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Schule: Wo der Fernseher beim Lesen hilft

Warum ausgerechnet das finnische Schulsystem beim weltweiten Pisa-Test der OECD am besten abgeschnitten hat.

Pisa-Test? Nöö, kennen sie nicht, die beiden finnischen Schüler Jukka-Pekka Pasanen und Lotta Oikari. Sie gucken verlegen, als sie hören, dass sie die besten Leser aller Schüler aus 32 getesteten Ländern sein sollen. »Na ja«, sagen sie und kneten ihre Hände, »wirklich?«

5.000 Jungen und Mädchen beantworteten in Finnland

die Pisa-Fragen, an 150 Schulen. Eine davon war die Kuokkala Yläaste in Jyväskylä, knapp 250 Kilometer nördlich von Helsinki im Land der Seen gelegen, und so richtig erinnert sich hier niemand mehr an den Test, weder Lehrer noch Schüler. Sein Ergebnis ist auch nicht wirklich überraschend. Dass sie gut lesen können, wussten sie schließlich schon vorher.

Jukka und Lotta sind Prototypen für lesende finnische 15-Jährige: Lotta verschlingt gerade vier Bücher gleichzeitig, Romane über die Steinzeit und »Bridget Jones - Schokolade zum Frühstück«. Jukka liest jeden Tag die Zeitung, die auf dem Küchentisch seiner Eltern liegt, und nebenbei noch den »Herrn der Ringe«, alle drei Teile. In Finnland haben fast 96 Prozent aller Schüler Zugang zu Tageszeitungen, jedes kleine Dorf hat zumindest einen Bücherei-Bus, der regelmäßig vorbeikommt, und überall sind die Buchhallen Treffpunkt für Jugendliche. Jyväskylä bietet seinen 80.000 Einwohnern zehn öffentliche Büchereien plus Universitätsbibliothek - selbstverständlich mit Wochenend-Öffnungszeiten und Buchbestellung übers Internet. 250 Kilo Druckpapier konsumiert ein Finne pro Jahr. In Deutschland sind es gerade mal 95.

Jukka und Lotta wollten schon früh lesen lernen - »um fern zu sehen«. Finnische Kinder lesen beim Fernsehen, denn amerikanische und englische Serien werden mit finnischen Untertiteln ausgestrahlt - und nur wer lesen kann, kann Sendungen ohne die Eltern schauen. Daher ist Fernsehen ein wissenschaftlich bewiesener Grund für gutes und vor allem schnelles Lesevermögen in Finnland und natürlich auch in Ländern wie Schweden und Holland. Die Professorin für Pädagogik Pirjo Linnakylä hat den Pisa-Test mit konzipiert und in Finnland durchgeführt; die TV-Untertitel stehen auf ihrer Liste mit Gründen für Finnlands gutes Abschneiden weit oben.

Linnakylä glaubt an das finnische Schulsystem, an Gleichheit für alle und das System der Gesamtschule ebenso wie an das Prinzip der Verantwortlichkeit, das seit 1994 das nationale Curriculum in die Hände der Lehrer gegeben hat. Der Lehrerberuf ist in Finnland hoch angesehen, von 6000 Bewerbern wird in den pädagogischen Hochschulen oft nur jeder zehnte genommen. »Unsere besten Studenten werden Lehrer«, sagt Linnakylä, und das gilt vor allem für die Studentinnen - was ein Grund dafür sein mag, warum finnische Mädchen noch besser lesen als finnische Jungen. Lehrerinnen scheinen sie besser ansprechen zu können.

Geschockt war Linnakylä von den deutschen Ergebnissen in der Pisa-Studie - denn die Reform des finnischen Schulsystems Anfang der siebziger Jahre orientierte sich an schwedischen und deutschen Schulen, an sozialistischen deutschen Schulen, wohlgemerkt. Finnische Experten reisten damals in die DDR, um zu prüfen, wie sie ihre Volksschulen auf eine neunjährige Gesamtschule umstellen konnten.

Gleichheit war und ist der oberste Grundsatz finnischer Erziehungspolitik, gleicher Zugang für alle in den ersten neun Pflicht-Schulklassen. Die Kinder werden mit sieben Jahren eingeschult, gehen die ersten sechs Jahre alle in dieselbe Schule und haben während dieser Zeit immer denselben Klassenlehrer. In der siebten Klasse wird der enge Klassenverband aufgelöst, die Schüler können Fächer wie Musik und Französisch ab- oder dazuwählen. Erst nach neun Jahren teilen sich die Schüler auf und gehen, je nach Notendurchschnitt, auf ein Oberstufenkolleg oder in die Berufsschule. Erst hier spezialisieren sie sich, erst hier bietet beispielsweise der Handy-Hersteller Nokia Sonderkurse für Mathematikbegabte an. In der Berufsschule wird sehr praxisorientiert direkt auf einen Beruf hin ausgebildet, das Oberstufenkolleg bereitet die Schüler auf das Studium an der Universität vor.

Die Kuokkala-Schule in Jyväskylä ist eine Gesamtschule für die Jahrgänge sieben bis neun. Sie liegt inmitten von Sozialwohnungen, in einem Vorort, der in Deutschland vielleicht als »sozialer Brennpunkt« bezeichnet würde. In der Eingangshalle wachsen tropische Pflanzen in einem riesigen Wintergarten, Korbsessel laden zum Ausruhen ein, die pastellfarben kolorierten Gänge sind weitläufig. Eine gute Lernatmosphäre ist Finnland viel wert: 12,2 Prozent des Haushaltes steckt die Regierung in den Bildungsetat, in Deutschland sind es 9,6 Prozent.

Kuokkala ist eine Schule voller Luft und Licht - und völlig ohne Graffiti. Nirgendwo ist etwas bemalt, beschmutzt oder verbeult. »Wir sind halt nicht so wild!«, erklärt Jukka und stellt sich ordentlich in die Reihe der Schüler vor ihm an der Essensausgabe. Tatsächlich gibt es kaum Rempeleien, das kostenlose Mittagessen wird in aller Ruhe im Wintergarten oder in der Kantine verzehrt, und alle räumen ordentlich die Teller in die Abstellgitter. Es herrscht ein ruhiger, fast freundschaftlicher Ton zwischen Schülern und Pädagogen.

»Wir sind für jeden verantwortlich«, sagt Alila Kaisa, Englisch- und Deutschlehrerin. Und genau darin sieht die Professorin Linnakylä einen Hauptgrund für den Erfolg des finnischen Schulsystems: »Der Schüler, der vor den Lehrern sitzt, ist und bleibt deren Aufgabe. Es gibt keine Ausreden. Wenn ein Schüler nicht lernt, dann liegt das Problem beim Lehrer. Und nicht bei der Schulform.« Es gibt keine Sonderschulen, Kinder mit Sprach- oder Verhaltensstörungen bekommen gesondert Unterricht in ihren Problemfächern und nehmen in Sport oder Musik wieder ganz normal am Unterricht teil. Die Eltern in Finnland beteiligen sich nicht besonders ausgeprägt am Schulleben - auch wenn sie die Möglichkeit hätten: In den Richtlinien steht ausdrücklich, dass sie Einfluss auf die Lehrpläne nehmen können.

Den Lehrern steht es völlig frei, wie sie ihre Schüler zum Lernen - und Lesen bringen. Jari Juntinen zum Beispiel bespricht im Finnischunterricht Fantasy- und Science-Fiction-Romane: »Wenn ich Kinder dazu zwinge, Klassiker zu lesen, bringe ich sie doch nicht dazu, gern zu lesen.« Juntinen arbeitet lieber mit Anreizen: Wer in einem kleinen Notizbuch aufschreibt, welche Bücher er zu Hause gelesen hat und wie sie ihm gefallen haben, bekommt Bonuspunkte.

Es gibt keine standardisierten Tests und eigentlich so gut wie keine Leistungsabfragen im herkömmlichen Sinn. Die Schüler werden individuell bewertet. Bis zur siebten Klasse sind Zensuren gar nicht vorgesehen, sitzen geblieben wird nicht. Die Zeugnisse ähneln eher modernen Bewerbungen: Da wird erwähnt, dass der Schüler zwar nicht so gut in der englischen Rechtschreibung ist, aber der Brief, den er an seinen Freund in Australien geschrieben hat, wird als positives Beispiel für seinen guten Stil dazugeheftet.

Jeder Lehrer bestimmt seine Methoden selbst, innerhalb der Schule wird das Vorgehen zwischen den Lehrern abgestimmt: Juntinen etwa würde niemals einen Computer im Unterricht benutzen, da er die langsame Handschrift schätzt. Seine Kollegin Alisa Kaisa dagegen lässt die Kinder Briefe in den Computer tippen. Sie bevorzugt Gruppenarbeit - wie viele finnische Lehrer. Dabei sollen die stärkeren Schüler die schwächeren mitziehen. Das geht nicht ganz ohne Probleme ab. Lotta beispielsweise langweilt sich oft - sie hat lange in Kanada gelebt und spricht fließend Englisch. Manchmal bekommt sie Sonderaufgaben, aber das reicht ihr nicht. Sie hofft auf die weiterführende Schule, bei der sie sich jetzt beworben hat: »Da wird die Arbeit härter.«

Das größte Problem wird auf Finnland in der Zukunft zukommen: Die Anzahl der Immigranten liegt momentan noch bei zwei Prozent, viele Klassen haben nicht einen fremdsprachigen Schüler. Doch das wird sich mit Einwanderern aus Estland und Russland bald ändern. »Vielleicht müssen wir dann nach Deutschland schauen, um Lösungen zu finden«, sagt Linnakylä.

Ohnehin wollen die Lehrer in Kuokkala die für ihr Land so positive Pisa-Studie nicht überbewertet sehen. Wer wisse schon, was bei den nächsten Tests in Mathematik und den Naturwissenschaften herauskommen wird? »Und überhaupt«, sagt Jari Juntinen, »ich finde immer noch, dass meine Schüler zu wenig lesen. Es gibt welche, die haben auch in der neunten Klasse noch kein Buch in der Hand gehabt.«

Cornelia Fuchs

Wissenscommunity