Tauschgeschäft Wo ist Lehmann?


Und warum schon wieder bloß ein Holländer? Die Jagd auf die Panini-Bilder versetzt Millionen Deutsche in einen Tausch-Rausch.
Von Joachim Reuter

Das "Schmitt Foxy Food" in Hamburg-St. Pauli gilt unter Liebhabern eines schnellen Happens als erste Adresse. Hier, meinen die Kenner, gibt es die beste Currywurst der Stadt. Besonders mittwochs zwischen 12 und 14 Uhr ist der Laden in letzter Zeit rammelvoll. Würste sind dann aber nur die Beilage. Das Publikum ist heiß auf Panini. Nein, nicht auf die krossen Italo-Brötchen - man drängelt sich um 5 mal 6,5 Zentimeter kleine Bilder mit den Köpfen der WM-Kicker.

Die Klebesticker sind seit Jahrzehnten ein Exportschlager aus Italien, gedruckt vom Panini-Verlag in Modena, gekauft, gesammelt und getauscht von Millionen Fußballfans in aller Welt. Als am 25. April die Bildchen der WM-Spieler 2006 auf den Markt kamen, begann die Panini-Pandemie. Und das Lokal in Hamburg verwandelt sich mittwochs in eine kultige Tauschbörse. Hier tummeln sich schüchterne Mädchen, die ihr Sammelalbum an sich pressen und verlegen zu Mama blicken, die gerade die Listen mit den noch fehlenden Bildnummern durchgeht. Hier lästern Pubertierende, wenn wieder nur holländische Fußballer feilgeboten werden: "Es ist zum Käsekotzen: Wo man hinsieht, nur Grachtenkicker!" Es feilschen Anzugträger ("Ich habe keine Lust, bei uns im Büro mit den anderen auf dem Klo zu tauschen") mit Opas in Cordhosen, die für ihre Enkel auf Bilderjagd gehen. Sie alle wollen nur eins: das WM-Album voll kleben.

Erst zahlen, dann kleben

Keine leichte Aufgabe, denn im Panini-Sammelalbum 2006 ist Platz für 597 Bilder. Das Heft kostet einen Euro - ein preisgünstiger Einstieg in einen Rausch, der teuer kommen kann. Ein Tütchen mit fünf Bildern kostet 50 Cent. 120 Tüten brauchen also Sammler, die ihr Album komplett füllen wollen. Kostenpunkt: 60 Euro. So weit die Theorie.

Doch weil vor dem Tütenkauf niemand weiß, welche Spieler darin stecken, häufen sich Bilder, die man doppelt und dreifach hat. Pech für die Sammler. Bares Geld für den Panini-Verlag, der den erhöhten Bedarf naturgemäß positiv sieht. "Wir wollen, dass die Sammler sich treffen und ihre Bilder tauschen", sagt Birgit Barner, Marketingleiterin von Panini Deutschland in Nettetal am Niederrhein. "So schaffen wir Kontakte."

Kontakte knüpfen

Das hat auch die junge Frau im pinkfarbenen Sweatshirt im "Schmitt Foxy Food" begriffen. Mehrfach erwähnt sie gegenüber einem hübschen Mann, dass sie die seltene "Panini-Briefmarke", die zum 45-jährigen Bestehen der Firma in Italien herausgegeben wurde, gleich zweifach besitzt, "leider aber daheim vergessen - wenn du magst, kannst du mitkommen". So weit geht die Leidenschaft des Sammlers offenbar nicht.

Die raren Motive wie die Briefmarke oder die Starkicker Ballack und Ronaldinho, die in vielen Alben auffällig oft fehlen, sind heißer Diskussionsstoff unter den Jägern und Sammlern. Genauso wie die Schwemme an niederländischen und amerikanischen Spielern. "Holländer eignen sich hervorragend dazu, sie in die Kloschüssel zu kleben", heißt es frustriert in einem Internet-Tauschzirkel. Wo Angebot und Nachfrage derart auseinander klaffen, ist Platz für Verschwörungstheorien. Tenor: Panini spielt foul.

Generaldirektor Arrigo Beltrami kennt diese Vorwürfe. "Unsere Bilder sind nicht ungleichmäßig verteilt, das ist ein altes Märchen. Alle Kicker, von Oliver Kahn bis zum letzten Spieler aus Ghana, sind gleichermaßen im Umlauf." Der Panini-Chef aus Modena hat einen Tipp: "Wenn man am Kiosk zwei komplette Schachteln mit jeweils 100 Tüten kauft, hat man zu 98 Prozent alle Bilder vollzählig." Und über 400 Bilder doppelt. 100 Euro würde das Sammeln per Großeinkauf kosten.

Drucken, was die Presse hergibt

Doch Signore Beltrami hat wenig Zeit, um Sammelstrategien zu diskutieren. Die Produktion läuft auf Hochtouren. 200 Männer und Frauen schuften in der Druckerei seit Februar im Drei-SchichtBetrieb. Täglich verlassen 65 Millionen Bildchen das Werk, ausgeliefert an Fußballfans in 110 Ländern. Auch die Panini-Werke in Brasilien, Chile und Mexiko drucken, was die Pressen hergeben.

1961 brachten vier Panini-Brüder mit den Kickern der italienischen Serie A die erste Stickerkollektion auf den Markt. Vom Panini-Quartett leben heute nur noch zwei: Umberto und Franco Cosimo Panini, beide in den Siebzigern und schon lange nicht mehr die Herrn der bunten Bildchen. Sie haben ihr Tütchen-Imperium 1988 verkauft und produzieren heute Parmesan.

Deutsche besonders sammel-wütig

Die Deutschen sind nach den Mexikanern und Italienern die eifrigsten Sammler. 30 Millionen Tütchen gingen bei der letzten Fußball-WM über die Kiosktresen. Eine Zahl, die in diesem Jahr getoppt wird. "Wir haben hierzulande über 100 Millionen Bildertüten ausgeliefert", sagt Marketingchefin Barner. "Das ist Wahnsinn!"

Wahnsinnig sind auch die Preise, die manche Panini-Alben im Internet bei Ebay erzielen. Birgit Barner erinnert sich, dass ein WM-Album von 1982 für 348 Euro den Besitzer wechselte. "Und darin fehlten auch noch Bilder!" Alben der WM 2006 bringen bei der Online-Auktion etwa 70 Euro, wer das komplette Bilderset lose liefert, kann es für 100 Euro losschlagen. Wenn schon nicht selbst sammeln, dann wenigstens selbst kleben, so offenbar das Motto der Käufer.

Nachbestellung für 15 Cent pro Bild

Dabei kann Barner über den Internethandel nur den Kopf schütteln. Da werden für Raritäten bis zu neun Euro geboten. Etwa für Jens Lehmann, den deutschen Torhüter. Den hatte Panini zum Druckstart im Januar gar nicht auf der Liste und bringt ihn erst jetzt auf den Markt. "Lehmann kann man, wie auch alle übrigen Motive, bei unserem Bilderdienst bestellen", sagt Barner. "Das kostet nur 15 Cent pro Bild."

Für Hardcore-Sammler kommen Internet und Bestellservice aber nicht in die Tüte. "Tauschen ist doch am schönsten", sagt Designer Roland Pilz, der bei "Schmitt Foxy Food" sein Album komplettiert. Und ist das Heft voll geklebt, ist auch der Rausch vorbei. Panini-Sammler fallen dann ins Loch. "Nachdem die Bilderjagd für Wochen dein Leben bestimmt hat, musst du dir erst wieder neue Inhalte suchen", sagt Student Alfons. Verkäuferin Maike sieht dem Moment, an dem sie alle Bildchen hat, mit Bangen entgegen: "Die ersten Tage sind echt hart - wie ein Entzug."

Mitarbeit: Luisa Brandl, Karin Spitra

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