leipzig Ein Keks für den Gang zur Urne

In Leipzig bekommen Studenten Süßigkeiten für ihre Wahlbeteiligung

In Leipzig bekommen Studenten Süßigkeiten für ihre Wahlbeteiligung

»He, du! Hast Du schon gewählt?« An den Jungs und Mädchen vom Fachschaftsrat Journalistik/ Kommunikationswissenschaften kommt keiner vorbei. Sie haben ihre Urne und Wahlkabine strategisch geschickt zwischen dem Flur, auf dem die meisten Journalistik-Seminare stattfinden, und dem Ausbildungssender Mephisto 97.6 aufgebaut.

In der Kabine noch einmal massiver Wahlkampf: Plakate mit den Namen und Fotos aller Kandidaten. Das ist auch nötig, denn viele der Kandidaten kenne ich überhaupt nicht. Drei der Gesichter erkenne ich wieder und gebe ihnen je eine meiner Stimmen. Die beiden Kandidaten fürs Konzil sind mir gänzlich unbekannt. Sie kriegen keine Stimme.

Der Junge, der nach mir die Kabine betritt, kommt Sekunden später wieder heraus. Verdutzt hält er seine Stimmzettel hoch und zeigt auf die drei Felder hinter jedem Kandidatennamen: »Was sollen die drei freien Felder denn bitteschön bedeuten: Stimme zu, stimme nicht zu, ist mir egal?« Die Kandidaten und Wahlhelfer in Personalunion klären auf: »Du hast drei Stimmen. Und wenn du willst, kannst du die alle drei einem Kandidaten geben. Deshalb ist hinter jedem Namen Platz für drei Kreuze.«

Viele Studenten denken das ganze Jahr über nicht daran, dass es den Fachschaftsrat überhaupt gibt, und auch seine Leistungen werden selten erkannt. Da ist es eine schwierige und undankbare Aufgabe, Wähler zu mobilisieren.

Pro Stimme ein Keks

Ein beliebter Trick: die Prämie. Wer bei den Amerikanisten zur Urne trat, hatte auch freien Eintritt zur Fachschaftsfete in der folgenden Woche. Die Fachschaft Afrikanistik/ Orientalistik macht immerhin ein Freigetränk pro Wähler locker. Hungrige Historiker konnten sich im Austausch für ihre Stimmabgabe einen leckeren Berliner Pfannkuchen abholen. Ein guter Tausch für beide, flüstert eine Wählerin, während sie sich den Zucker von den Fingern schleckt. Die Journalisten hatten sich keine Pramie überlegt, griffen dann aber in letzter Minute zur großen Keksmischung: jeder aktive Wähler durfte einmal ?reingreifen.

Trick Nummer zwei, um die Wahlbeteiligung zu heben: schierer Terror. So geschehen bei den Politikwissenschaftlern, die mit entsicherter Wasserpistole potentielle Wähler zusammentrieben.

Das Ergebnis von mehreren Wochen Plakatierung und drei Wahltagen: Fast alle Kandidaten haben einen Platz im Fachschaftsrat bekommen. Bei einer Wahlbeteiligung von zwanzig Prozent.

Sind Archäologen die besseren Politiker?

Spekulationen, dass Studenten bestimmter Fächer großes Interesse an staatsbürgerlicher und damit auch studentischer Vertretung hätten, gehen nicht auf. So liegt gerade bei den Juristen, prädestinierten Politikern, die Wahlbeteiligung bei ganzen 14,4 Prozent. Und auch die Kandidaten mußten sich nicht um die Plätze schlagen.

Auf den ersten Blick erstaunlich dagegen das rege Interesse bei Orientalistik (22,3 % Wahlbeteiligung): Neun Kandidaten bewarben sich um ganze sechs Plätze. Oder die überdurchschnittliche Wahlbeteiligung bei der Theaterwissenschaft (29,8 Prozent). Und die Studenten der Archäologie können gar auf sagenhafte 42, 6 Prozent Wahlbeteiligung verweisen: mehr erzielen Politiker in der Schweiz auch nicht.

Offensichtlich wird studentische Gremienarbeit nicht mehr als Spielwiese für eine politische Karriere gesehen. Wer die will, steigt gleich bei den Parteien ein. Auf Uni-Ebene haben die Orchideenfächer erkannt, dass ihnen nichts Gutes blüht, wenn sie sich nicht kümmern. Auf die Art wissen 68 Archäologiestudenten genau, was in ihrem Fachbereich läuft, 1.888 weitgehend unbekümmerten Juristen ist das anscheinend egal. (ks)

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