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LEIPZIG: Von Auerbachs Keller in die Mensa

Der Leipziger Mensakoch Jochen Gottschlich ist ein heimlicher Sternekoch

Der Leipziger Mensakoch Jochen Gottschlich ist ein heimlicher Sternekoch

So muss sich Gulliver im Land der Riesen gefühlt haben. Die Töpfe sind groß genug für ein Vollbad zu zweit. Der Inhalt der Suppenkelle dürfte eine sechsköpfige Familie gut versorgen. Und bei den Backöfen muss man unwillkürlich an Hänsel und Gretel denken ...

Herr über Töpfe, Pfannen und auch den furchteinflößenden Riesenmixer in der Leipziger Mensaküche ist Jochen Gottschlich, ein freundlicher, stämmiger Mittvierziger mit blondem Schnauzbart. Seit vier Jahren ist er Küchenleiter der Leipziger Mensa. Er sorgt dafür, dass jeder, der sich auf einem der 3.800 Plätze der vier Mensen niederlässt, mit vollem Bauch wieder aufsteht.

Schnitzel für 1.000 Mann

Heute auf dem Speiseplan: Wiener Schnitzel, Pommes Frites, Erbsen mit Möhren. Eines der beliebtesten Essen, von denen immer gut tausend Stück über die Theken in Hauptmensa, Mensa Jahnallee und Peterssteinweg gehen. Und eine »Chinesische Gemüsepfanne Suzy Wong« mit Reis, auch ein Verkaufsrenner, der wahrscheinlich 750 mal geordert werden wird.

Von den anderen Gerichten, etwa Geflügelherzen in Rotwein, muss deshalb gar nicht erst so viel eingeplant werden. Jeden Tag gibt es in den Mensen fünf Gerichte zur Auswahl: Ein oder zwei mit Fleisch, eins mit Pasta, ein vegetarisches, eins mit Fisch und ein vollwertiges. In der Hauptmensa gibt?s auch noch eine Salatbar und die »Aktionstheke«, die jede Woche unter einem anderen Motto steht und mal Gerichte aus dem Wok, mal vom Grill anbietet.

Nur alle drei Wochen darf sich der Speiseplan wiederholen, das hat der StudentInnen-Rat beschlossen. Jochen Gottschlich ärgert das etwas: »Von den Schnitzeln könnte ich wahrscheinlich jede Woche 1.000 loswerden, da würde ich mich drüber freuen und die Studenten auch«. Andererseits: »So ein breites Repertoire habe ich bei keiner meiner alten Stellen gehabt.«

Heimlicher Sternekoch

Die früheren Stellen, bei denen nicht mehrere tausend, sondern höchstens 500 Essen gekocht wurden. Und bei denen anders als in der Mensa der Warenwert der teuersten Gerichte drei Mark überschreiten durfte. Es sieht nämlich so aus: Jochen Gottschlich ist ein heimlicher Sternekoch. Im Leipziger »Kempinski Fürstenhof« hat er gekocht, in »Auerbachs Keller« und auf einem Traumschiff. Und einer seiner Arbeitgeber war eine echte Berühmtheit. »Sagt Ihnen der Name Jürgen Schneider etwas?«. Immobilien-Schneider, der Mann, der große Teile Leipzigs mit geborgtem Geld auf?s Schönste renovierte und sanierte, sich als er Pleite-Schneider geworden war, nach Florida absetzte, und schließlich in Frankfurt im Gefängnis saß. Schneider hatte den »Fürstenhof« gekauft als Gottschlich dort kochte. Schneider kaufte »Auerbachs Keller«, und Gottschlich kam mit. Und wenn Schneider Gäste hatte, war ihr Essen von Jochen Gottschlich gekocht, der manchmal extra dafür eingeflogen wurde.

»Vier Monate bevor der Pleite gegangen ist, bin ich von Schneider weggegangen«, erinnert sich Gottschlich, »und als ich dann in den Nachrichten von der Pleite erfahren hab, dachte ich nur: Glück gehabt.«

Die Freuden des öffentlichen Dienstes

Da kochte er schon Fisch auf einem Kreuzfahrtschiff, und jetzt ist er eben seit vier Jahren in der Mensa. Hier hat nur noch der Lehrling »Käpt?n Cook«, mit dem er für die Gesellenprüfung übt, etwas von seinen Kochkünsten. »Der öffentliche Dienst zieht immer«, kommentiert Gottschlich seinen Wechsel in die Massenabfertigung. »Ich hab zwei Hunde und zwei Kinder, ich spiel gern Fußball und Tennis«. Aber als er noch bei »Auerbachs Keller« war, habe er immer so lange gearbeitet, dass er nichts davon hatte. »Und wenn ich mal früher nach Hause gekommen bin, so gegen 22 Uhr, kam immer gleich ein Anruf «Herr Kohl kommt gleich und will essen», und dann musste ich wieder los. Jetzt bin ich um vier zu Hause. Jeden Tag. Andererseits: Damals bin ich Mercedes gefahren. Jetzt hab ich ¿nen Golf«. (ks)

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