Fotografie Voodoo


Wieder und wieder reiste der Schweizer Fotograf Alberto Venzago nach Benin. Er wollte die Geheimnisse des Voodoo ergründen. Und merkte bald, dass Merkwürdiges mit ihm geschah.

Von Alberto Venzago

1. Reise, 1988

Es war eine verrückte Idee. Meine Kollegin Sabina und ich wollten auf einem alten Motorroller quer durch Afrika fahren. Die Elfenbeinküste, Ghana und Togo hatten wir schon hinter uns. Dann kamen wir nach Benin.

11. August: Als wir durch Ouidah fahren, streikt die Vespa. Diesmal scheint es was Ernsteres zu sein. Ich fotografiere das Haus, vor dem wir gestrandet sind. Ein dicker schwarzer Mann kommt heraus. Wir fragen nach Hilfe. Er bittet uns freundlich hinein.
Er ist ein Voodoo-Priester. Ein Voodoonon, das Haus ist sein Kloster.
Er will meiner Kollegin die Zukunft voraussagen. Natürlich will er Geld. Sie ist misstrauisch. Er soll ihr erst etwas über ihre Vergangenheit sagen. Der Mann wirft seine Stöckchen, Knöchelchen und Muscheln, scheint aber bald verwirrt und bricht schließlich ab: Er versteht nicht, was ihm sein Orakel sagt.
Manchmal sieht er zwei Kinder, dann doch wieder nur eins, aber irgendwie scheinen sie ein und dieselbe Person zu sein. Sabina wird ganz schweigsam, dann bricht sie in Tränen aus. Sie erzählt, dass sie eine Zwillingsschwester hatte, die im Alter von vier Jahren gestorben ist. Wir sind sehr beeindruckt von diesem Mann. Mache mit der Leica ein paar Fotos von ihm vor einem Baum, der im Hof des Klosters steht. Grelles Mittagslicht. Zu hoher Kontrast. Scheiße.
Haben immer noch keine Ersatzteile für die Vespa.

19. August:

Sind jetzt über eine Woche hier in Ouidah. War früher mal eine bedeutende Stadt für den Sklavenhandel. Hunderttausende müssen vom Strand aus verschifft worden sein.
Alles hier atmet Voodoo. In dem kleinen Städtchen gibt es zahllose Voodoo-Klöster, einfache Häuschen, man erkennt sie an der weißen Fahne. Aber nur eine katholische Kirche. Und die Kathedrale Notre-Dame. Der katholische Priester hält Voodoo für Hokuspokus. Die Menschen kümmert das wenig, morgens in die Kirche, abends zu irgendeiner Voodoo-Zeremonie. Friedliche Koexistenz der Religionen.
Die Vespa läuft wieder. Unglaublich, wie sie hier aus Dingen, die bei uns nur Müll sind, etwas Funktionierendes zusammenbasteln. Beschließen, trotzdem noch etwas zu bleiben.

23. August:

Den Tag mit Mahounon verbracht, unserem sachkundigen Begleiter und Hohepriester des Voodoo-Klosters. Er erklärt uns alles, was wir Yowos (Weiße), wissen wollen. Das Fa (Orakel) scheint eine ziemlich komplizierte und ernste Angelegenheit zu sein. Alle wichtigen Fragen werden durch das Orakel an die Götter gestellt.
Das Kloster ist ständig voller Kinder. Schwer, ihr Alter zu schätzen. Die kleinste ist knapp drei. Oft werden sie ihren Eltern für ein Jahr weggenommen und dann hier ausgebildet. Bin immer mehr fasziniert von der Komplexität dieser Kultur. Fotografisch schwierig. Ich will doch nicht wie ein Touri-Arschloch knipsen, sondern den Leuten mit Respekt begegnen.
Meine Fantasie läuft Amok. Möchte zu gern wissen, was in den heiligen, inneren Bezirken abgeht.

26. August:

Bin gerade erst zurück ins Hotel gekommen. Es ist früher Morgen, die Sonne brennt schon wieder erbarmungslos.
Waren die ganze Nacht auf einer Voodoo-Zeremonie. Überwältigende Bilder von Tänzen und Ritualen. Hühner und Ziegen geschlachtet. Blutopfer. Ziemlich blutrünstig alles. Die Energie der Trommeln ist sagenhaft. Mir schwirrt der Kopf, kann kaum mehr klar denken.

28. August:

Haben uns von Mahounon verabschiedet. Seine ganze Familie war da.

2. Reise, 1992

Benin hat mich doch nicht losgelassen. Mit einem Kollegen fahre ich noch mal nach Ouidah.

26. Juli:

Alles ist noch wie vor vier Jahren. Treffe Mahounon im Kloster. Als Begrüßungsgeschenk überreiche ich ihm das Foto, das ich damals von ihm gemacht habe.
Er nimmt das Bild, zeigt es aufgeregt herum. Die Unruhe im Kloster wird immer größer. Er schimpft, macht mir Vorwürfe. Ich hätte ihn nicht um Erlaubnis gefragt. Ich verstehe gar nichts mehr.
Als ich das Foto machte, sah er mich doch mit der Kamera hantieren. Er hatte nichts dagegen, posierte für mich vor dem Iroco-Baum. Mahounon gestikuliert wild, zeigt auf das Foto und den Baum.
Endlich kapiere ich: Wir hätten den Baum um Erlaubnis fragen sollen. Es ist ein heiliger Baum. Mir bleibt nichts anderes übrig, als ein Tieropfer zu spendieren.

1. August:

Nationalfeiertag von Benin. Wie in der Schweiz am 1. August! Wir nehmen an einer Militärparade in Benins Hauptstadt Porto Novo teil. Über uns kreist das einzige einsatzfähige Fluggerät der Beniner Luftwaffe, ein Hubschrauber, der normalerweise die Arbeiter auf den Ölplattformen vor der Küste mit Bier versorgt. Die Parade war einzigartig: "Marinesoldaten ohne Kriegsschiffe, Luftwaffenoffiziere ohne Flugzeuge, gefolgt von Panzergrenadieren ohne Panzer und Fallschirmjägern ohne Fallschirme", notiert mein Kollege. "Gut, dass sie keine Flugzeuge haben." Dann die Wildhüter mit Stoßzähnen von Elefanten, Büffelschädeln, Antilopenschädeln und einem ausgestopften Krokodil.
Nach dem offiziellen Defilee kommen Vertreter aller möglichen Berufsgruppen an die Reihe, jeder Stamm, jeder Stand Benins zieht trommelnd an der Ehrentribüne vorbei. Schneiderinnen, die Nähmaschinen auf den Köpfen balancieren. Pfadfinder und junge Pioniere, Koranschüler in grünen Gewändern. Nackte Somba-Krieger aus dem Norden, mit Pfeil und Bogen. Dann der Verband der Fetischeure von Ouidah und die Assoziation der Voodoo-Priester von Cotonou. Bei einer Leistungsschau des Landes dürfen die Zauberer und Magier nicht fehlen.

12. August:

Besuch beim König in der alten Königsstadt Abomey. Er ist so eine Art Stammeshäuptling. Die Dynastie reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück. Seine Vorfahren sind durch den Sklavenhandel reich geworden. Der Palast wird von einem steinernen Löwen mit prallen Hoden und einem Fetisch mit erigiertem Penis bewacht, dem Symbol des Voodoo-Himmelsboten Legba, dem Mittler zwischen Menschen und Göttern. Es steht vor vielen Häusern. Beide bekommen von der Palastwache zu essen, der Löwe Brot, Legba Hühnerblut.
Wir werden nach stundenlangem Warten zum König geführt. Früher war er Polizist in Porto Novo. Er trägt ein silbernes Sieb vor der Nase, damit er nicht die gleiche Luft wie die Normalsterblichen einatmet. Imposante Figur. Er klagt über das reglementierte Leben hier im Palast.

14. August:

Mittags ein Fax erhalten, dass mein Vater einen Schlaganfall hatte. Er liegt in der Schweiz in einem Krankenhaus. Er ist blind und halbseitig gelähmt. Mein erster Reflex: Alles abbrechen und sofort zurück. Als Mahounon davon erfährt, kommt er zu mir. Es sei nicht gut, jetzt gleich abzureisen. Er will eine Zeremonie abhalten.

15. August:

Mahounon hat die ganze Nacht Ziegen und Hühner geopfert. Ich durfte nicht dabei sein. Am Morgen hat er mich zu sich gerufen. Der Voodoonon, der nie außerhalb seines Landes war, beschreibt ein Schweizer Spital. Ich würde einen Flur entlang gehen, mein Vater würde in der rechten Ecke des Zimmers auf einem Stuhl sitzen. Er würde mich sofort erkennen, aufstehen, auf mich zugehen und mir lächelnd die Hand geben.
Drei Tage später in Zürich. Mein Vater sitzt in der Ecke. Ich bringe kein Wort heraus. Trotzdem erkennt er mich, kommt mir entgegen und begrüßt mich lächelnd.

3. Reise, 1993

18. Januar: Mein Foto-Assistent und ich haben in Ouidah eine alte Villa gemietet. 15 Jahre unbewohnt, alles ziemlich heruntergekommen. Es gibt sogar einen Swimmingpool, allerdings voller Schlangen und anderem Viehzeug. Habe auch eine komplette Filmausrüstung dabei. Bin gespannt, ob ich bei den geheimen Zeremonien drehen darf.

19. Januar:

Die Betacam spinnt. Der Timecode funktioniert nicht. Beim Ton dasselbe. Überlegen, ob wir gleich wieder einpacken sollen. Habe mit Serge alles fünfmal auseinander genommen, finden aber keine Erklärung. Vielleicht die Feuchtigkeit.

21. Januar:

Mahounon glaubt, dass es die Götter sind, die Schwierigkeiten machen. Also mit dem ganzen Equipment heute nachmittag zu Kpassenon. Er ist der Hüter des Heiligen Waldes. Er befragt das Fa, ob wir filmen dürfen. Er opfert eine Ziege und bespritzt unser sauteures Equipment mit Blut. Nach der Zeremonie erklärt er, die Götter seien einverstanden, nun könnten wir filmen. Serge und ich schauen uns an. Um guten Willen zu zeigen, setze ich die Kamera auf die Schulter und schalte an. Sie funktioniert! Wir fangen sofort an zu drehen. Alles funktioniert plötzlich tadellos.

3. Februar:

Erste Versammlung internationaler Voodoo-Priester. Hier in Ouidah. Beeindruckende Delegationen aus Haiti und Brasilien gefilmt. Sklaven haben den Kult in diese Länder getragen und heimlich weiter gepflegt. Die ganze Sache ist ein erster Versuch, dem Voodoo international eine Stimme zu geben. Alles wirkt noch sehr improvisiert. Haben Unmengen Material belichtet. Das Equipment hat tadellos funktioniert. Noch drei Tage bis zur Abreise. Es ist unendlich heiß und feucht, wir sind körperlich am Ende.

4. Reise, 1995

Diesmal haben wir Coco im Team, eine italienische Ethnologin. Sie soll uns beraten und helfen, das Unerklärliche zu verstehen.

16. Januar:

Heute morgen Mahounon nach zwei Jahren wiedergesehen. "Alberto, c'est toi?!", ruft er hocherfreut. Als wäre ich nur ein paar Tage weg gewesen. Seine ganze Familie ist da und viele Voodoo-Adepten. Wir zeigen ihm Videos der letzten Reise.
Spät nachts zurück ins Hotel. In der Backstube sind die Bäcker schon an der Arbeit, schweißglänzende Leiber. Formen aus einem riesigen Teighaufen frische Baguettes. Ab und zu schmeißen sie die Teigrollen an die Decke.

17. Januar:

Mahounon hat uns am Monitor Schritt für Schritt die endlosen Zeremonien erklärt. Mit dem Kopf ist das nicht zu verstehen. Versuche, die Ratio auszuschalten und mit dem Bauch zu denken.
Endlich ins Bett. Unter mir rummst und rumort es - die Bäcker sind wieder zugange. Es ist 3 Uhr.

24. Januar:

Mahounon erlaubt uns, die Egouns (lebende Tote) zu filmen. Ich kann's kaum glauben. Spurte schnell ins Hotel, Kamera und Sound herrichten, schnell wieder zurück. Die Zeremonie ist ein Rennen und Rumschlagen, Gekreische, Chaos. Die Leute aus der Stadt, die bei vielen Klosterereignissen Zaungäste sind, warnen mich: "Yowo, c'est trop dangereux." "Geh da nicht hin!" "Il y a de la nuit." Ich habe Angst.
Abend. Bin am Ende. Kann nicht einschlafen. Die Zermonie hat irgendetwas mit mir gemacht. Eine Wahnsinnsenergie, ich bin wie aufgeladen.

25. Januar:

Interview mit Alfred, einem Redakteur vom "Le Matin", der Tageszeitung von Benin. Erzähle ihm die Auswirkungen der gestrigen Zermonie. Er nickt. Besser, man hat Respekt vor den Kräften, die hier wirken. Nach dem Gespräch fühle ich mich nicht mehr wie ein Idiot.
Wir übernachten bei Freunden von Coco, endlich in einem richtigen Bett. Zum ersten Mal Klimaanlage. Ich friere. Träume vom Skifahren am Matterhorn.

5. Reise, 1996

Große Enttäuschung, als wir die Bänder abgehört haben. Keine Spur mehr von der Magie der Trommeln. Es fehlte Afrika. Es hörte sich so eintönig an, dabei schlagen die Trommler bei den Zeremonien neben dem Grundrhythmus immer noch eine Art Erkennungsmelodie. Wer seinen individuellen Beat hört, fängt an zu tanzen, bis er in Trance fällt - oder auch nicht. Immer wieder neue Rhythmen rufen neue Tänzer. Aber unsere Ohren sind dafür taub. Für den Film brauchen wir afrikanische Klänge, die auch Europäer verstehen. Es wird ein Experiment.

12. Oktober:

Jochen und Charlotte haben ein Tonstudio im Heiligen Wald aufgebaut. Kpassenon fürchtet, dass wir die Geister der Ahnen aufwecken könnten, die hier leben. Also bittet er sie um Erlaubnis.
Er besprenkelt unsere Sachen mit Opferblut. Jochen guckt etwas unglücklich, ich kenn das ja schon. Auch Charlottes Gesichtsfarbe ist grün. Guter Kontrast zu ihren roten Hosen.

16. Oktober:

Musiker aus ganz Benin sind angereist. Jeden Morgen müssen wir 40 Stühle vom Markt holen und im Wald aufstellen. Man kann sie nur tageweise mieten. Dass es einfacher wäre, die Stühle pauschal für ein paar Wochen zu mieten und im Wald stehen zu lassen, will niemand so recht einsehen. Begeistert von den Gesängen der Frauen aus dem Dorf, möchte Charlotte unbedingt Experimentalmusik mit ihnen machen.

6. Reise, 1997

Bei einer Recherche für den stern über das Sex-Gewerbe in Japan werde ich im November plötzlich krank. Meine Gelenke schmerzen, ich kann mich kaum mehr bewegen. Ich fliege in die Schweiz zurück. Ich schlucke wochenlang starke Schmerzmittel, die immer weniger helfen. Fahre von einer Spezialklinik zur nächsten, doch immer wieder dasselbe Ergebnis: Ich bin kerngesund. Ich nehme Kontakt mit Mahounon auf und erfahre, dass ich verhext worden bin. Von Fofo, dem örtlichen Chakatou (Magier). Handwerker hatten ihr Geld nicht bekommen. Und ausgerechnet ich sollte schuld sein. Eine Verwechslung, wie sich rasch herausstellt. Um enthext zu werden, soll ich über Weihnachten für zehn Tage nach Benin kommen. Allein.
Fofo bringt mich in ein eigens gebautes kleines Zelt und verabreicht mir verschiedene Substanzen. Ich nehme nichts mehr wahr. Nach zwei Tagen sind die Schmerzen weg. Ich bleibe noch acht weitere Tage in dem Zelt, halb besinnungslos. Danach ist alles vorbei. Mit einem komischen Gefühl im Bauch reise ich wieder ab.

7. Reise, 1998

Diesmal will ich will etwas über den historischen Hintergrund drehen: Sklaverei, das große Verbrechen der Menschheit an den Afrikanern.

20. Februar:

Auf dem ehemaligen Sklavenplatz in Ouidah steht der Baum des Vergessens, den die Sklaven sieben Mal umrunden mussten, um die Erinnerung an ihre afrikanische Heimat zu verlieren, bevor sie in die Neue Welt geschifft wurden.
Die Gärtner haben die Äste geschnitten, sie legen die Reste auf einen Haufen. Als es Nacht wird, entzünden sie ein Feuer. Tolle Flammen. Im Gegenlicht erscheinen die Arbeiter beim Fegen des Bodens wie Sklaven zur damaligen Zeit, die den Platz für das Auswahlverfahren zurechtmachen.

25. Februar:

Mahounon stöhnt. So eine Hitze hat er in Benin noch nie erlebt. Wir alle leiden. Bei jedem Luftzug ist es so, als ob eine Backofentür geöffnet würde. Die Stadt ist gelähmt.
Am Abend geht's dann richtig ab: 20 Jahre lang musste Mahounon auf diese Fete warten. Er hat seinen Nachfolger gefunden! Es waren wohl Hunderte Kinder, die er im Lauf der Zeit ins Kloster geholt hat. Aber am Ende der einjährigen Ausbildung fand sich nie ein Bub, der alle Prüfungen bestand. Selbst Mahounons Sohn hat das Orakel nicht akzeptiert. Heute nun wird der Auserwählte eingeführt: Gounon. Gegen den Willen der Mutter musste er seine Familie verlassen, bei den Frauen und Priestern im Kloster in die Lehre gehen.
Ein Dutzend Ziegen, 20 Hühner werden geopfert. Das übliche Tamtam, drei Tage und Nächte. Langsam kann ich die Melodien mitpfeifen. Ich staune über die Disziplin der Menschen und die Kraft ihrer Riten. Alles eingebettet in eine Harmonie, die uns manchmal vor Neid erblassen lässt.

27. Februar:

Versuche, im Museum von Ouidah alte Stiche abzufilmen. Amazonen beim Abschlagen eines Kopfes. Amazonen mit einem Kopf unterm Arm, ihrer Kriegstrophäe. Grausam und erbarmungslos. Die Armee aus Frauen, gefürchtet wie keine zweite Armee dieser Welt. Sklavenjägerinnen.

1. März: Fotosession mit einem Chakatou. Meine Güte, haben wir das blöd angefangen. Wir fahren ein wie die größten unsensibelsten Arschlöcher. Total gestresst, die Hitze wird täglich unerträglicher. Wir kommen erst wieder langsam zur Besinnung, als uns die Frau des Magiers Wasser vorsetzt.
Okay, okay, Lambert, unser Dolmetscher, hätte sie vorbereiten können, so wie es abgemacht war. Trotzdem, unser Fehler. Wir sind ausgelaugt. Vor dem Shooting kommt es zwischen Lambert und dem Voodoonon zum Streit. Wir verstehen nichts, spüren aber dicke Luft. Dann können wir drehen, aber hinterher der Eklat. Wir bereichern uns an seinem Antlitz, ereifert sich der Chakatou. Meine 5000 afrikanischen Franc empfindet er als Affront, er ahnt, dass in den Bildern, die wir von ihm machen, ein Potenzial liegt. Er meint, dass ihm mehr Geld zustünde.
Es ergibt sich eine ganz tolle und einmalige Gelegenheit über Voodoo, Kommerzialisierung, Nutzungsrechte etc. zu reden. Er begreift nicht, wie groß unser Aufwand ist. Er kann ja nicht wissen, was allein unsere Ausrüstung kostet. Die Sitzung mit ihm wird am Ende schön teuer.

6. März:

Im Kloster erwartet uns Mahounon. Nach und nach erscheinen alle, die ganze Gemeinde. Ich nehme neben Mahounon Platz. Er hält eine kleine Ansprache, ich sei jetzt wie ein Adept im Kloster und hier zu Hause. Jederzeit willkommen.
Dann bin ich an der Reihe. Bedanke mich für die herzliche Aufnahme und Offenheit. "Die Dreharbeiten hier mit euch sind zu Ende. Die Arbeit noch nicht. Wir werden euch in den nächsten Monaten jeden Tag sehen und hören, wenn der Film geschnitten wird. Doch auch wenn alle Bilder verloren wären, es wäre nicht so schlimm, denn ihr seid in unseren Herzen." (Ich lüge. Es wäre eine Katastrophe, wenn das Material verloren ginge.)

8. Reise, 1999

Am 20. Dezember 1998 erhielt ich in Zürich die Nachricht von Mahounons Tod. Im Januar reise ich nach Benin zur Beerdigung.

20. Januar:

Gounon wird vom König als Voodoo-Priester anerkannt. Früher als gedacht muss er Mahounons Nachfolge antreten. Während der Fa-Zeremonie von Gounon darf ich Dinge filmen, die mir vor zwei Jahren noch nicht erlaubt waren. Ehrfurcht und Ehrerbietung vor dieser einmaligen Situation ergreifen mich.

Letzte Reise, 2003

Mit dem fertigen Film sind merkwürdige Dinge passiert. Die erste (und einzige) Kopie verbrennt, als der Fahrer auf der Autobahn nach München einen Unfall hat. Zur Premiere bei einem Filmfestival fällt der Strom aus. Eine halbe Stunde lang ist das ganze Viertel dunkel - in Solothurn! Bei der Vorführung in Zürich kommt es im Kino zum Eklat. Eine schwarze Frau im Saal windet sich und beginnt laut zu schreien. Ein Deutscher steht auf und ruft: "Faschisten!" Es mag alles Zufall sein, doch ich will mir lieber von den Göttern das Okay holen für Film und Buch.

10. Januar:

Vorführung beim König von Abomey, Agoli Agbo. Sein Thron wird im Innenhof aufgebaut, der Film auf zusammengenähte Leintücher projiziert. Er ist im Film eine fast tragische Figur. Wie wird er das aufnehmen?
Der König klatscht begeistert. Nimmt Gounon in den Arm. Drückt den 21-Jährigen fest an sich. Es ist eine Art Oscar-Verleihung des Voodoo. Gounon als jugendlicher Held hat das Herz des Königs erobert.


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