Lidl-Erpresser "Bloß nicht in Revision gehen"


Das Urteil hätte deutlich härter ausfallen können für den Lidl-Erpresser. Vier Jahre und neun Monate muss er ins Gefängnis, entschied das Landgerichtes Heilbronn. Vor allem wohl deshalb, weil sich Jens W., der Täter, von einem anderen Lidl-Erpresser beschwatzen ließ.
Von Karin Kontny

Da sitzt er nun im Großen Sitzungssaal des Landgerichtes Heilbronn, seine Pranken auf die Oberschenkel gelegt und wartet auf das Urteil. Sein Schädel unter den blonden Stoppeln gesenkt, der Hals gekrümmt. Fast wie der einer Odol-Flasche.

Mit drei solchen Mundwasserflaschen hatte der 40-jährige Jens W. im Januar vergangenen Jahres ganz Hamburg in Schrecken versetzt, nachdem er 23-prozentige Salzsäure in die Flaschen gefüllt und in drei Lidl-Filialen platziert hatte. In einem Erpresserbrief forderte er 1,2 Millionen Euro von der Firma. Der Konzern aus Neckarsulm reagierte sofort, alarmierte die Kunden und räumte die Odolflaschen aus den Regalen. Zwei davon wurden gefunden und enthielten tatsächlich die ätzende Flüssigkeit. Geld sah der Erpresser jedoch keines.

Der Erpresser startete einen zweiten und dritten Versuch

Der Spuk schien vorbei. Doch der Erpresser startete einen zweiten und dritten Versuch. Er kündete an, giftige Marmelade, Babynahrung und Wein deutschlandweit in Lidl-Filialen zu schmuggeln. Obgleich nichts davon auftauchte, zeigte sich der Konzern beeindruckt und zahlte das Geld, das er jedoch bald wiederbekam, nachdem der Erpresser in Dänemark gefasst worden war. Zwanzigtausend Euro hatte er da allerdings schon verbraten. Für Kokain.

Ein großer Kerl ist dieser Jens W. Doch unsicher wie ein kleiner Junge, den man beim Schulschwänzen ertappt hat. Dabei schien ihm der Plan idiotensicher zu sein. So jedenfalls hatte es ihm ein anderer, mit allen Wassern gewaschener Knacki gesteckt, als W. im Jahr 2003 wegen eines Rauschgiftdelikts in Untersuchungshaft saß.

Der Mann wusste, wovon er sprach, denn auch er hatte schon mal Lidl erpresst. "Mein Mandant hat auf ihn gehört wie auf einen Vater", sagt die Verteidigerin, während der Angeklagte mit Dackelblick stumm zu ihr aufschaut. Manische Depressionen hat ihm ein Psychologe diagnostiziert. Selbstunsicher sei er und nicht fähig zu einer normalen Bindung an Erwachsene. "Er, der sein Leben lang unsicher war, musste auf den Mithäftling hereinfallen", argumentierte die Verteidigerin.

"Ich hatte kein Geld, um Geschenke für meine Familie zu kaufen", so Jens W. über das Motiv für seine Tat. "Lidl war die einzige Aussicht auf Geld." Nie habe er die Absicht gehabt, jemandem wirklich zu schaden.

"So etwas kauft doch keiner"

Seine Verteidigerin unterstreicht das. "Sehen Sie her", wendet sie sich an die Richter und hält eine Flasche Odol in die Höhe, "so sah die Verpackung aus, nachdem mein Mandant Salzsäure eingefüllt hat". Danach entfernt sie die Schutzhülle über dem Verschluss. "Jeder Käufer musste sehen, dass die Flasche angebrochen ist. So etwas kauft doch keiner. Und selbst wenn: beim Öffnen hätte man doch die Salzsäure gerochen!"

Zugeben muss die Verteidigung allerdings, dass ihr Mandant die Tipps seines Gefängnis-Vaters ausgeführt hat. Das gehöre nun wirklich bestraft, allein um Nachahmungstäter abzuschrecken. Dieses Mal nicken die Richter. Nicht aber der Angeklagte. Der nickt erst wieder, als das Urteil verkündet wird: Vier Jahre und neun Monate Gefängnis. Bis zu fünfzehn Jahre hätten es bei räuberischer Erpressung sein können. Da befolgt Jens W. doch den Tipp seiner Verteidigerin: bloß keine Revision einlegen.


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