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Neuer Studiengang: Katastrophen professionell bewältigen

Als letztes Jahr die Flut kam, waren viele Behörden überfordert - es fehlten Fachleute für die organisierte Gefahrenabwehr. Die Uni Magdeburg will in einem neuen Studiengang Spezialisten für Krisensituationen ausbilden.

Die Jahrhundertflut im vergangenen Sommer traf nicht nur die Menschen der betroffenen Gebiete, die oftmals binnen Minuten ihr Hab und Gut verloren, wie der Blitz aus heiterem Himmel. Auch die Behörden und Einsatzkräfte waren vielerorts unvorbereitet: Sie mussten reagieren, statt agieren zu können.

An der Magdeburger Universität gibt es jetzt einen in der Bundesrepublik einmaligen Aufbaustudiengang 'Sicherheit und Gefahrenabwehr' zur Ausbildung von Spezialisten, die künftig unter anderem bei Feuerwehren sowie in Fachbehörden des Bundes und der Länder mit Sachverstand und kühlem Kopf das Chaos überblicken und Hilfe in die richtigen Bahnen lenken sollen.

Bei der Flut im August 2002 waren die Landräte Chefs der jeweiligen Katastrophenschutzstäbe. Etliche ihrer Entscheidungen waren umstritten und einige landeten sogar zur Überprüfung bei den Staatsanwaltschaften. Dabei ging es zum Beispiel um gezielte Deichsprengungen zur Umleitung des Hochwassers oder um Zeit und Umfang von Rettungsmaßnahmen.

Fehler im Katastrophenschutz minimieren

Der neue Masterstudiengang, der dieses Jahr an der Otto-von-Guericke-Universität gestartet wurde, soll Fehler im Katastrophenschutz minimieren. "Eine spezielle Ausbildung gibt es bislang in der Bundesrepublik nicht" berichtet Lehrstuhlleiter Professor Ulrich Hauptmanns. Bisher sind die Manager von Rettungsdiensten,Katastrophen- und Zivilschutz meist Juristen, Wirtschaftswissenschaftler oder Ingenieure.

Flutkatastrophen, Großbrände oder Flugzeugabstürze sind glücklicherweise seltene Ereignisse, sagt Professor Hauptmanns. "Das ist gut so, beschränkt aber gleichzeitig die Möglichkeit, aus ihnen zu lernen." Dennoch müssen die Führungskräfte in der Lage sein, sämtliche Situationen durchzuspielen, zu durchdenken und zu trainieren.

Magdeburg bietet dazu Möglichkeiten: Der Masterstudiengang arbeitet dabei mit dem Institut der Feuerwehr sowie der Brandschutz- und Katastrophenschule Heyrothsberge zusammen, die unmittelbar vor den Toren der Stadt liegt. Zulassungsvoraussetzung für Bewerber ist ein Abschluss in einem einschlägigen ingenieur- oder naturwissenschaftlichen Studiengang.

Praxisnahe Ausbildung gelobt

Sachsen-Anhalts Innenminister Klaus Jeziorsky, oberster Katastrophenschützer des neuen Bundeslandes, lobt die praxisnahe Ausbildung. Dazu zählen Simulationen von Störfallen, verbunden mit Modellrechnungen auf physikalischer und chemischer Grundlage sowie Experimenten. Kenntnisse werden in Vorlesungen, Übungen und Praktika vermittelt - unter anderem in den Bereichen Logistik, Wärmeübertragung, Verbrennung, Gefahrstoffe, Hochwasser- und Brandschutzkonzepte, technische Risiken und Modellierungen.

"Wir bereiten die jungen Leute auf Ereignisse vor, die selten sind, möglicherweise in einem Leben nur einmal oder gar nicht auftreten", sagt Hauptmanns. Auch deshalb werde neben den naturwissenschaftlichen und technischen Grundlagen besonderer Wert auf den Komplex "Führung, Management, Notfallplanung, Psychologie und Recht" gelegt.

Betonung auf Management-Fertigkeiten

Schließlich müssten die künftigen Manager ihre Mitarbeiter motivieren, deren Einsatz auf der einen Seite große Bedeutung für die Gemeinschaft hat, zugleich aber auch mit persönlichen Risiken an Leben und Gesundheit verbunden ist, sagt der Professor. Die Rettungskräfte müssten so geführt werden,"dass sie ihre Aufgaben dennoch freudig erfüllen und erfolgreich zu Ende führen." Zudem seien Kenntnisse über den Rechtsrahmen notwendig. Es gehe schließlich darum, bei gesellschaftlichen Notständen und der Rettung von Menschenleben schnell zu handeln und dabei "die rechtlichen Handlungsmöglichkeiten voll auszuschöpfen".

Mit dem Masterstudiengang Sicherheit und Gefahrenabwehr betrat die Magdeburger Universität Neuland. Er dauert drei Semester und wird Absolventen von ingenieurtechnischen Abschlüssen angeboten, wie Marcus Marx von der Fakultät fürVerfahrens- und Systemtechnik informiert. Ab Oktober gebe es auch für Abiturienten die Möglichkeit, über den neuen gemeinsamen Bachelor- und Masterstudiengang von Universität Magdeburg und Hochschule Magdeburg-Stendal (FH) das Berufsziel eines Sicherheitsexperten anzusteuern. Der Bachelorstudiengang dauert sieben Semester und bis zum Master sind es zehn Semester.

Birgitt Pötzsch

Wissenscommunity