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Qualitätsstandards: Das große Fürchten nach dem Umzug

Nach dem Umzug in ein anderes Bundesland haben Kinder häufig Probleme in der neuen Schule. Vor allem der Wechsel nach Bayern oder Baden-Württemberg fällt schwer.

Wenn Familien mit schulpflichtigen Kindern in ein anderes Bundesland umziehen, erleben sie, was Föderalismus heißt. Die Unterschiede bei Lehrplänen und Anforderungen sind gewaltig. Die Grundschule dauert hier vier, dort sechs Jahre. Die Abiturprüfung steht im einen Land nach 13 Jahren an, im anderen schon nach zwölf. "Ein Umzug innerhalb Deutschlands bringt mehr Probleme mit sich als ein Umzug aus Kanada", sagt die Vorsitzende des Bundeselternrats, Renate Hendricks.

Oft verlören Schüler ein oder sogar zwei Jahre. Besonders schwierig sei ein Wechsel nach Bayern, "weil der Leistungsdruck da so wahnsinnig ist", sagt Hendricks. Den Kindern werde wenig Selbstbestimmung gelassen. Sie kenne ein Kind, das im kalifornischen Silicon Valley gern zur Schule gegangen sei. In Bayern habe es "das Fürchten gelernt".

Im Süden strenger

Regine Pötke, langjährige Leiterin des Gymnasiums München-Oberhaching, sagt, aus Baden-Württemberg oder Sachsen zugezogene Kinder hätten selten Probleme. "Sie sind daran gewöhnt, auf den Punkt eine Leistung zu bringen: Nächste Woche ist eine Prüfung, das und das müsst ihr können!" Dagegen gingen die Noten von Kindern aus Bremen oder Berlin oft erst einmal in den Keller. Sie seien viel mehr Laissez-faire gewohnt. Mancher sei sogar überrascht, dass die Hausaufgaben kontrolliert würden. "Hier ist mehr Zug drin", sagt Pötke. "Und Pisa gibt uns recht. Die anderen Länder sollten sich an uns orientieren."

Die Wirtschaft sieht die Vielfalt der deutschen Schullandschaft mit gemischten Gefühlen. "Einerseits bringt das Wettbewerb mit sich und wirkt einer Nivellierung nach unten entgegen", sagt Günter Lambertz, Bildungsexperte beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag in Berlin. Auf der anderen Seite aber "hemmt das die Mobilität der Arbeitnehmer". Deshalb begrüßt er, dass die Kultusministerkonferenz (KMK) jetzt verbindliche Qualitäts-Standards für alle Schulstufen ausarbeitet.

Verlässlicher Rahmen

"Wir brauchen einen verlässlichen Rahmen", sagt auch Stefan Küpper, Leiter der Abteilung Bildungspolitik beim Arbeitgeberverband (BDA). Gegen eigene Lehrpläne in jedem Bundesland sei nichts zu sagen. Die einzelnen Schulen sollten sogar mehr Freiheit für eigene Wege bekommen, findet er. Aber das Ziel müsse gleich sein: Jeder Schulabgänger müsse am Schluss bestimmte Fähigkeiten und Kompetenzen vorweisen können. Und das Abitur sollte einheitlich nach zwölf Jahren abgelegt werden.

Radikaler ist die Forderung des Bundeselternbeirats. "Wir wollen eine Schule für alle Kinder", sagt Hendricks. Vorbild dafür sei der internationale Pisa-Sieger Finnland. Dort kümmerten sich die Lehrer viel mehr um jeden einzelnen Schüler. Allerdings investierten die Finnen auch mehr Geld in ihr Erfolgsmodell.

Keine Hoffnung auf mehr Geld

Mehr Geld können die deutschen Schulen nicht erhoffen. Aber im Dezember will die KMK die ersten Leistungsstandards verabschieden: Was jeder Schüler nach der 10. Klasse in Deutsch, Fremdsprachen und Mathematik können muss, soll dann für alle verbindlich verankert werden. Weitere Standards für Grund- und Hauptschulen sollen im Frühjahr folgen.

Bisher habe sich die KMK vor allem mit dem Lehrstoff beschäftigt - künftig wolle sie "prüfen, was tatsächlich hinten rauskommt", erklärt KMK-Oberstufenexpertin Andrea Schwermer. Wie und in welcher Zeit das vorgegebene Ziel erreicht werde, bleibe den einzelnen Ländern überlassen. Es gebe aber einen Trend zum landesweiten Zentralabitur und zur Verkürzung auf zwölf Schuljahre bis zur Hochschulreife.

Roland Losch

Wissenscommunity