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Selbstversuch Eine Introvertierte lebt ein Jahr lang extrovertiert – ein Experiment zum Kopfschütteln

Jungen Menschen feiern auf einem Festival
Partys, Festivals, Feiern – vielen Introvertierten ist das ein Graus
© Wendy Wei / Pexels
Jessica Pan ist eine Introvertierte, wie sie im Buche steht. Dennoch hat die Journalistin versucht, ein Jahr lang all die Dinge zu tun, vor denen sie sich eigentlich fürchtet. Ihre Erfahrungen erweiterten den Horizont.

Jessica Pan bezeichnet sich selbst gern als "schintrovertiert" – eine Mischung aus schüchtern und introvertiert. Ihr graust vor Smalltalk, sie würde niemals irgendwo einen fremden Menschen ansprechen, am liebsten verbringt sie ihre Tage zu Hause auf der Couch. Doch irgendwann hatte die Journalistin von diesem Leben genug. Sie wollte erfahren, wie es ist, das Leben einer Extrovertierten zu führen.

Buchcover "Der Guide für Introvertierte, um ein angsteinflößend abenteuerliches Leben zu führen"
Jessica Pan
Der Guide für Introvertierte, um ein angsteinflößend abenteuerliches Leben zu führen
Münchner Verlagsgruppe
304 Seiten
16,99 Euro
ISBN: 978-3-7474-0196-5
© Münchner Verlagsgruppe

Ein Jahr lang hat Jessica Pan all die Dinge getan, die sie sonst verabscheut. Dinge, die mit Menschen, Bühnen und Unsicherheit zu tun haben. Dinge, die introvertierten Personen Angst und extrovertierten Menschen Freude bereiten. In ihrem Buch "Der Guide für Introvertierte, um ein angsteinflößend abenteuerliches Leben zu führen" berichtet die US-Amerikanerin von diesem ungewöhnlichen Selbstversuch, der sie weit aus ihrer Komfortzone geführt hat.

Will wirklich jeder gern in der Bahn angesprochen werden?

Introvertierte, so die gängige Definition, finden Energie im Alleinsein. Extrovertierte hingegen tanken auf, wenn sie mit anderen Menschen interagieren. Und Jessica Pan war oft und gern allein. Die Idee zu dem Experiment kam ihr, weil sie sich trotzdem mit ihrer introvertierten Art nicht mehr wohlfühlte – obwohl die nun einmal einen beträchtlichen Teil ihrer Persönlichkeit ausmacht. Das verwundert zunächst bei einer Frau, die von sich selbst als "stolze Introvertierte" spricht. Dennoch hatte sie das Gefühl, etwas zu verpassen: "Meine Sicht auf mich war eine selbsterfüllende Prophezeiung", schreibt Pan. Sich selbst als introvertiert zu sehen, sei auch ein Vorwand gewesen, sich vor der Welt zu verstecken.

Und so wagte Pan sich hinaus in die Welt der Extrovertierten, um all das zu tun, was sie vermeintlich aufgrund ihrer Persönlichkeit nie tun konnte. Zumindest hatte sie das immer geglaubt. Für ihr Experiment holte sich Pan Hilfe von Psychologen, Buchautoren und anderen Experten. Sie erklären der Journalistin beispielsweise, warum eigentlich nichts dabei ist, mit fremden Menschen in der Bahn zu sprechen: "Alle wollen angesprochen werden, aber niemand will jemanden ansprechen." Das kann jeder Leser einmal am eigenen Beispiel überprüfen.

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Fremde Menschen und Unsicherheit – das macht Introvertierten Probleme

Der Wunsch, extrovertiert zu werden, lässt Pan Netzwerktreffen organisieren, Teil einer Impro-Theater-Truppe werden, eine Stand-up-Comedy-Nummer spielen und sogar eine Dinnerparty veranstalten. Gemeinsam haben diese Aufgaben alle eines: Sie sind mit fremden Menschen und einem hohen Maß an Unsicherheit verbunden. Situationen, die sich nicht planen lassen, sind den meisten Introvertierten zuwider. Kein Wunder also, dass Jessica Pan immer wieder mit der blanken Panik kämpft. Zum Beispiel, als sie über eine App nach neuen Freundinnen sucht und ein Treffen von Frauen zu organisieren versucht. Es kommen ganze zwei Personen. Pan erkennt im Laufe ihres Projekts jedoch auch: Die Angst vor der Zurückweisung ist meist viel schlimmer als die Realität. "Einfach trauen" lautet in den meisten Fällen die Devise.

Was so einfach klingt, ist für manche Menschen eine riesige Überwindung. Wie riesig, das macht Jessica Pan in ihrem eigenen Fall sehr anschaulich. Die meisten Menschen, die dieses Buch lesen, dürften darüber den Kopf schütteln. Die Introvertierten, weil sie um nichts in der Welt etwas von dem tun würden, was die Autorin sich zumutet. Die Extrovertierten, weil sie nicht verstehen, wo das Problem ist. Das Gute daran: Jeder lernt etwas über Menschen, die vollkommen anders ticken als man selbst.

Gleichzeitig hat auch Introversion viele verschiedene Facetten – als Blaupause für Menschen mit dieser Eigenschaft taugen Pans Erfahrungen deshalb nicht. Wer um nichts in der Welt in der Öffentlichkeit einen Fremden ansprechen würde (und auch nicht angesprochen werden möchte), hat deshalb nicht automatisch auch Angst vor öffentlichen Auftritten. Ohnehin sind die Übergänge auf dem Spektrum zwischen Intro- und Extroversion fließend. Jessica Pan hat gelernt, beides zu beherrschen – eine Fähigkeit, die man immer gebrauchen kann.

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