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Brief an Eltern in Behördendeutsch Senatorin Scheeres malträtiert Migranten


Die Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres fordert in einem Brief Eltern auf, die sprachliche Förderung ihrer Vierjährigen ernstzunehmen. Leider kann man das Anschreiben kaum lesen.
Von Susanne Baller

Um die Wichtigkeit von Sprachfördermaßnahmen vor der Einschulung zu erklären, hat Sandra Scheeres, Berliner Senatorin für Bildung, Jugend und Wissenschaft, einen Brief an die Eltern vierjähriger Kinder geschrieben. "Liebe Mütter und Väter, liebe Familien", beginnt der Einseiter, der über die gesetzliche Regelung bei Sprachförderbedarf aufklären soll und dem noch ein Merkblatt angehängt ist. Doch dann geht's los: In schlimmstem Bürokratendeutsch wendet sich Scheeres an Eltern, deren Kinder sprachlich straucheln. Die zu einem großen Teil Migrationshintergrund haben. Lange Schachtelsätze gespickt mit Wortmonstern wie "Sprachstandsfeststellungsverfahren" erschweren das Lesen. Über das falsche Deutsch, das noch hinzukommt, hat sich bereits Harald Martenstein im "Tagesspiegel" lustig gemacht. Auch wenn die Bildungssenatorin den Brief - der ihre gedruckte Unterschrift trägt - nicht selbst verfasst haben sollte: Ihre Zielgruppe für ein solches Anschreiben sollte sie im Blick behalten.

Die Kita muss es richten

Man kann dem Berliner Senat nicht vorwerfen, dass er sich nicht um sprachliche Förderung bemühe. Berlin hat ein eigenes Modell, mit dem sie die sprachliche Entwicklung von Kindern in der Kita begleitet, das sogenannte Sprachlerntagebuch. Darin dokumentieren die Erzieher die Sprachentwicklung ihrer Schützlinge, um eventuellen Förderbedarf mit den Eltern zu besprechen und Förderung zu veranlassen. Die Kita entscheidet, wie eine solche Förderung abläuft, sowohl organisatorisch als auch inhaltlich. Bei einem Wechsel der Einrichtung muss der Förderbedarf mitgeteilt werden. Geht das Kind im letzten Jahr vor der Einschulung nicht in die Kita, ist es dennoch zur Teilnahme an der einjährigen vorschulischen Sprachförderung verpflichtet. Der Senat will auf diese Weise gleiche sprachliche Voraussetzungen für alle i-Männchen schaffen.

Doch kommt es wie in ihrem Brief zu einem direkten Kontakt zwischen Scheeres und den Eltern, wirkt das Vorgehen hilflos. Ist das Merkblatt schon total verkompliziert verfasst, hätte zumindest das persönliche Anschreiben klar verständlich formuliert sein können.

So erreicht Scheeres ihr Publikum nicht

Der Integrationsreport des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge ergab 2008: "Insgesamt ist der Sprachstand von Migrantenkindern als problematisch zu beurteilen. Bei Sprachstandserhebungen im Vorschulalter zeigten sich Defizite bei mündlichen Sprachfertigkeiten wie Sprachverstehen und Wortschatz. Unter den förderungsbedürftigen Kindern hat die Mehrzahl einen Migrationshintergrund und unter den Kindern mit Migrationshintergrund hat ein relativ hoher Anteil einen Förderbedarf."

Deshalb werden nun bereits Vierjährige getestet, um die Startchancen von Kindern mit Migrationshintergrund zu verbessern. Doch deren Eltern haben eine andere Ansprache verdient.


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