HOME

AUSSTELLUNG: Aufstieg aus dem Untergrund

Sein Lieblingsmotiv sind seine Freundinnen. Der Öffentlichkeit zeigt der Fotograf Anton Corbijn aber lieber seine Star-Porträts.

Anton Corbijn sieht sich noch immer als »Untergrund-Künstler«, doch ist der niederländische Prominenten- Fotograf längst selbst ein Star. Ob Mel Gibson, Kate Moss oder Mick Jagger - sie alle haben sich von Corbijn ablichten lassen. Zur Eröffnung einer Werks-Retrospektive im Japanischen Palais in Dresden brachte der 46-Jährige am Mittwochabend eines seiner bekanntesten Motive gleich mit. »Er nimmt Stars ihren Heiligenschein und macht sie dadurch greifbar und menschlich«, lobt Rockmusiker Herbert Grönemeyer die Bilder seines holländischen Freundes.

Der Erfolg war Corbijn nicht in die Wiege gelegt. Die Kunstakademie in Den Haag (Niederlande) lehnte den Sohn eines calvinistischen Pfarrers wegen mangelnder Begabung ab. Das notgedrungen gewählte Fotografie-Studium schmiss er nach einem Jahr hin. Um der Musikszene näher zu sein, siedelte er 1979 nach London um. Der Umzug erwies sich als glückliche Entscheidung: Corbijn baute sich rasch einen Ruf auf als Porträt-Fotograf, der Stars auch ohne den üblichen Glamour aufnahm.

In Dresden ausgestellte Fotografien aus dieser Zeit von Musikern wie David Bowie und Tom Waits tragen bereits die Eigenschaften, die Corbijn zu einem der Großen seines Faches machten. Die Bildsprache sei geprägt von Melancholie und Einsamkeit, meint Christoph Heiermann vom Veranstalter, dem Sächsischen Landesamt für Archäologie.

»Ich versuche, mehr über den Menschen zu sagen, als das Publikum weiß«, sagt Corbijn. Dem Glanz und der üblichen positiven Scheindarstellung setzte er Momentaufnahmen ohne große Inszenierung entgegen: Marianne Faithful sind die Tiefen ihrer Musiker-Karriere anzusehen. Bob Dylan scheint schützend die Hand vor sein Gesicht zu heben.

Der »Mainstream« hat Corbijns Stil inzwischen übernommen. »Es ist schwer, noch etwas anders zu machen«, sagt der Künstler. Die »Schwemme von Prominenten-Fotografien« kritisiert er als »visuelle Umweltverschmutzung«. Seine Reaktion: Er lässt seine Stars in seinen jüngsten, von Blau dominierten Großformaten fast verschwinden. Früher habe er den Menschen hinter der Maske zeigen wollen, inzwischen maskiere er seine Stars, bekennt der Meisterfotograf. Peter Gabriel spaziert zum Beispiel mit Motorradhelm und Einkaufstüte, Musiker-Kollege Herbert Grönemeyer eilt im Vertreteranzug unscheinbar durchs Bild.

Auch ein zweites Standbein Corbijns - die Produktion von Videoclips - wird bis 7. Oktober in Dresden gewürdigt. Seine Musikvideos für Rock-Gruppen wie »Depeche Mode«, »U2« und »Nirvana« heimsten einen »MTV-Award« und mehrere Nominierungen ein. Doch könne er mit dem Geschmack der heutigen »MTV«-Generation nicht viel anfangen, sagt Corbijn. »Die Videos sehen alle sehr teuer aus, sind aber inhaltsleer.« Statt Clips wolle er in Zukunft lieber einmal einen Film drehen.

Derzeit versucht sich der Star-Fotograf - nach eigenem Bekunden ein »schlechtes Modell« - an Selbstporträts. Sollten die Fotos gelingen, will er im nächsten Jahr einen Katalog mit ihnen herausbringen. Seine Favoriten aber bleiben weiter unter Verschluss. Corbijn: »Mein Lieblingmotiv sind meine Freundinnen.«

Von Thomas Wagner, dpa