Neue Wege in der Pflege Weg vom Heim


Altenheime boomen - auch wenn niemand ins Heim möchte. Der Mediziner Klaus Dörner spricht im stern.de-Interview über den Unsinn von Altenheimen und die neuen Möglichkeiten der Pflege. Eine davon: Andere Rentner sollen mehr in die Pflicht genommen werden.

Herr Dörner, Sie haben jahrelang ein Großheim für psychisch Kranke und Behinderte geleitet. Heute kümmern Sie sich um neue Wege der Altenbetreuung. Warum sind die nötig?

Altenheime werden immer weniger akzeptiert. Warum sollte man auch ins Heim wollen, was soll man da? Warten auf den Tod? Die Menschen wollen lieber in ihrer eigenen Wohnung, oft mit ihren Familien leben. Dort wollen sie auch sterben. Da es immer mehr alte Menschen gibt, wird dieser Wunsch immer lauter.

Und trotzdem gibt es seit einigen Jahren einen richtigen Altenheim-Boom. Trauen sich die alten Menschen nicht zu sagen, dass sie nicht ins Heim wollen?

Sie behaupten es, weil sie ihren Kindern auf keinen Fall zur Last fallen wollen. Oft glauben sie, dass sie es nicht wert sind, zu Hause gepflegt zu werden. Und da es immer mehr alte Menschen gibt, werden sie von der Gesellschaft tatsächlich nicht mehr so verehrt und in ihrem hohen Alter gewürdigt wie früher.

Sie sind dafür, dass Altenheime abgebaut, am liebsten abgeschafft werden. Aber wo sollen die pflegebedürftigen Alten hin?

Fast alle Familien müssen sich irgendwann mit Pflege oder Demenz auseinandersetzen und sie überlegen sich eine ganze Reihe von neuen Ideen der Altenpflege. Alle mit dem Ziel: weg vom Heim. Das Problem ist, dass die Familien immer kleiner werden und die Alten immer mehr: Nicht jede Familie kann ihre Alten selbst pflegen. Momentan kann man einen großen Umbruch in der deutschen Familie beobachten. Die kleinen Familien erweitern sich von der Bluts- zur Wahlfamilie. Freunde, Nachbarn, Bekannte nehmen alte Menschen zu sich in die Pflege auf.
Einen größeren Sprung machen gerade die ambulanten Wohnpflegegruppen. Dort wohnen etwa acht Pflegebedürftige zusammen. Die eigenen Familien kümmern sich um sie, ebenso die Nachbarn. Sie gehen für die Bewohner einkaufen, kochen für sie, gehen mit ihnen spazieren. Immer mehr Wohnungsbaufirmen, Kirchengemeinden und Kommunen bauen momentan solche Wohngemeinschaften auf und sogar Heime gründen ambulante Wohngruppen.

Glauben Sie im Ernst, Nachbarn haben Lust dazu, fremden Pflegefällen zu helfen?

Das ist zwar schwer vorstellbar, aber nachweisbar. Die Durchschnittsbürger mit dem gesunden Menschenverstand sind zwar nicht blöd und drängen sich nicht auf, solange sie nicht gefragt werden. Aber wenn sie in ihrem lokalen Umfeld den Hilfebedarf sehen, dann helfen sie auch "fremden" Leuten, also ihren Nachbarn. Der Grund ist: Jeder braucht ein bestimmtes Maß an sozialem Engagement.

Welche Anreize kann man schaffen, um das Engagement zu erhöhen?

Da gibt es etliche Vorschläge. Eine Möglichkeit wäre, die Helfer zu bezahlen. Zwar nicht so hoch wie die Vollprofis, aber wenigstens die Hälfte davon. Man könnte den Helfern Vorteile bei der Steuer, bei der Rentenversicherung oder der Krankenkasse anbieten. Außerdem sind Zeitgutschriften im Gespräch: Wenn ich heute zehn Stunden helfe, dann wird mir später auch zehn Stunden lang geholfen. Das halte ich aber für zu idealistisch.

Sie schlagen vor, man könnte Rentner mehr in die Pflicht nehmen.

Das stimmt. Menschen in meinem Alter sitzen nach ihrer Pensionierung einfach rum und fühlen sich sinnlos - dabei sind sie körperlich und geistig noch topfit.100 Prozent freie Zeit kann niemand aushalten, man braucht eine Tagesdosis an Bedeutung für andere. Man könnte Rentner tatsächlich zu einem "sozialen Dienst" verpflichten, so dass sie erst nach zwei Jahren Altenhilfe die volle Rente bekommen. Man könnte auch Langzeitarbeitslose zur Hilfe verpflichten.

Ich bin Anfang 20, wie ist die Pflegelage, wenn ich alt bin?

Sie werden sich aussuchen können, wie Sie leben wollen. Es wird noch das ein oder andere Heim geben, aber viel mehr ambulante Wohnpflegegruppen und Pflegefamilien, die Sie zur Pflege aufnehmen würden. Vielleicht sind Sie aber, genau wie ich, ein Eigenbrödler und wollen weder ins letzte Heim noch in eine Wohnpflegegruppe, sondern können ganz gut allein sein und wollen in den eigenen vier Wänden sterben. Bis vor kurzem schrien bei diesem Wunsch alle auf: "Um Gottes Willen, das geht doch nicht! Wenn du rund um die Uhr Hilfe brauchst, das kann man unmöglich für einen einzelnen Menschen finanzieren". Tandembetreuung macht das aber sehr wohl möglich. In Baden-Württemberg gibt es schon 200 solcher Tandems: Zwei Pfleger wechseln sich mit der Rund-um-die-Uhr-Betreuung alle 14 Tage ab. Das könnte die Zukunft sein.

Ist hier die Politik gefragt?

Die Bürger sollen sich erst einmal selbst überlegen, also von unten, welche Formen des Helfens und des Finanzierens sie schaffen wollen. Es gibt viele Ideen, die Bürger scheinen geradezu Spaß daran zu haben, sich Neues auszudenken. Wenn sich ein oder zwei realistische Möglichkeiten abzeichnen, sollten die politisch Verantwortlichen das in entsprechende Formen gießen und gesetzlich stabilisieren.

Interview: Leonie Seifert

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