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TEIL 9: Von Blind Dates und Auslands-Bafög

Dobry¿ den, hledám nekeho na konverzaci v cestine - vymenou na nemcinu. Guten Tag, ich suche jemanden zum Tschechisch-Reden, im Austausch gegen Deutsch...

»Dobry¿ den, hledám nekeho na konverzaci v cestine - vymenou na nemcinu.« - »Guten Tag, ich suche jemanden zum Tschechisch-Reden, im Austausch gegen Deutsch.« Das erste (und hoffentlich auch das letzte) Mal, dass ich eine Kontaktanzeige aufgebe. Es haben sich gleich zwei Tschechen gemeldet, die Zeit der Blind Dates ist angebrochen. Auf unverbindlichem Terrain im Café Louvre. Erstes Date mit Juri. Er ist 29 Jahre alt, schlank, hat blonde, streng gescheitelte Haare und sein beigefarbenes Leinenhemd bis zum letzten Knopf zugeknöpft, sodass man ihm an den Kragen möchte und sagen will: »Junge, mach dich mal locker.« Er hat sich im Antiquariat ein deutsch-tschechisches Wörterbuch aus dem Jahre 1943 besorgt (Reichsausgabe). In sein Notizbuch schreibt er in Sütterlinschrift, damit - bei Verlust - niemand seine Aufzeichnungen lesen kann. Juri hat sich Deutsch im Eigenstudium beigebracht und spricht es fast fließend. Eigentlich wollten wir halbe-halbe machen: 45 Minuten in Deutsch, 45 Minuten in Tschechisch, aber das scheitert noch an meinen mangelnden Tschechisch-Kenntnissen. Es fällt mir schwer, sinnvolle Sachen zu sagen, weil ich 1. bislang nur im Präsens lebe und 2. Beziehungen zu Sub- und Objekten im Lebensumfeld nur mit Akkusativ ausdrücken kann. Bin mir noch nicht sicher, ob ich mich weiter mit Juri treffe, weil er mich, glaube ich, für eine herzlose, karrierewütige und hibbelige Deutsche hält, die sich nicht »dem Studium und den schönen Künsten« widmet. Aber vielleicht sollte ich nicht zu früh aufgeben.

Zweites Date mit Petr. Petr ist um die 30, Chemiker, hat ein Jahr in Berlin gelebt und kann fast fließend Deutsch. Seine Lieblingsthemen: Politik und Geschichte. Petr engagiert sich für die Partei »Rechter Block«, die bei den anstehenden Wahlen im Juni versucht, ins Parlament einzuziehen. Der Name »Rechter Block« stört auch Petr: Die Assoziation »nationalistisch« sei falsch - und typisch deutsch. Rechter Block bedeute vielmehr »konservativ und gegen die Kommunisten«. Der Parteichef steht einmal in der Woche mit Lautsprecher auf dem Wenzelsplatz und wettert gegen die Inhaftierung eines ehemaligen Bürgerrechtlers. Und Petr kann genauso gut wettern: Milos Zeman (tschechischer Ministerpräsident, Sozialdemokrat) und Václav Klaus (Oppositionsführer, bürgerlich-konservativ) seien nur alte Kommunisten und sowieso: Die ganze öffentliche Verwaltung sei verseucht von alten Kommunisten, die sich gegenseitig die Ämter zuschustern. Momentan regieren in Tschechien die Sozialdemokraten in einer Minderheitsregierung, müssen sich also bei fast allen Entscheidungen das Okay von der Opposition holen. Petr werde ich wohl wieder treffen: Seine politischen Plädoyers sind richtig spannend.

Nächstes Wochenende geht es ins Riesengebirge, es ist mal wieder billigbilligbillig: zwölf Euro für die Übernachtung mit Halbpension. Trotzdem geht mir langsam das Geld aus. Das liegt an meinem Sachbearbeiter beim Amt für Ausbildungsförderung. Er bekommt es seit acht Monaten nicht hin, meinen Auslands-Bafög-Antrag zu bearbeiten. Aber wenn er dann doch mal eintrudeln sollte, mein Bafög-Antrag - mit dem Stempel »Bewilligt« -, dann bleib ich gleich noch ein drittes Semester. Was zieht mich schon nach Deutschland zurück - außer einem richtig guten Milchkaffeeschaum? So richtig feinporig bekommen die Tschechen den nämlich noch nicht hin (Vielleicht sollte man das als EU-Qualifikationskriterium einführen?).

Grüße aus Prag

Marlies

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