Bernsteinzimmer Alte Pracht in neuem Glanz


Die Rekonstruktion des legendären Bernsteinzimmers ist komplett. 20 Jahre Arbeit und Millionen Dollar hat die Kopie gekostet. Ein Lichtblick für Historiker und Touristen

So prachtvoll hat es seit Ewigkeiten kein Mensch mehr gesehen: Die genaue Rekonstruktion des legendären Bernsteinzimmers des Zarenschlosses bei St. Petersburg ist vollendet. Rund 50 Bernsteinschnitzer und Spezialisten haben in mehr als 20 Jahren mit Geschick und Geduld wieder hergestellt, was in den Feuerstürmen des Zweiten Weltkrieges wohl für immer verschollen ist. Mit seinen Unterschriften hat ein deutsch-russischer Experten-Beirat am Dienstag die glanzvolle "Wiedergeburt" des barocken Kunstwerkes aus schimmernden Bernstein-Täfelungen, vergoldeten Kandelabern und kostbaren Mosaiken offiziell dokumentiert.

Ab 31. Mai für die Öffentlichkeit zu sehen

Russlands Präsident Wladimir Putin und Bundeskanzler Gerhard Schröder wollen am 31. Mai - pünktlich zum 300. Gründungsjubiläum St. Petersburgs - das Kabinett wieder der Öffentlichkeit übergeben. Das Original des Bernsteinzimmers, das 1716 der Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. an Zar Peter I. verschenkt hat, ließ Zarin Elisabeth später im Katharinenpalais vor den Toren Petersburgs zum bewunderten 'Achten Weltwunder' mit Spiegeln und Möbeln vervollkommnen. Zur nötigen Erweiterung des Kabinetts für den 100-Quadratmeter-Saal schickte der 'Alte Fritz' (Friedrich der Große) weiteren Ostsee-Bernstein an die Regentin Russlands.

Geheimnisvolles Schicksal

Von Wehrmachtssoldaten war das Prunkzimmer 1941 abmontiert und in Kisten nach Königsberg gebracht worden. Hier verliert sich mit dem Untergang der Ostpreußen-Stadt zu Kriegsende 1945 die Spur des Bernsteinzimmers, dessen von vielen Legenden umwittertes Schicksal bis heute weder Wissenschaftler noch Geheimdienste oder zahllose selbst ernannte "Schatzsucher" aufklären konnten. Teils abenteuerliche Theorien vermuten das Kunstwerk in mitteldeutschen Bergbau-Schächten, in Königsberger Kellern oder sogar in Moskauer Bank-Depots. Allein auf dem Gebiet der früheren DDR existieren mehr als 100 vermutete Verstecke.

Symbol deutsch-russischer Beziehungen

Von Anfang an war das Kabinett ein Symbol deutsch-russischer Beziehungen: Vom Unterpfand guter Nachbarschaft wurde es zum Zeichen für den riesigen Verlust an Kulturschätzen, den Russland durch den Einmarsch der Wehrmacht nach 1941 erlitten hat. So war es für viele Bürger und Politiker Russlands bemerkenswert, dass mit dem Essener Energieversorger Ruhrgas AG (Nordrhein-Westfalen) ausgerechnet ein deutsches Unternehmen die durch die russische Wirtschaftskrise ins Stocken geratene Rekonstruktion des verschwundenen Schatzes mit einem Sponsoring von 3,5 Millionen Dollar wieder flott gemacht hat. "Die Kultur der Welt erhält ein Schmuckstück zurück", kommentierte der namhafte Bremer Osthistoriker Prof. Wolfgang Eichwede die Arbeit.

Arbeit für Bernsteinschnitzer

Mit dem Geld aus dem Westen kam von 1999 an die Arbeit zurück in die Bernsteinwerkstatt: In den bescheidenen Gesindehäusern des Katharinenpalastes haben die Steinschnitzer mit Mini-Fräsen und Zahnarzt-Bohrern zuletzt die von Figürchen und Blumenranken gezierten Schmuck-Rahmen für die allegorischen Halbedelstein-Mosaike 'Schmecken' und 'Hören' in der Ostwand vollendet.

Rund sechs Tonnen des vorsintflutlichen Baumharzes aus einem ostpreußischen Tagebau beim früheren Palmnicken sind hier vor allem zu Bernstein-Abfall und hellgelbem Fräs-Staub geworden: Jedes Kilo des 'Goldes der Ostsee' ergab nämlich höchstens 200 Gramm Bernsteinzimmer-Täfelung. Doch nicht nur die neuen Computer, sondern auch viel Erfahrung und gehöriges Glück waren nötig, um aus mehr als 500 000 Bernsteinplättchen - meist kaum größer als eine Handfläche - die Täfelung des zehn mal zehn Meter großen Saales nachzubauen. Als Geschenk des Schicksals hatten sich nämlich alte Farb-Fotografien des originalen Bernsteinzimmers erhalten, die den findigen Handwerkern zur wichtigsten Vorlage wurden. Mit welchem Klebstoff die Bernsteinstückchen auf den Holzpaneelen zu befestigen waren und welche Substanz den Bernstein von Nussbraun bis Honiggelb einfärbte, das konnten nur Experimente auf den Spuren der alten Meister klären.

Als vor drei Jahren zusammen mit einer erhaltenen Kommode aus dem Bernsteinzimmer eines der alten Florentiner Wand-Mosaiken wieder ins Katharinenpalais zurückkam, gab es bei den Fachleuten doppelten Grund zur Freude. Das auf mysteriöse Weise in Bremen aufgetauchte Original war von der Kopie kaum zu unterscheiden und bewies aller Welt Geschick und Genauigkeit der russischen Handwerker.

Waldemar Ritter: Völkerrecht gilt auch für Beutekunst

Kurz vor der Eröffnung des rekonstruierten Bernsteinzimmers hatte der Politologe Waldemar Ritter mit Blick auf das Völkerrecht schnellere Fortschritte bei der Rückgabe geraubter deutscher Kunst von Russland gefordert. "Wenn es so weitergeht wie bisher, ist eine Schnecke eher in Berlin als unsere Kulturgüter wieder in Deutschland", kritisierte Ritter in einem dpa-Gespräch. Die Rückführung von rund 4,6 Millionen Büchern, 174 000 Archiv-Stücken und mehr als einer Million Kunstobjekten werde noch lange dauern.

Russische Entscheidung sei völkerechtswidrig

Die russische Entscheidung, die während und nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland geraubten Kunstwerke zum russischen Eigentum zu erklären, hält Ritter nach wie vor für völkerrechtswidrig. Der russische Präsident Wladimir Putin und Bundeskanzler Gerhard Schröder hätten im Zusammenhang mit dem Irakkrieg den 'Primat des Völkerrechts' nachdrücklich festgestellt. "Das Völkerecht ist gleicher Maßstab für ungleiche Subjekte", sagte Ritter. "Es ist nicht beliebig, kein Steinbruch oder tagespolitischen Opportunitäten untergeordnet - besonders dann nicht, wenn es, wie in der Rückführungsfrage eindeutig und nicht uminterpretierbar ist."

Schlüssel für Rückführung in Moskau

Der Schlüssel für die Rückführung der 'Beutekunst' liege nicht in Berlin, sondern in Moskau. Russland scheine noch nicht die innere Kraft zu haben, seine völkerrechtlichen und vertraglichen Verpflichtungen einzuhalten. Ritter hofft, dass zunächst in Einzelfällen Bewegung in die Rückführungsfrage kommt und dass Putin und sein Kulturminister Schwydkoi nach den russischen Parlamentswahlen im Dezember ein Gesetz einbringen, das dem Völkerrecht, den deutsch-russischen Verträgen und der russischen Verfassung entspreche. "Das rekonstruierte Bernsteinzimmer kann dafür ein Beitrag der Gutwilligen auf beiden Seiten sein", hofft Ritter.

Eis muss gebrochen werden

Der Politologe trug mit einer Privatinitiative entscheidend zur Rekonstruktion des 'Bernsteinzimmers' bei. Ritter war 25 Jahre für die innerdeutschen Kulturangelegenheiten verantwortlich und Koordinator des Bundes für die Rückführung kriegsbedingt verlagerter Kulturgüter. "Ich wollte, dass in der 'Beutekunst' das Eis gebrochen wird zwischen Deutschland und Russland", sagte er. Auf seine Initiative hin stellte die Ruhrgas AG 7 Millionen Mark (rund 3,6 Millionen Euro) zur Verfügung.

DPA

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