HOME

Verbraucherrisiko Nanotechnologie: "Größte Vorsicht"

Putzmittel, Farben und Pfannen werden dank Nanotechnologie besser. Wissenschaftler warnen jedoch: Die Gesundheitsrisiken sind nicht genug erforscht.

Wenn das Bodenputzmittel Emsal Nanotec auf dem Parkett zerfließt, gehen die winzigen Zwerge an die Arbeit. Sie setzen sich in Windeseile in alle Fugen, klammern sich dort fest und lassen kein Tröpfchen Wischwasser mehr durch. Eine Meisterleistung der Wichte, die Millionen Mal kleiner sind als ein Floh: Quellende Holzbeläge gehören der Vergangenheit an. Kleine Ursache, große Wirkung.

Gesundheitsgefahren nicht erforscht

Kleine Ursache, großes Risiko - so sehen es Toxikologen. Sie warnen vor unkalkulierbaren Gesundheitsgefahren von Nanopartikeln, wie sie nicht nur Emsal-Hersteller Werner & Mertz in seinen Produkten verwendet. Immer mehr Firmen entwickeln solch mikroskopisch kleine Wunderknirpse und peppen damit ihre Waren auf. Sie verbessern die Eigenschaften von Wandfarben, Fenstersprays, Sonnencremes, Kaugummis, Tabletten und zig weiteren Produkten. Das Problem: Niemand weiß, ob sich die Partikel durch Einatmen, Schlucken oder über die Haut auch im menschlichen Körper ansiedeln - und was sie dort anrichten.

Experten halten den Einsatz von Nanopartikeln für ein Spiel mit dem Feuer. "Man muss unbedingt adäquate Tests an ihnen durchführen, bevor sie in den Handel kommen", fordert Wolfgang Kreyling, Wissenschaftler am renommierten GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in Neuherberg. Er forscht selbst über die biologischen Auswirkungen der Technik.

Risiko nicht abschätzbar

"Das ist ein riesiges Problem", sagt auch Holger Krawinkel, der sich beim Berliner Bundesverband der Verbraucherzentralen mit Nanotechnologie befasst. Politiker sollten schleunigst darüber diskutieren, ob die Markteinführung von Nanoprodukten nicht verboten werden müsste, solange deren Risiken nicht abschätzbar sind.

Die Warnungen der Experten vor den Teilchen, die noch 1000-mal kleiner sind als der gescholtene Feinstaub, kommen reichlich spät. An die 700 Nanoprodukte sind weltweit bereits im Markt, rund 100 Milliarden Euro wurden vergangenes Jahr damit eingenommen. Der Verkauf von Nanoartikeln steht nach Einschätzung von Marktforschern vor einem Boom. In zehn Jahren würden damit mehr als 1,2 Trilliarden Euro umgesetzt. Jedes zweite Produkt soll dann mit Nanopartikeln veredelt sein.

Blauäugige Verwendung?

Manche Hersteller preisen die Technik gar als Revolution, vergleichbar mit der Einführung der Elektrizität. Sie ermöglicht den Menschen, Atome und Moleküle wie Legosteine zu verwenden und völlig neue Werkstoffe und Mini-Maschinen zu entwickeln. Alles ist denkbar: von selbst reinigenden Fensterscheiben über staubkorngroße Militärspione bis zu intelligent wirkenden Medikamenten. Die Arglosigkeit, mit der das Nanogeschäft forciert wird, erinnert GSF-Forscher Kreyling an die Blauäugigkeit, mit der einst Asbest oder Radioaktivität auf die Menschheit losgelassen wurden - und immense Schäden anrichteten.

Doch das Geschäft wollen sich die Unternehmen nicht kaputtmachen lassen. Anerkannte Forscher beklagen hinter vorgehaltener Hand, einzelne Unternehmen übten Druck auf sie aus, das Risikopotenzial von Nanotechnik wider besseres Wissen herunterzuspielen. Viele tun es, weil ihre Institute auf das Sponsoring der Hersteller angewiesen sind. "Die drohen, meinen Ruf zu zerstören, wenn ich offen vor den Gefahren warne", offenbart ein Wissenschaftler eines führenden deutschen Instituts dem stern.

Derweil erobern Nanoprodukte auch deutsche Supermärkte und Kaufhäuser. Gekennzeichnet werden müssen sie nicht, oft aber werben die Hersteller im Produktnamen mit der neuen Wundertechnik. So finden sich in den Läden beispielsweise

- Sonax Extreme Polish & Wax Nano, in dem Nanopartikel matte Autolacke auspolieren,

- Sidolin streifenfrei Cristal, ein Glasreiniger, der ein Schutzschild aus Nanoteilchen gegen Schmutz auf die Scheibe legt,

- die Pfanne WMF Top-Tec, bei der eine Nanobeschichtung Anbrennen verhindert,

- die Waschmaschine Silver Nano Health System von Samsung, in der Silberionen von der Größe eines Millionstelmillimeters ins Gewebe dringen und Bakterien killen,

- die Wandfarbe Capasan von Caparol, die mit Titandioxid-Partikeln gegen Mikroorganismen kämpft,

- die Schuhcreme Erdal Pflegeglanz, die mit Nanopartikeln poliert,

- das Spray Holmenkol Sport Proof + Care, das Schuhe, Sättel und andere Lederartikel wasserdicht macht,

- nanobeschichtete Krawatten von Bugatti, die Kleckse abstoßen,

- das Wellness-Getränk FitLine Gourmet Shake Soya Vanille, das Kalorien schneller verbrennen soll.

Reichen 'übliche' Tests?

Die Hersteller betonen gegenüber dem stern, dass ihre Produkte getestet und toxikologisch unbedenklich seien. Doch Wissenschaftler bezweifeln, dass übliche Tests für solch eine Garantie ausreichen. Denn teure, aufwendige nanospezifische Studien sind bislang nicht gesetzlich vorgeschrieben. "Größte Vorsicht ist vor allem dann geboten, wenn Nanopartikel über die Haut oder die Lunge aufgenommen werden können, also etwa bei Sprays oder Putzmitteln", warnt Harald Krug, Professor am Forschungszentrum Karlsruhe. Und selbst wenn nachgewiesen ist, dass sich die Kleinstteile während des Gebrauchs nicht lösen: Was passiert, wenn sie bei der Entsorgung, etwa der Müllverbrennung, in die Luft oder später in die Nahrungskette gelangen?

Sicher ist: Alle Partikel sind ausgesprochen unberechenbar. "Wir haben bei unseren Tests schon Überraschungen erlebt", sagt GSF-Forscher Kreyling. "Partikel, von denen wir glaubten, dass sie keine biologische Wirkung zeigen, taten es doch - insbesondere, wenn sie kleiner als 100 Nanometer waren."

Es gibt Risikopotential

Was Nanopartikel auf Dauer anrichten können, ergründen Wissenschaftler erst allmählich. So konnte ein Team am Institut für umweltmedizinische Forschung der Universität Düsseldorf nachweisen, dass bestimmte Arten, wie sie etwa in Farben verwendet werden, in ausreichend hoher Konzentration die Funktionen des menschlichen Zellkerns stören. An der Universität Rochester, USA, ließen Wissenschaftler Ratten eine große Dosis Nanopartikel inhalieren, was zu Kreislaufschäden führte. Selbst Schädigungen des Hirns sind nicht auszuschließen. "Sicher ist heute", sagt Peter Wiedemann, Experte am Forschungszentrum Jülich, "dass es ein Risikopotenzial gibt."

Die Assekuranz urteilt noch härter. Swiss Re, einer der weltgrößten Rückversicherer, stuft Nanotechnik als Top-Risiko ein. "Im Lauf der gesamten Evolution war die Menschheit noch nie einer solchen Art und Menge von Substanzen ausgesetzt, die - offenbar ungehindert - in den menschlichen Körper eindringen können", heißt es in einer Studie. "Es ist zu befürchten, dass die Nanotechnologie zur Kategorie der revolutionären Risiken mit ursächlich nachweisbarer Schadenfolge gehören wird."

Es gibt keine Erfahrungswerte

Dass der Versicherer so argwöhnisch ist, liegt an der wundersamen Wandlungsfähigkeit der Stoffe. Jedes Material, das in den Labors auf Nanogröße gestutzt wird, weist gegenüber dem Ursprungsstoff völlig neue Eigenschaften auf. So ändern sich etwa Farbe, Löslichkeit oder Leitfähigkeit. Und die Nanopartikel reagieren im menschlichen Körper viel stärker als größere Teilchen mit der gleichen chemischen Zusammensetzung. Deshalb können Forscher bei der Risikobewertung nicht auf Erfahrungswerte zurückgreifen. Das heißt zum Beispiel: Nanoteilchen aus Zinkoxid sind keineswegs unbedenklich, nur weil das handelsübliche Zinkoxidpulver ungiftig ist.

Dennoch tun Hersteller, als hätte sich nichts geändert. "Unser Pflegemittel Emsal Nanotec ist ein Imprägniersystem, das seit Jahrzehnten im Einsatz ist", sagt Wolfgang Feiter, Marketing-Chef beim Emsal-Hersteller Werner & Mertz. Ein Screening der neuen Nanopartikel sei deshalb nicht notwendig.

Die Bundesregierung reagiert erst jetzt auf die Gefahr. Vier Jahre lang haben Wissenschaftler um den Karlsruher Forscher Krug um Unterstützung gebeten. Mitte Februar startete das Forschungsprojekt NanoCare, das die Gefahren industriell hergestellter Nanopartikel untersuchen soll. Drei Jahre haben die Experten dafür Zeit. Fünf Millionen Euro schoss der Forschungsminister zum NanoCare-Etat zu - 2,6 Millionen stammen aus den Kassen von Herstellern wie Degussa, BASF und Bayer.

Rolf-Herbert Peters / print

Wissenscommunity