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LEHRERIN DES JAHRES: Da stimmt die Chemie

Stefanie Bommersheim aus Boppard macht Naturwissenschaft zum Abenteuer - und wurde dafür von einer stern-Jury zur Lehrerin des Jahres gekürt.

Gut, dass große Pause war. Da hatte sie Zeit, sich ein bisschen von dem Schrecken zu erholen. Aber eine Stunde später war sie immer noch wie vom Donner gerührt. »Also wissen Sie«, beschwerte sie sich, »ich bin ein ruhiger Mensch, es ist mir unangenehm, so in den Vordergrund gestellt zu werden! Wo es so viele ältere, erfahrenere Lehrer gibt.«

Stimmt! Aber vergangene Woche wählte die Jury des stern-Wettbewerbs »Lehrer des Jahres« ausgerechnet sie, das junge Gemüse aus Boppard am Rhein, zur Siegerin: Stefanie Bommersheim, 31 Jahre alt und eben mal sechs Jahre im Schuldienst. Die Auszeichnung, die ihr am Wochenende vom stern in Darmstadt übergeben wurde, sollte nämlich gerade den Nachwuchs ins Rampenlicht stellen und zeigen, was engagierte Junglehrer schon in den ersten Jahren leisten.

Überlebenstraining auf einer einsamen Insel

Donnerstag, 11.30 Uhr, Chemiesaal des Kant-Gymnasiums. »Stellt euch vor«, so begrüßt Stefanie Bommersheim den Kurs, »ihr seid auf einer einsamen Insel gestrandet. Ihr habt ein Funkgerät, um Hilfe zu rufen, aber keine Batterie. Ihr habt nichts zu essen, aber einen Kaffeefilter, reichlich Wasser, ein Kupfer- und ein Zinkblech, ein Fläschchen Kupfersulfat und ein Elektrokabel. Daraus sollt ihr nun eine ganz einfache Batterie bauen.«

Jeweils vier Schüler bilden ein Überlebensteam. Eine Viertelstunde sind die Elftklässler damit beschäftigt, eine Batterie für ihr Funkgerät zu basteln, hantieren geschäftig mit Kupferplättchen, träufeln Flüssigkeit auf Filter, prüfen, ob Spannung da ist, beantworten Fragen auf Zetteln. So macht Chemie Spaß.

Mitschülerin oder Lehrerin?

Als die zierliche Lehrerin zum ersten Mal im Kant-Gymnasium auftauchte, hielten die Jungen und Mädchen sie für eine neue Mitschülerin. Doch die Gymnasiasten merkten schnell, dass bei Frau Bommersheim Zug dahinter steckt. »Sie legt großen Wert auf Disziplin«, sagt Schülerin Ina. Obwohl vier Gruppen experimentieren und diskutieren, steigt der Lärmpegel im Chemiesaal kaum an.

Stefanie Bommersheims Unterricht bleibt nah am Alltag. Sie lässt ihre Klasse nicht einfach Natronlauge analysieren, sondern den Abflussreiniger zu Hause im Besenschrank. In Physik, ihrem zweiten Fach, bauen die Schüler eine Spielplatz-Wippe: »Nun setzen wir drei Kinder auf die Wippe. Wie müssen die sitzen, damit Gleichgewicht herrscht?« Schwuppdiwupp, schon ist der Hebelsatz begriffen - anwendungsbezogen, so wie es Pisa fordert.

Die Klasse aus dem Tiefschlaf gerissen

Mit beharrlicher Ermunterung schafft die 31-Jährige es, Klassen aus dem Tiefschlaf zu reißen. »Über die Hälfte von uns hatte in Chemie miserable Noten«, erinnert sich »Jugend forscht«-Teilnehmer Martin Wilhelmi, 18, an die Neunte. Als Stefanie Bommersheim die Klasse übernahm, schnellten die Noten in die Höhe. Und sogar ein Chemie-Leistungskurs kam zustande.

»Ich verschenke keine Zensuren«

Das war alles kein Spaziergang. »Die hatten ein hartes Jahr, denn ich verschenke keine Zensuren«, sagt die Pädagogin. Im Gegenzug tut sie vieles, was in keinem Lehrplan steht. Geht in ihrer Freizeit mit einem Abiturienten, der durch die Prüfungen gerasselt ist, den kompletten Stoff noch einmal durch. Oder richtet für ihren Leistungskurs einen Forschungstag an der Uni Mainz ein. Im Juni werden die Schüler Luftproben aus der Mainzer Innenstadt ziehen und deren Methangehalt mit den Werten im Eisbohrkern der Antarktis vergleichen, um mehr über den Treibhauseffekt zu erfahren.

Töchterchen Theresa, 17 Monate, bleibt so lange bei der Schwiegermutter oder bei Ehemann Klaus, ebenfalls Lehrer. Ihr zuliebe würde Stefanie Bommersheim ihr Engagement an der Schule gern reduzieren. Die Arbeitskreise, das fächerübergreifende Holografie-Projekt mit der Kunstlehrerin, die Arbeiten ihrer Schüler für »Jugend forscht«. Und und und.

Aber sie wird weitermachen. Mit einem etwas schlechten Gewissen. Und mit viel Freude.

Von Ingrid Eißele

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