldorfpädagogik geprägten Verein "Freunde der Erziehungskunst". Malen war schon immer Jankowskis Leidenschaft. Aufgewachsen ist sie im zentralasiatischen Tadschikistan, von dort nach Deutschland geflüchtet, anschließend machte sie eine Ausbildung zur Damenschneiderin, studierte Waldorfpädagogik und Kunsttherapie.

Malen löst einen Verarbeitungsprozess aus

"Seelenmassage" nennt Irina Jankowski die Maltherapie. "Die Kinder sollen sich wieder spüren können", erklärt sie. Das Malen löse einen Verarbeitungsprozess aus. Innere Blockaden würden gelöst, Selbstheilungskräfte aktiviert. Die Bilder werden laut Jankowski allmählich immer bunter, die Flüchtlinge überwinden den Schockzustand, werden mutiger - und das innerhalb weniger Tage. "Die Kinder wieder lachen zu sehen, erfüllt mich jedes Mal aufs Neue."

Laut Rudi Tarneden, Sprecher von Unicef in Deutschland, bringen solche Einsätze Struktur und einen Hauch von Normalität in die Flüchtlingslager. Tarneden war selbst im Oktober im Nordirak. "Meine Puppe ist tot. Ich glaube, die IS hat sie umgebracht", erzählte ihm ein fünfjähriges Mädchen, als er sie nach ihrem Lieblingsspielzeug fragte. Wo die Verarbeitung in Gesprächen nicht mehr möglich sei, helfe das Malen. "Die Bilder zeigen, was die Gewalt in den Köpfen der Kinder anrichtet."

Begeistert von einem Regenbogen

Die Helfer um Jankowski wollen auch aufklären, sie schulten die örtlichen Kräfte im Umgang mit traumatisierten Kindern. "An den Schulen des Lagers ist die Situation dramatisch." In den Klassenzimmern übten die Lehrer häufig rohe Gewalt aus. Traumata? Seelischer Schmerz? Jankowski schüttelt den Kopf. "Von so etwas hat kein Iraker eine Ahnung."

Jankowski erzählt: Ein riesiger bunter Regenbogen erschien eines Tages über dem Lager, die Kinder waren begeistert, ein Spektakel. Leere Blätter wurden bunt bemalt - das musste festgehalten werden. "Hier in Deutschland interessieren wir uns nicht mehr für Farben am Himmel. Und für unseren Nachbarn auch nicht, brauchen nur immer mehr eigenen materiellen Besitz." Der Zusammenhalt in der Flüchtlingsgemeinde beeindruckt sie.

"Die Seelen tauen auf"

Laut dem Verband Deutscher Kunsttherapeuten ist das Prinzip "Bilder sagen mehr als 1000 Worte" grundlegend für die Traumatologie. Die Kombination aus pädagogischem und therapeutischem Vorgehen sei effektiv. "Gerade Menschen, die Unfassbares erleben mussten, können oftmals diese Dinge nicht mit Worten wiedergeben", betont Psychotherapeutin Meryam Schouler-Ocak von der Berliner Charité. Kunsttherapeutische Interventionen seien in der Arbeit mit traumatisierten Kindern weit verbreitet. Dank Malen und Zeichnen erfahren sie Aufmerksamkeit und Wertschätzung.

"Die Seelen tauen auf", sagt Jankowski. Die Kinder hätten die Chance, sich wieder zu finden, eine Kindheit ohne Gewalt zu erleben. Der nächste Einsatz sei bereits für Ende Mai geplant. "Wir bleiben dran."

Theresa Meyer-Natus, DPA / DPA

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