HOME

Osnabrück: Gekündigt wegen "falscher" Hautfarbe

Es könnte ein Präzedenzfall werden: In Osnabrück wurde einer Afrodeutschen die Wohnung gekündigt, weil ihren Nachbarn die Hautfarbe nicht passte. Jetzt klagt die Doktorandin. "So offen hat noch nie jemand sein diskriminierendes Gedankengut preisgegeben", sagt ihre Anwältin.

Von Sigrid Lehmann-Wacker

"Dass man mich wegen meiner Hautfarbe nicht rein lässt, kenne ich schon. Aber dass man mich deswegen nachträglich wieder rausschmeißt, ist mir noch nie passiert". Ist es aber. Mitte Dezember 2007. Da bekam die Osnabrückerin Natasha Kelly ein Schreiben, mit dem ihr die Wohnung gekündigt wurde. Der Grund, so erschreckend wie ehrlich: "Einige Mitmieter des Wohnhauses sind mit Ihrer Herkunft und Hautfarbe und mit Ihrer persönlichen Situation als Alleinerziehende nicht einverstanden."

Das soll nicht so bleiben: Natasha Kelly klagt nun auf Schmerzensgeld und Schadenersatz. Und wird damit wohl einen Präzedenzfall schaffen. Grundlage dafür ist das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), nach dem niemand wegen seiner ethnischen Herkunft, seines Geschlechts, einer Behinderung, des Lebensalters, der Religion und der Weltanschauung oder sexuellen Identität benachteiligt werden darf. Es ist die Ausdehnung des Antidiskriminierungsgesetzes ins Zivilrecht, das vorher vor allem im Arbeitsbereich griff. Nun hat jeder eine Anspruchsgrundlage auf Schadenersatz, für den Fall, dass derjenige, wie im Fall von Natasha Kelly wegen seiner Hautfarbe benachteiligt wird.

Ihre Rechtsanwältin Simone Singer glaubt, dass der Prozess grundsätzliche Bedeutung haben wird: "Das hat es noch nie gegeben, dass jemand diskriminierendes Gedankengut so offen preisgibt!" Sie sieht deshalb gute Chancen, mit einer Klage ein erhebliches Schmerzensgeld für Frau Kelly zu gewinnen.

Das sei das krasseste, was ihr je widerfahren sei, sagt die 34-jährige Afrodeutsche. "Ich selbst wäre da wohnen geblieben und hätte den Kampf bis zu Ende durchgekämpft. Aber ich wollte meine Tochter nicht in einem rassistischen Umfeld aufwachsen lassen", so die Doktorandin. Zwar habe sie sofort begonnen, für sich und ihre zwölfjährige Tochter eine neue Wohnung zu suchen, doch das brachte andere Schwierigkeiten mit sich: Einige potenziell neue Vermieter riefen bei Kellys altem an und wollten wissen, ob die Bewerberin nicht vielleicht doch eine Mietnomadin oder Ähnliches sei. Die lapidare Auskunft von Frau Kellys Ex-Vermieter F.: Es hätten Gründe der Hautfarbe zur Kündigung geführt.

Natasha Kelly lebte seit anderthalb Jahren in der Osnabrücker Innenstadt. In dem Sechs-Parteien-Haus wohnte auch der Vermieter F.. Er selbst habe zu ihr und deren Tochter ein beinahe freundschaftliches Verhältnis gepflegt, umso verletzender habe sie die plötzliche Kündigung empfunden, sagt sie. Angeblich hätten zwei Mitglieder der Hausgemeinschaft Druck auf F. ausgeübt, rechtfertigt sich der Vermieter. Die 34-Jährige wurde in London geboren, wuchs in Deutschland auf und sieht dieses Land als ihre Heimat. Schon während ihres Studiums der Kommunikationswissenschaften hatte sie sich mit der Situation von Afrodeutschen auseinandergesetzt. "Wir Afros sind ein Teil dieser Gesellschaft", sagt sie.

Im Sommer 2007 erschien erstmals das von ihr entwickelte und verlegte "X-Magazin", die erste deutsche Zeitschrift für Afrokultur. Auch Prominente, wie der südafrikanische Bürgerrechtler Denis Goldberg zählen zu den Autoren. In ihrer Stadt und von den Medien wurde die Zeitschrift positiv aufgenommen. "Wir wollen uns aus der gesellschaftlichen Opferrolle befreien und uns innerhalb der deutschen Gesellschaft positionieren", sagt Kelly über die Ambition. Nun wurde die engagierte Frau selbst zum Opfer.

Weitere Themen

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wissenscommunity