muenster Sensation! Dichter und Denker fangen an zu reden


Debattierclub an der Uni Münster gegründet.

Debattierclub an der Uni Münster gegründet.

Der rote Faden hat sich gerade verabschiedet, statt dessen tut sich das schwarze Loch der Rhetorik vor dem Referenten auf. Es folgt das große »Ähm«. Das persönliche verbale Waterloo.

An deutschen Hochschulen wird gedichtet und gedacht. Die hohe Kunst der freien Rede wurde bislang eher im englischsprachigen Raum von sogenannten »debating clubs« gepflegt. Und dies mit langer Tradition und berühmten Mitgliedern: Tony Blair diskutierte ebenso wie Richard Nixon. In über 60 Ländern ist die Debatte institutionalisiert, auch in Südafrika, wo sich der Jurastudent Jan Heßbrügge während seines Aufenthaltes für die Redekunst begeistern konnte. Zurück in Münster gründete er zusammen mit dem Rhetoriktrainer Jörg Abromeit den ersten Debattierclub an der Universität.

Der Meinungsaustausch über kontroverse Themen kann alles erfassen: von A wie Abtreibung über B wie Big Brother bis Z wie Zentralabitur. Doch bei den Wettbewerben steht das Erlernen rhetorischer Grundfertigkeiten im Vordergrund. Aus der Politik ist bekannt, dass sinnfreie, aber würzige Worthülsen dem Publikum besser munden können als unumstößliche, aber fade Fakten. Ein Argument bleibt wirkungslos, wenn es dank schaler Präsentation nicht die Aufmerksamkeit des Zuhörers erregt.

Also wird jetzt in Münster leidenschaftlich gestritten. Am Anfang des unterhaltsamen Wortgefechtes steht die Wahl des Themas, dann folgt die Auslosung der Beteiligten zu den Pro- und Kontra-Positionen. Der Zufall kann einen Erzkatholiken zum Fürsprecher der Ehe zwischen Homosexuellen berufen. Vier Sprecher jeder Partei haben abwechselnd jeweils fünf Minuten, um ihre Argumente zu präsentieren, wobei die gegnerische Partei eventuelle Argumentationslücken durch Zwischenrufe für sich nutzen kann. »Auch Homosexuelle sollen heiraten dürfen.« - »Der Zweck der Ehe sind Kinder; aus einer homosexuellen Verbindung können keine Kinder hervorgehen!« - »Auf der Erde gibt es doch schon zu viele Menschen...« - »Aha! Sie wollen also Homosexualität als Mittel gegen die Überbevölkerung einsetzen!«

Bei offiziellen Wettbewerben entscheiden am Ende Jury oder Zuhörer, wem die Gratwanderung zwischen Sachlichkeit und Präsentation mittels Spontaneität und Schlagfertigkeit am überzeugendsten gelungen ist. In Westfalen bildet Manöverkritik den Abschluss der Debatte. Langfristig haben sich die Initiatoren die Teilnahme des Vereins an offiziellen Meisterschaften zum Ziel gesetzt. Und wer weiß, vielleicht gibt es neben Tony Blair zukünftig auch wortgewandte deutsche Politiker, die auf eine Vergangenheit als Mitglied eines Debattierclubs zurückblicken können. (dg)


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