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Jugendbuch "Voll verkackt ist halb gewonnen": 80.000 Jugendliche machen jährlich in Deutschland keinen Schulabschluss – wie kann das sein?

Faul, Schulverweigerer, Schulversager – Schimpfworte für Jugendliche, die an der Schule scheitern, gibt es genug. Aber über die Gründe erfährt man wenig. Autor Tom Limes erzählt in seinem neuen Buch davon und zeigt Alternativen zur drohenden Arbeitslosigkeit.

Jugendliche stehen unter einer Metalltreppe

Wie groß die Zahl der Jugendlichen ohne Schulabschluss in Deutschland ist, überrascht. Tom Limes erzählt in "Voll verkackt ist halb gewonnen", dass es sich lohnt, einen "allerletzten Versuch" zu starten.

Vier Helden braucht es, um die Vielfalt an Gründen, die zum fehlenden Schulabschluss führen, auf solide Füße zu stellen. Und Helden ist ein Begriff, der in diesem Zusammenhang eher selten verwendet wird. Doch wer die Protagonisten aus "Voll verkackt ist halb gewonnen" kennenlernt, trifft vier Jugendliche, die eine erstaunlich große Zahl in Deutschland repäsentieren. Autor Tom Limes schafft es, diejenigen, die von der Gesellschaft als Loser abgestempelt werden, von einer anderen Seite zu zeigen. Julian, Liza, Tariq und Max lernen sich in einer "berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme" kennen, so nennt das Arbeitsamt diesen Ort. Das ist die letzte Chance, einen Hauptschulabschluss zu machen: Unterricht plus mehrere Betriebspraktika. Jeder der vier hat einen anderen Beweggrund, es noch einmal zu versuchen. Und jeder von ihnen hat eine eigene Geschichte, die überhaupt dazu geführt hat, dass er hier gelandet ist. Was sie jedoch gemeinsam haben, ist etwas, womit sie selbst nicht gerechnet haben: Träume.

Buchcover

"Voll verkackt ist halb gewonnen", Tom Limes, Arena Verlag, 12 Euro, hier bestellbar

Tom Limes arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit Kindern und Jugendlichen, die von der Schule frustriert sind. Er kennt alle Gründe, wie es dazu kommt, dass Schüler hinschmeißen. Dass Kinder Lehrer, Leistungsdruck und Langeweile in manchen Fächern einfach nicht mehr aushalten und glauben, mit ihrer Zeit besseres anfangen zu können. Oder dass Umstände im Elternhaus das Zur-Schule-Gehen unmöglich machen. "Schulverweigerer? Es ist ein Geflecht, was dazu führt", sagt Tom Limes im Gespräch mit dem stern. "Das kann eine Lernbeeinträchtigung sein, das familiäre Umfeld oder die Peergroup. Es kann aber auch die Schule sein, mit Lehrern, die Psychos sind. Es kann ein schulindiziertes Problem sein, das trifft auf sehr viele meiner Schüler zu. Die haben Lehrer, die zum Bespiel mit einer Matheschwäche nicht umgehen können, die die Kinder bloßstellen." Vermutlich erinnert sich jeder an ein solches Exemplar aus der eigenen Schulzeit.

Wer "versagt" denn eigentlich?

Eltern fällt es manchmal schwer zu erkennen, dass ihr Kind Hilfe braucht. In der Pubertät haben sie es meist mit Wesen zu tun, die sich abkapseln und von jedem anderen Ratschläge und Hilfen annehmen, außer von ihnen. Die Jugendlichen wollen sich zwar nichts mehr sagen lassen, haben aber auch noch nicht den Weitblick, um die besten Entscheidungen zu treffen. "Die Frage ist immer, wie gut ein Kind selbstwirksam handeln kann, wenn es sieht, dass etwas schiefläuft", erklärt Tom Limes. Dazu braucht es die Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann. "Damit es selbst aktiv wird und guckt, wie es die Situation bessern kann." Denn ohne eigene Erkenntnis geht gar nichts.

Im Alltag sieht jeder die Schuld fürs Scheitern beim anderen. "Nachgewiesen in der Zurechnung der Ursachen von Schulproblemen ist in der Tendenz: Lehrkräfte sprechen Eltern und Schüler/innen verantwortlich, Eltern die Schule und/oder das Kind, junge Menschen die Schule und gleichaltrige Verführer", erklärt Karlheinz Thimm in seinem Text "Null Bock auf Schule". Seine Bilanz für Deutschland überrascht: "Mehr als 80.000 Schüler/innen, also mehr als 9 Prozent eines Altersjahrgangs, verlassen die Schulen in der Bundesrepublik jährlich ohne Abschluss. 35.000 von ihnen kommen aus Sonderschulen. Weniger als die Hälfte der Gesamtgruppe holt den Abschluss außerschulisch nach", schreibt er bei familienhandbuch.de. Das Risiko, in die Arbeitslosigkeit zu geraten, ist extrem groß.

Dass es einen Ausweg gibt, ist die erfreuliche Bilanz in "Voll verkackt ist halb gewonnen". In den Geschichten um die vier Jugendlichen zeigt sich, dass Autor Tom Limes niemanden schuldig sprechen will. Er weiß genau, dass dies selten der volle Wahrheit entspricht – auch wenn Tariq zum Beispiel einen Vater hat, der ihn nicht zur Schule gehen lässt. Die Geschichte wird durch die Augen von Julian und Liza erzählt, die sich im Laufe der "Maßnahme" immer besser kennenlernen... Tröstlich, spannend und herzerwärmend, auch für Erwachsene.

Zusätzliche Quellen: Arbeitsagentur, Familienhandbuch.de

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