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Thilo Mischke über "Uncovered": Was ich im Irak gelernt habe - und wovor ich mich fürchte

Reporter Thilo Mischke begibt sich für die Dokureihe "Uncovered" erneut zu Brennpunkten rund um den Globus - auch im umkämpften Irak hat er recherchiert. Für den stern hat er diese Grenzerfahrung aufgeschrieben.

Thilo Mischke über "Uncovered" auf ProSieben: Was ich im Irak gelernt habe

Sein Hirn nage noch immer an den "grausamen Geschichten der vergewaltigten Frauen", schreibt Mischke über seine Erlebnisse im Irak 

Die wohl häufigste Frage, die mir gestellt wird, meine Arbeit betreffend, ist, wovor ich mich noch fürchte. Bevor ich antworte, denke ich einen kurzen Moment nach, lege den Finger ans Kinn. „Ich habe immer noch vor den gleichen Dingen Angst, wie früher“, sage ich dann. Dunkelheit, Achterbahnen und Geisterbahnen.

Wovor wir uns fürchten, ist Krieg.

Ich war schon öfter in Krisengebieten, an gefährlichen Orten, auf diesem Planeten. Manchmal, privat, viel öfter im Rahmen meiner Arbeit. Und ich wusste nie, was es eigentlich heißt, an einem gefährlichen Ort zu sein. Ich war in Haiti, habe den Hass eines vergessenen Volks gespürt, im Benin, in Kenia, Somalia, in Nordkorea. Ich sehe die Gefahr nicht, aber ich spüre die Furcht der Menschen vergessen zu werden. Von uns, denen es besser geht. Das macht es gefährlich.

Es ist ein Schleier, der sich über mein Bewusstsein legt, ein sanfter, als würde ich durch einen Vorhang gucken. Die Welt ist ein gefährlicher Ort, im allgemeinen, aber in ein Kriegsgebiet zu fahren, in den Irak, den ich für die aktuelle Folge "Uncovered" besucht habe, ist etwas anderes.

Wir, im Schusswechsel, im Irak - und ich wollte weinen

Es ist wie mit Diktaturen, wir lesen davon, hier auf stern.de. Wir lesen von Unterdrückung und Gewalt und können es uns nicht vorstellen, aber dann, wenn man es sieht, Nordkorea, und spürt, auch hier leben die Menschen, rauchen spazierend Zigaretten und trinken Bier, sie lachen und essen. Sie leben. Dann verändert sich die Sicht auf die Dinge.

Im Irak ging es mir ähnlich. Mein Hirn, es nagt noch immer an den grausamen Geschichten der vergewaltigten Frauen, die Erzählungen, so direkt, sie sitzen tief in meiner Erinnerung. Am Haar, dass im Frühjahr am auf Massengräbern keimenden Weizen hängt.

Thilo Mischke über "Uncovered" auf ProSieben: Was ich im Irak gelernt habe

Wir waren in einem Schusswechsel, und ich habe gezittert, ich wollte weinen


Wenn ich an den Irak denke, dann ist da dieses Bild vom Jugendlichen, verschimmelt, die Wirbelsäule ragt aus seinem Körper. Der IS-Kämpfer, der hingerichtet wurde, von den Peschmerga. Dieses Bild. Es ist da. Es ist der Beweis dafür, dass ich im Krieg bin, die Angst, auf etwas zu treten, dass mir die Beine abreist. Die Angst erschossen zu werden.

Wir waren in einem Schusswechsel, und ich habe gezittert, ich wollte weinen, weil ich nicht wusste wohin mit mir. Die schusssichere Weste, sie lag noch im Auto. Weil ich leichtsinnig dachte. "Ach, es wird schon nichts passieren".

Krieg ist der unmenschlichste Zustand

Diese Ohnmacht ist es, die ich gelernt habe. Wenn die schweren Maschinengewehre ihre Projektile abfeuern, die Scharfschützen mit geschlitzten Augen in den Sand zielen, dann ist das Krieg. Der sich tief in mich hineinfrisst, der unvergessen bleibt. Aber noch etwas ist Krieg.

Es gibt dort Leben. Im Irak, im Norden, es wird Leben in Syrien geben, an all den Kriegsschauplätzen dieser Erde. Jene, die ich gesehen habe, jene an die ich noch fahren werde.

Thilo Mischke über "Uncovered" auf ProSieben: Was ich im Irak gelernt habe

Wenn die Waffen ruhen, dann wird geraucht, wird gegessen. Es wird gelacht


Krieg ist der unmenschlichste Zustand, von Menschen geschaffen. Und wenn die Waffen ruhen, dann wird geraucht, wird gegessen, es werden sich zarte Witze erzählt. Es wird gelacht. Dort, wo die Moral des Menschen aufhört zu existieren, keimen in den Pausen zarte Formen der Menschlichkeit.

Es ist nicht nur Leid. Es ist auch Schönheit, dort an diesen Orten. Eine Schönheit, unvergleichlich. Eine Ehrlichkeit, eine Direktheit. Wie nach einem Feuer, aus der Asche entsteht Leben.

Menschen sind gezeichnet, ihre Seelen, ihre Körper. Ein Kommandant, sein Arm, abgerissen, er lacht, er scherzt. Und ich Frage ihn, warum er immer lacht und scherzt. Warum die Frauen und Männer, die unter ihm dienen, mit lachen.

Er blickt mich ernst an. "Weil wir sonst nichts mehr haben", sagt er. Und seine Antwort trifft mich. Hart.

"Keine Angst, wir beschützen dich" 

Während ich das hier schreibe, wiegt es schwer, was ich gesehen habe, was ich gehört habe. Die Schüsse, die sich wie Säure in mein Trommelfell brennen, die Stiefel der Soldaten, auf dem Kiesel. Meine zitternden Hände, die Unfähigkeit nicht zu zucken, wenn Geschossen wird. Ich bekomme einen Tee, weil ich Angst habe. "Keine Angst", sagt der Kommandant. "Wir beschützen dich", sagt er. 

In diesen Momenten, an der Front zu Isis. Noch bevor Mossul eingenommen wurde, habe ich etwas Farbe in meinen Augen verloren.

Ich bin trauriger geworden. Viel trauriger.

Und hoffe auf mehr Pausen. Früher dachte ich, der Mensch, kann in Frieden leben. Heute weiß ich, wir müssen die Pausen zwischen den Kriegen richtig nutzen.

"Uncovered: Kämpfer - Thilo Mischke in der Welt der Gesetzlosen" ist heute Abend (21. August), um 21.10 Uhr, auf ProSieben zu sehen. Die Reportagereihe läuft immer montags. 

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