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Lehrer des Jahres: Physik im Turbogang

Sperrmüll weckte in Winfried Sturm die Neugier auf Technik. Die gibt er mit Elan an seine Schüler weiter - und wird dafür zum Lehrer des Jahres gekürt.

Als Schüler würde er Klassenbucheinträge sammeln wie andere Leute Briefmarken. Etwa: "Winfried Sturm kommt schon wieder unpünktlich in den Mathematik-Unterricht." Doch der Lehrer des Jahres 2004 hat immer eine gute Entschuldigung: "Da rief gerade noch jemand an, der will die Hardware-AG unterstützen", erklärt er seine fünf Minuten Verspätung. Die 11b am Faust-Gymnasium im badischen Staufen kennt das. Ihr Mathe- und Physiklehrer steckt im Dauerterminstress. "Er muss immer tausend Sachen in der Pause erledigen", entschuldigt ihn einer. Dazu gehört auch das Werben von Geldgebern für seine Hardware-AG, eine High-Tech-Werkstatt für Schüler.

Die fünf versäumten Minuten holt Winfried Sturm schnell wieder auf: Er unterrichtet im Überschalltempo. Pausenlos sprudeln Formeln aus seinem Mund, die Arme fliegen. Er bombardiert die Schüler mit Fragen, holt sie nach vorn an die Tafel, lässt sie verschiedene Lösungswege ausprobieren, um die Fliehkraft einer Kugel auszurechnen oder die Verformung einer Brücke bei Hitze. Keine Chance, auch nur eine Sekunde abzuschalten. Anstrengend, aber lohnend, findet Jonathan Mengel, der Klassensprecher der 11b: "Wasserfall-Unterricht nenne ich das. Aber mittlerweile macht es mir Spaß, Formeln selbst auszutüfteln. Hätte ich von mir nie gedacht." Die 11b hat in Mathe den Lehrplan längst überholt: Die Schüler lösen Aufgaben, die eigentlich Stoff der 12. Klasse wären.

Schüler entwickeln Mikrochips für Blinde

Mit viel Energie hat Sturm auch die Hardware-AG aufgebaut: Jeden Donnerstagnachmittag forschen die Jugendlichen im Physiksaal der Schule an Elektronikbauteilen und entwickeln selbst Computerchips. Alles begann 1982 - in der Ära der Commodore-Rechner: Zusammen mit sechs technikbegeisterten Schülern schraubte Sturm einen kleinen C-64er-Computer auf, "um mal zu schauen, warum der nicht ging". Inzwischen sind die Plätze in der AG so begehrt, dass mehrseitige Wartelisten aushängen.

Weltfremde Technik-Freaks will Sturm nicht heranziehen. Gearbeitet wird an handfesten Problemen mit praktischem Nutzen: etwa an "Third Eye", einem Chip für Blinde, der oben am Blindenstock befestigt wird. Mit Ultraschall, wie eine Fledermaus, erkennt das "Dritte Auge" Hindernisse in Kopf- und Brusthöhe, die der Blinde mit seinem Stock nicht ertasten kann. Ein Vibrationsalarm warnt vor Zusammenstößen. Mit dem "Dritten Auge" gewann die AG 2003 den Bundeswettbewerb "Invent a Chip" vom Verband der Elektrotechnik. Anfang 2004 folgte der Landessieg Baden-Württemberg bei "Jugend forscht".

Alltagsprobleme praktisch lösen

Vor Wettbewerben basteln und programmieren die Schüler ganze Wochenenden lang bis spät in die Nacht - oft bei Sturm zu Hause, großzügig bekocht von seiner Frau. Zurzeit entwickeln sie einen Pulsmess-Chip mit gleich drei Funktionen: Wenn der Puls aus dem Takt gerät, gibt er Alarm und soll so Herzpatienten bei einem Infarkt das Leben retten oder Lkw-Fahrer vor dem Sekundenschlaf am Steuer bewahren. Für Tinnitusgeplagte, die oft Musik zum Einschlafen brauchen, könnte der Chip das Herunterdimmen der Stereoanlage übernehmen - gekoppelt an den Puls.

Alltagsprobleme praktisch lösen: So begeistert Sturm für die traditionellen Horrorfächer Mathe und Physik. "Warum sind denn die Naturwissenschaften bei Schülern so unbeliebt? Sie sind zu kopflastig!" Daher lernen Sturms Schüler nicht nur theoretisch, wie eine elektronische Schaltung aufgebaut ist, sondern stecken sie selbst mit bunten Kabeln zusammen. Sie programmieren ihren Chip nicht nur am Computer, nein, sie ätzen seine Schaltkreise im Säurebad auf die Oberfläche und löten selbst alle Kontakte auf.

Seine AGs zogen reihenweise Schüler an

Sturm will bei den Jugendlichen die "technische Neugier" entfachen, die ihn selbst seit seiner Kindheit antreibt. Aufgewachsen in Leipzig, bastelte er sich schon als Grundschüler Dinge, die man in der DDR nicht kaufen konnte: etwa eine Knallpistole aus einem alten Schlüssel und anderem Müll. 1958 floh der 13-Jährige mit seiner Familie nach Köln - und stand staunend vor der Fundgrube westdeutscher Sperrmüllberge. Ein altes Radio, das er dort fand und reparierte, begeisterte ihn endgültig für die Elektronik.

Er studierte Physik auf Diplom, trat 1974 ins Faust-Gymnasium ein und sicherte sich schon als Referendar den Ruf des Tüftlers und Technik-Freaks. Seine AGs "Mofa-Frisieren leicht gemacht" oder "Erst Kühlschrank, dann Sonnenkollektor" zogen reihenweise Schüler an. Seine teils skurrilen Erfindungen schafften es sogar bis ins Fernsehen: So trat Sturm mit dem Roboter Raula, einem "Rauch-Abgewöhn-und-LachAutomat" Anfang der 80er Jahre in der ARD-Erfinder-Show "Mit Schraubstock und Geige" auf.

Von "Laissez-faire" und Kuschelkurs in der Schule hält er nichts

Manchmal steigt er auch im Unterricht auf die Show-Bühne: Wenn seine Schüler eine kurze Pause brauchen, zaubert Sturm für sie: Lässt Pfuschzettel spurlos verschwinden oder setzt mit Seiltricks scheinbar die Naturgesetze außer Kraft. Von "Laissez-faire" und Kuschelkurs in der Schule hält er allerdings nichts. Auch wenn in seinen Stunden herumgefrotzelt wird und die Schüler Spitznamen von ihm bekommen, gelten klare Spielregeln: Wer zu spät kommt oder Hausaufgaben nicht macht, kassiert eine Standpauke und manchmal Sonderaufgaben.

Vier- bis fünfmal im Jahr müssen Sturms Schüler sogar selbst in die Lehrerrolle schlüpfen: Fehlt er, übernimmt eine Gruppe Jugendlicher den Unterricht. Zum Beispiel dann, wenn Sturm mal wieder mit der Hardware-AG verreist. Auf Messen, um frisch entwickelte Chips zu präsentieren, zum Kanzler, um über neue Wege in der Bildung zu diskutieren, oder zu BDI-Chef Michael Rogowski, um seine Schüler mit der Wirtschaft zu vernetzen.

"Man sollte sich als Lehrer nicht aufs hohe Ross setzen"

Bei solchen Besuchen und bei öffentlichen Diskussionen streitet Sturm auch für die eigene Sache: Seit Jahren fordert er ein Schulsystem, das einsatzfreudige Lehrer stärker belohnt. Am meisten ärgern ihn "die verstaubten und verkrusteten Beamtenstrukturen, in denen überdurchschnittliches persönliches Engagement nicht zur Kenntnis genommen wird".

Für Fragen und Anregungen der Schüler bleibt in seinen Stunden immer Zeit. Bei einem wackligen Physik-Experiment bittet er die Jugendlichen sofort um Verbesserungsvorschläge. "Man sollte sich als Lehrer nicht aufs hohe Ross setzen. Und sich nie schämen, auch mal Fehler einzugestehen oder Schwäche zu zeigen."

Heute sprüht er wieder vor Energie

Ein bisschen Schwäche zeigt Winfried Sturm jeden Tag: Er ist zu 80 Prozent schwerbehindert. 1988 wurde ihm in einer schweren Operation der Magen entfernt, seitdem muss er ständig kleine Portionen essen und Medikamente nehmen. Die Schulbehörde erwartete schon seinen Antrag auf Frühpensionierung, seine Schüler drängten ihn zum Comeback. Mal standen sie mit Fresskörben voller Bananen vor seiner Tür, mal bastelten sie ein Mini-Flugzeug mit der Aufschrift: "Sturm im Aufwind: Kommen Sie wieder!" Sein Rektor organisierte den Wiedereinstieg für ihn: mit einer Stunde pro Woche.

Heute sprüht der Lehrer wieder vor Energie. Dass sein Leben sich trotzdem verändert hat, verrät die riesige Butterbrotdose auf dem Lehrerpult. Aus der greift er während seiner Stunden Bananen und Stullen und stellt kauend seine Fragen. Da wäre ja wieder ein Eintrag ins Klassenbuch fällig: "Sturm isst ständig im Unterricht."

Seinen Preis als Lehrer des Jahres nimmt Winfried Sturm am Sonntag, dem 16. Mai, in Saarbrücken entgegen. Im Audimax der Universität des Saarlandes wird er gemeinsam mit den Siegern des Bundeswettbewerbs "Jugend forscht" geehrt. Als Lehrer des Jahres zeichnet der stern seit 2001 jährlich einen Pädagogen für außergewöhnlichen Einsatz aus. Der Preisträger erhält 5.000 Euro. Die Summe soll je zur Hälfte für ein Förderprojekt an der Schule und eine Forschungsreise verwendet werden.

Nicole Heissmann / print
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