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Kollegen spenden 180 Urlaubstage Er verlor seine Frau an Covid-19 und blieb mit einem Frühchen zurück – sein Arbeitgeber springt ein

Ein Vater mit FFP2-Maske und Kittel hat seinen kleinen Sohn auf dem Bauch
Endlich hat es geklappt, Papas Testergebnis war negativ und Lorik darf seinen ersten Besuch von ihm bekommen
© Privat
Corona hält so manches schlimme Schicksal bereit. Einen werdenden Vater traf es besonders hart. Seine Frau starb an Covid-19, zurück blieb ein kleiner Junge von 980 Gramm Gewicht. Dank seines Arbeitgebers gibt es für die beiden aber Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft. Der stern hat mit Firma Odenwäller gesprochen. 

Im 250-Einwohner-Örtchen Butterstadt, östlich von Frankfurt am Main, sitzt die Garten- und Landschaftsbau-Firma Odenwäller, ein Familienunternehmen mit rund 150 Mitarbeitenden. Der Begriff Familienunternehmen zeigt sich dort nicht nur in der Führung in der zweiten Generation, sondern auch im täglichen Leben – und im Moment ganz besonders. Das erfuhr just ein Angestellter, dem das Leben im Jahr 2021 übel mitgespielt hat. Nicht nur erkrankten er, dessen Name von der Firma gut behütet wird, und seine Frau im Januar an Corona, die Ehefrau war auch noch schwanger, im siebten Monat.

Während sich der Mann, der vor gut zwei Jahren aus dem Kosovo nach Deutschland gekommen war, gut erholte, verschlechterte sich der Zustand der werdenden Mutter. Vom Klinikum Hanau wurde sie nach einem Tag in die Uniklinik Frankfurt überstellt, wo am 24. Januar der gemeinsame Sohn mit einem Notkaiserschnitt auf die Welt geholt werden musste, damit die Frau im künstlichen Koma beatmet werden konnte. Das Baby wog 980 Gramm. Die 27-jährige Mutter erholte sich jedoch nicht von ihrer Covid-19-Erkrankung. Am 15. März wurden die Geräte abgestellt.

Neben dem persönlichen Verlust seiner Frau, die ihr Kind wegen des künstlichen Komas nie gesehen hat, kamen auf den 30-jährigen Vater aber noch ganz andere Sorgen zu. Während sich seine Frau, die auch aus dem Kosovo gekommen war, aber schon die deutsche Staatsbürgerschaft besaß, immer um alle privaten und behördlichen Formalitäten gekümmert hatte, musste sich der junge Mann durch den deutschen Behördendschungel kämpfen. Nicht einmal einen Namen für sein Kind hätte er wählen dürfen – der kleine Lorik wird bald drei Monate alt – hätte sich nicht die Personalbeauftragte seines Arbeitgebers für ihn engagiert: Cornelia Kellner übernahm, mit dem Segen und der Unterstützung der Firma, Anfragen bei Rechtsanwälten sowie bei Behörden. Dem Vater stand nicht nur sein Leid im Wege, sondern auch sein noch nicht perfektes Deutsch. Die Odenwällers sorgten dafür, dass er auch in Deutschland eine Familie hat, die sich kümmert: seine Firma und seine Kollegen. Der stern hat mit Cornelia Kellner und Junior-Chefin Thekla Odenwäller-Brune gesprochen.

Ganz kurz zur Verortung: Butterstadt ist ein Stadtteil von Bruchköbel und das alles liegt östlich von Frankfurt?
Thekla Odenwäller-Brune: Ja, genau, Butterstadt hat nur zirka 250 Einwohner. Wenn morgens 150 Mitarbeiter anrücken, wird es dort kurzzeitig ziemlich eng.

Seit wann arbeitet der junge Vater in Ihrer Firma?
Cornelia Kellner: Seit Februar 2020. Die beiden haben vor zwei Jahren geheiratet und er ist seit etwa zweieinhalb Jahren in Deutschland. Während wir sonst im Betrieb immer ein großes Sommer- und ein Weihnachtsfest mit Angehörigen hatten, ist im vergangenen Jahr wegen Corona ja alles ausgefallen, und außer den Kollegen in seiner Kolonne kannte den Vater fast keiner.

Dennoch sind gerade rund 180 Urlaubstage von den anderen Mitarbeitern gespendet worden, die dem Vater entweder als Freizeit oder Geldwert zugute kommen sollen – und die Firma hat das noch einmal um die Hälfte erhöht.
Thekla Odenwäller-Brune: Ja, das ist ganz erstaunlich. Durch Corona haben sich die Leute nicht wie sonst per Handschlag morgens begrüßt, nur die Bauleiter waren das Bindeglied. Mein Bruder hatte gemeinsam mit Frau Kellner die Idee mit den Urlaubstagen. Wir haben festgelegt, dass ein Urlaubstag 200 Euro wert ist und der eines Azubis 100 Euro. Wir als Firma legen dann noch mal die Hälfte obendrauf.  Dass so viel zusammenkommt, haben wir nicht erwartet, weil ihn so viele gar nicht persönlich kennen. Wir sind darauf mega stolz, drei Viertel der Belegschaft haben sich bestimmt beteiligt. Der Betrieb ist sehr männergeprägt, viele Mitarbeiter sind junge Familienväter, und die haben nicht gezögert.

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Cornelia Kellner: Wir haben mit der Planung der Aktion begonnen, als wir noch nicht wussten, was mit der Mutter passiert. Eine befreundete Ärztin hatte mir gesagt: Jeder Tag einer Beatmung in dieser Form braucht eine Woche Reha. Selbst wenn das Baby vor der Mama heimgekommen wäre, hätte der Vater die gespendeten Urlaubstage gut gebrauchen können, um sich um sein Kind zu kümmern.  

Loirk in den Armen seines Vaters
Der kleine Lorik wird am 24. April drei Monate alt und wiegt inzwischen mehr als drei Kilogramm – aus dem Frühchen ist ein properes Baby geworden
© Privat

Inzwischen wird der Junge bald drei Monate alt, wie geht es ihm?
Cornelia Kellner: Ihm geht es gut. Er hat kräftig zugenommen und wiegt schon mehr als drei Kilo. Bei Frühchen kann die Situation zwar immer noch kippen, aber es sieht gut aus. Das Krankenhaus lässt sich zwar noch nicht ganz festnageln, wann er wirklich rauskommt, er benötigt nur noch wenig Atemunterstützung und nimmt schon selbstständig Nahrung auf.

Hat der Vater Familie in Deutschland, die ihn unterstützen kann, wenn das Baby aus dem Krankenhaus kommt?
Cornelia Kellner: Er hat nur einen Onkel in Stuttgart. Aber wir haben es geschafft, dass seine Eltern Ostern kommen durften und 90 Tage bleiben können. Wir haben als Firma schon Eilanträge an die Botschaft im Kosovo gestellt und hatten die Unterstützung seines Hausarztes sowie von der Frühchenstation, als seine Frau im Sterben lag. Wir haben als Firma zwar alles gegeben, haben aber erklärt, dass er auch menschliche Unterstützung braucht. Als er dann zur Beerdigung seiner Frau im Kosovo war, wurde dort alles geregelt. 

Wie oft konnte der Vater seinen Sohn besuchen?
Cornelia Kellner: Das war am Anfang sehr schwierig. Das Problem war für den Vater, dass er ja selbst Covid durchgemacht hatte, dadurch immer wieder positiv getestet worden ist und deshalb nicht zu seinem Sohn durfte. Auf der Frühchenstation wusste man nicht, in welchen Zustand das Kind ist, ob es sich schon angesteckt hatte und man es separieren muss. Zu seiner Frau durfte er sowieso nicht. Also saß er zu Hause und hat gewartet, dass etwas passiert. Ich habe ihm damals gesagt: "Du musst dein Kind in den Arm nehmen, dann macht das was mit dir." Das hat er sich nicht vorstellen können. Als er dann zum ersten Mal zu seinem Sohn konnte, sagte er: "Ich weiß jetzt, was du gemeint hast." Er hatte das Gefühl: Unabhängig davon, was mit meiner Frau passiert, da ist jemand, der auf mich wartet.

Die Firma Odenwäller hat ein Spendenkonto für Vater und Sohn eingerichtet, auf dem bislang knapp 7000 Euro eigezahlt worden sind, den Link finden Sie hier.


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