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Pro und Contra: Sollen wir Homeschooling erlauben?

In Deutschland muss jedes Kind zur Schule, Ausnahmen gibt es nicht. Eine zu strenge Regelung? Sollte Heimunterricht zugelassen werden? Ja, findet Sönke Wiese. Nein, sagt Roman Heflik.

Bildungspflicht, aber kein Schulzwang!

Familie Romeike aus Bissingen hat den Homeschooling-Befürwortern einen Bärendienst erwiesen. Weil die Eltern Romeike ihre Kinder in Deutschland nicht zu Hause unterrichten dürfen, haben sie in den USA Asyl beantragt. Prompt befand ein amerikanischer Richter, sie würden in Deutschland aufgrund ihres Glaubens verfolgt.

Christenverfolgung in Deutschland? Das ist natürlich Quatsch. Damit hat die Familie mal wieder das Klischee bestätigt, dass Homeschooling-Eltern scheinbar vor allem christliche Fundamentalisten sind, die sich in einem ewigen Kampf gegen den Staat und die aufgeklärte Gesellschaft wähnen. Wer dafür seine Kinder missbraucht, darf sich nicht über sture Behörden wundern, die auf eine Durchsetzung der Schulpflicht pochen.

Doch der Fall lenkt von der entscheidenden Frage in der Homeschooling-Debatte ab: Soll es einen Schulzwang ohne jede Ausnahme geben oder lediglich eine Bildungspflicht? Die meisten europäischen Länder haben dazu eine klare Haltung: Eine Bildungspflicht reicht. Die Lehrinhalte werden vorgeschrieben, die Form des Unterrichts nicht. Beispielsweise in Österreich überprüfen staatliche Stellen regelmäßig den Wissensstand der privat unterrichteten Schüler. Wer durchfällt, muss auf die Schule.

Auch in Deutschland gibt es Kinder, die mit den starren Strukturen der Schule nicht klar kommen, dort schlecht lernen oder zu gemobbten Außenseitern werden. Wenn in solchen Fällen das häusliche Umfeld eine bessere Bildung gewährleistet, muss es die Möglichkeit des Heimunterrichts geben. Tatsächlich sind die meisten Homeschooling-Befürworter engagierte Eltern, die sich mehr Gedanken über Bildung und Erziehung machen als die durchschnittliche Bevölkerung. Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass zu Hause unterrichtete Kinder im Schnitt leistungsschwächer als ihre Altersgenossen oder sozial isoliert wären.

Kinder sind nun mal unterschiedlich gestrickt. Der Staat sollte anerkennen, dass Schule oder schulähnliche Einrichtungen nicht immer die optimale Förderung bieten. Deutschland sollte so liberal wie seine Nachbarn werden und alternative Lernformen zulassen. Ein grundsätzliches Recht auf Heimunterricht würde nicht die Gesellschaft erschüttern. Wenn in Einzelfällen religiöser Fundamentalismus die Entwicklung der Kinder gefährdet, können die Behörden immer noch einschreiten. Am Ende kommt es nur auf eines an: auf das Wohl der Kinder.

Gebt der Schule ihre Schüler wieder!

Wenn sich Eltern einer Sache sicher sind, dann ist es die: Sie wissen am besten, was gut für ihr Kind ist. Eltern bestimmen - zumindest in den ersten Lebensjahren - so ziemlich jeden Lebensaspekt ihres Nachwuchses: Was das Kind isst, wie es sich anzieht, was es im Fernsehen sehen darf, wohin es in den Urlaub fährt. Um all das müssen sich Eltern kümmern. Es ist eine große Verantwortung.

Doch eine wachsende Zahl von Eltern versteht ihre Verantwortung anders: Sie wollen uneingeschränkt bestimmen dürfen, in welcher Umgebung ihr Kind unterrichtet wird: staatliche Schule, private Schule oder aber zuhause. Und einige von ihnen fordern auch, bestimmen zu können, wer ihr Kind unterrichtet und auch, was ihm beigebracht werden soll. Haben sie als Verantwortliche nicht alles Recht der Welt dazu?

Nein, das haben sie nicht.

Denn Familien sind Teil einer Gesellschaft. Doch die Verantwortung dafür, dass sich alle Teile dieser Gesellschaft gleichermaßen frei entfalten können, ohne dass das Gefüge auseinander bricht, trägt der Staat. Er ist dafür zuständig, dass in seinen Grenzen Gerechtigkeit und Chancengleichheit herrschen.

Auch wenn einige Eltern das nicht gerne hören werden: Die Schulpflicht trägt dazu bei.

Sie stellt nicht nur sicher, dass alle Kinder Zugang zu Bildung erhalten. Die Schulpflicht garantiert darüber hinaus auch, dass Kinder von Lehrkräften unterrichtet werden, die unter staatlicher Aufsicht und nach einem einheitlichen Muster ausgebildet wurden. Und dank der Schulpflicht nehmen sie an einem Unterricht teil, der nach einheitlichen Lehrplänen strukturiert wird.

Ist das nicht furchtbar autoritär gedacht? Nein, es ist demokratisch gedacht. Lehrerausbildung, Lehrpläne und Schulalltag mögen alles andere als perfekt sein: Aber immerhin stehen sie unter der Kontrolle eines demokratischen Rechtsstaats, über dessen Entwicklung letztlich die Wähler bestimmen: bei Bundestags- und Landtagswahlen oder in Form von Volksbegehren, wie jenes über die Hamburger Schulreform.

Ein Vater, der seine Kinder zuhause selbst erzieht, mag ein liebevoller und guter Lehrer sein. Er könnte seine Kinder aber auch in der Isolation der eigenen vier Wände autoritärer erziehen als jeder studierte Pädagoge. Und er könnte seinen Schützlingen eine Erziehung angedeihen lassen, die mit freiheitlichen Grundwerten nicht das Geringste zu tun hat. Wie könnte der Staat diesen Unterschied herausfinden? Und wie sollte er solche Erziehungsfehler wieder korrigieren, wenn kein Lehrer mit seiner Fachkenntnis, keine Klassengemeinschaft mit ihrer Meinungsvielfalt mehr in der Nähe ist?

Das Risiko, auf die Schulpflicht zu verzichten, ist einfach zu groß.

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