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Eine Krankheit und ihre Therapie: Im Keller der Sexsüchtigen

Die außerehelichen Affären von Tiger Woods und Sandra Bullocks Ehemann Jesse James haben das Thema Sexsucht in die Schlagzeilen gebracht. Doch wie wird so etwas therapiert? Zu Besuch bei den Anonymen Sexsüchtigen in Boston.

Von Ulrike von Bülow

Das Ganze erinnert an ein Treffen der Anonymen Alkoholiker. In einem kargen Kellerraum in Boston, in dem es nicht viel mehr gibt als Sofas und Stühle, sitzen 50 Leute zusammen, mehr Männer als Frauen, manche haben eine Wasserflasche in der Hand, andere Kekse und Chips, die sie sich in den Mund schieben. Ein Herr mittleren Alters erhebt sich, er trägt ein blaues T-Shirt und eine khakifarbene Hose. Er guckt in die Runde, dann sagt er:
"Mein Name ist Jeff und ich bin ein Sexsüchtiger."
"Hi, Jeff!", schallt es aus der Runde.

So beginnt das Treffen der "Sex and Love Addicts Anonymous" (SLAA), den Anonymen Sexsüchtigen, die sich wöchentlich in einer Kirche im Westen von Boston begegnen. Optisch unauffällige Leute, ein paar von ihnen im Studium oder in Rente, die meisten berufstätig. Wie Jeff, ein Ingenieur, der sagt, sein Leben sei außer Kontrolle gewesen, mit ständigen Ausflügen zu Prostituierten, in Stripclubs und auf Pornoseiten im Internet. Eines Tages habe er sich an seiner Ehefrau vergangen, das sei der Tiefpunkt gewesen, so beschreibt Jeff es heute im "Boston Globe": "Sie rief die Polizei und ließ mich rauswerfen." Damals habe er begriffen, dass er unter einer Zwangsstörung litt und Hilfe brauchte.

Der Supergolfer schrumpfte zum Sexgestörten

Vielleicht ist Jeff so etwas wie die 08/15-Ausgabe von Tiger Woods, dem Supergolfer, der das Image eines Heiligen hatte, mit sexy Schwedengattin und schnuckeligen Kindchen, bis im vergangenen November herauskam, dass Mr. Woods sein Familienidyll verraten und Mrs. Woods betrogen hatte. Nicht nur einmal. Und immer mit Frauen aus dem Nachtclubmilieu, die alle an Pamela Anderson erinnerten, oberweitentechnisch. Der Supergolfer schrumpfte zum Sexgestörten, er verabschiedete sich in die Rehabilitations-Klinik "Pine Grove" in Hattiesburg, Mississippi, die dafür bekannt ist, Sexsucht zu behandeln. Ging es ihm dabei um eine Therapie? Oder darum, seinen Ruf zu retten?

Das Wort "sexsüchtig" war nicht aus seinem Mund zu hören, jedenfalls nicht öffentlich: Tiger Woods sagte nur, er sei in "rehab", alles weitere wurde interpretiert. Nun wird viel über Sexsucht geschrieben, Amerika beschäftigt die Frage: Was ist das - eine ernsthafte Krankheit? Oder nur eine Mode, eine PR-Erfindung, ein Werkzeug für prominente Seitenspringer, die Wiedergutmachung erstreben? Nach Tiger Woods checkte Jesse James zur Behandlung ein, der Mann von Sandra Bullock, der offenbar einen außerehelichen Hang zu Ganzkörpertätowierten Damen hat, der innerehelich nicht so gut ankam. Aber vielleicht erscheint das alles nur halb so schlimm, wenn die Ausrede lautet: "War nicht so gemeint, ich bin krank, Verzeihung!"

Der Schauspieler David Duchovny, der in der TV-Serie "Californication" einen - hört, hört! - sexbesessenen Autor mimt, gab vor zwei Jahren bekannt, dass er sich im wahren Leben "zur Behandlung von Sexabhängigkeit in ein Zentrum" begeben habe. Seither scheint bei den Schönen und Berühmten weniger von Alkohol oder Kokain und mehr von Sex die Rede zu sein, wenn es um Sucht geht. Anders als noch Anfang der 90er Jahre, als es hieß, Michael Douglas sei sexsüchtig - damals dachte man: Huch, seit wann gibt's denn so was?!

12-Punkte-Plan sowie Yoga und Malstunden

Bis heute ist die Sexsucht nicht in der "ICD-10" zu finden, der internationalen Klassifikation von Krankheiten - inzwischen aber wird diskutiert, ob sie nicht da hineingehört. Denn Sexsucht wird ja behandelt: in teuren Einrichtungen (die Aufbereitung à la Woods kostet 31.000 Dollar) oder in anonymen Sitzungen (die sind umsonst). Es gibt immer mehr Menschen, deren sexuellen Bedürfnisse ungesunde Ausmaße annehmen. Beeinflusst habe diese Entwicklung das Internet mit seinen frei zugänglichen und rund um die Uhr vorhandenen Sexseiten.

Natürlich konnte man denken, dass es sich bei David Duchovny um einen Hollywood-Hecht handelte, der den weiblichen Versuchungen nicht widerstehen konnte, die sich so einem Prominenten eben bieten. Doch die Wahrheit war banaler, sie spielte sich online ab. In einschlägigen Chats, nächtens, wenn Duchovny am Computer saß. Seine Ehe soll deshalb am Ende gewesen sein, doch kaum tat er Buße, nahm die Gattin ihn wieder in ihr Herz auf.

"12-step meetings"

Sexsucht werde definiert durch ein "sexuell bezogenes, zwanghaftes Verhalten, dass das normale Leben stört und ernsthafte Probleme mit der Familie, den Freunden, Lebensgefährten oder Kollegen auslöst", sagt Patrick Carnes, Amerikas führender Sex-Therapeut. Er leitet "Pine Grove", jene Klinik in Mississippi, die Tiger Woods aufgesucht hat. Die Tage dort sind hübsch durchstrukturiert, mit Psychotherapie, Yoga, Malstunden, Sport, Gesprächen zur Schamreduktion - und mit den so genannten "12-step meetings", bei denen zwölf Schritte abgearbeitet werden.

Die Experten sind sich einig, dass Tiger Woods diese in seiner "Mea culpa"-Rede berücksichtig hat: In den Schritten acht und neun etwa müssen die Patienten aufzählen, wen sie alles mit ihrer Sucht verletzt haben; Woods entschuldigte sich bei seiner Familie, der Familie seiner Frau, seinen Geschäftspartnern und Sponsoren - und all den Eltern, "die auf mich gezeigt und in mir ein Vorbild für ihre Kinder gesehen haben". Seine Frau Elin, so Woods, verdiene Respekt, vor allem seinen. "Sie hat mir gezeigt, dass meine Entschuldigung für sie nicht in Worte zu fassen ist, sondern von meinem Handeln in Zukunft bestimmt wird."

Thomas Tullos, der fünf Jahre als Klinik-Direktor in "Pine Grove" gearbeitet hat, sagt, Sexsüchtige müssten lernen, gesunde Beziehungen entwickeln - inklusive Sex. Es ginge nicht um Abstinenz, sondern um Normalität. Eine Normalität, wie Jeff in Boston sie erreicht hat: Der ließ sich wegen Sexsucht behandeln, dann begab er sich mit seiner Ehefrau in eine Paartherapie, am Ende versöhnte sich das Paar. Er habe mit "zwanghaftem Sex" nichts mehr zu tun, sagt Jeff. Die Treffen der Anonymen Sexsüchtigen würden ihm helfen, die Sucht im Griff zu haben.