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Sprachentwicklung: Immer mehr Grundschüler lernen Fremdsprachen

Viele Bundesländer machen in Sachen Fremdsprachenunterricht in der Grundschule mobil. Grund: Das so genannte Sprachentwicklungsfenster ist bei Kindern nur eine begrenzte Zeit "geöffnet".

Seit diesem Schuljahr lernen die ABC-Schützen in Baden-Württemberg nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern auch eine Fremdsprache. Schon ab der 1. Klasse müssen die Kinder im Ländle Englisch oder Französisch lernen, ab der 3. Klasse gibt es dann sogar Noten, und schon in der 5. Klasse kommt die zweite Fremdsprache hinzu. Auch andere Bundesländer machen in Sachen Fremdsprachenunterricht in der Grundschule mobil.

Im Interesse ihrer eigenen beruflichen Zukunft und des zusammenwachsenden Europas sei dies nötig; zudem sei das so genannte Sprachentwicklungsfenster, also die Zeit, in der es Kindern besonders leicht fällt, Sprachen - auch Fremdsprachen - zu lernen, nur eine begrenzte Zeit geöffnet. Diese Zeit müsse man nutzen. So lauten übereinstimmend die Begründungen von Politikern und Bildungsexperten.

Hauptkritikpunkt: Mangelnde Qualifikation der Lehrkräfte

Trotzdem warnen Erziehungswissenschaftler vor einem überstürzten Aktionismus, obwohl sie grundsätzlich einen frühen Spracherwerb begrüßen. Es gebe eine Fülle von Problemen, erklärten der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, der Berliner Pädagoge Hans Merkens, und die Augsburger Professoren Leonie Herwartz-Emden und Kaspar Spinner übereinstimmend im AP-Gespräch.

Hauptkritikpunkt ist die nach Ansicht von Spinner vielfach mangelnde Qualifikation der Lehrkräfte. Die Weiterbildung der Lehrerinnen und Lehrer in Schnellkursen wie beispielsweise in Bayern reiche bei weitem nicht aus. Es gehe dabei nicht nur darum, wie die Fremdsprache vermittelt werden solle, sondern vor allem auch um die reine Sprachkompetenz. Vor allem bei den ganz jungen Schülern, die noch sehr empfänglich auf sprachliche Nuancen reagierten, habe eine falsche Aussprache der Fremdsprache langfristig negative Folgen.

Fremdsprachen in alle Bereiche des Unterrichts einfließen lassen

Notwendig sei ein "sehr viel energischeres Nachdenken, was sich in der Ausbildung der Lehramtsstudenten ändern muss. Ganz viele von ihnen müssten ins Englisch-Studium geschickt werden", betont der Professor. Ziel müsse es sein, die Fremdsprache in alle Bereiche des Unterrichts einfließen zu lassen. Deshalb müssten vor allem auch die Klassenlehrkräfte und nicht nur eigens ausgebildete Fachlehrer die notwendigen Sprachkenntnisse haben.

Ein weiteres Problem ist nach Einschätzung von Merkens, dass es bislang keine ausreichende wissenschaftlich fundierte Lehre vom Fremdsprachenunterricht an Grundschulen gebe. Es gebe zwar Versuche einzelner Bundesländer, einheitliche didaktische Konzeptionen oder gar Langzeituntersuchungen gebe es aber noch nicht. Dazu sei es aber auch nötig, die bestehende, extrem unterschiedliche Herkunft der Erstklässler zu beachten.

Viele Kinder haben jetzt schon Probleme mit dem Deutschen

Bereits 30 bis 40 Prozent, in Großstädten sogar bis zu 50 Prozent der ABC-Schützen sprechen heute nicht Deutsch als Muttersprache, wie Herwartz-Emden betont: "Ein großer Teil der Kinder wächst schon jetzt zweisprachig auf." Englisch oder Französisch ist für diese Kinder bereits die zweite Fremdsprache. Positiv könnte sich nach Einschätzung der Experten auswirken, dass sie ohne die in anderen Fächern vielfach vorhandenen Verständnisprobleme des Deutschen an die Fremdsprache herangehen könnten. Zugleich sei aber fraglich, "ob sie noch vernünftig Deutsch lernen", meint Merkens.

Daneben gibt es aber nicht wenige Kinder ohne ausländischen Hintergrund, oft aus sozial benachteiligten Schichten, die ebenfalls schon jetzt große Probleme mit dem Deutschen haben, wie Herwartz-Emden betont. "Man sollte sich um die Heterogenität der Lerngruppe kümmern", meint die Pädagogin. Die bisherigen Programme setzten immer noch zu sehr auf eine Vereinheitlichung, statt individuell zu fördern.

Angelika Bruder, AP

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