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stern-Reportage

Menschenhandel: Aus dem Elend in die Sklaverei

Tausende junger Frauen werden aus Nigeria im Flüchtlingsstrom nach Europa geschleust, um hier als Prostituierte zu arbeiten. Ein Team des stern hat das Schicksal einiger von ihnen rekonstruiert.

Von Uli Rauss

"Fakka-tee", das ist eins der wenigen Wörter auf Deutsch, die Faith* kennt. Bus oder U-Bahn fährt sie in nur mit Fakka-tee, mit Fahrkarte. Nie würde sie bei Rot die Straße überqueren. Sie versteckt sich in der Hochhauswohnung einer Frau im Stadtteil Billstedt, Nachbarn im Treppenhaus weicht sie aus. Ihre Gastgeberin führt sie sonntags zur evangelikalen Kirchengemeinde. Leute aus der Community halten seit acht Monaten ihre Hand über Faith. "Man will uns nur helfen", sagt Faith. "Ich bin ein Kind Gottes."

Faith ist 26 Jahre alt, das Haar trägt sie lang und geglättet. Sie stammt aus Benin City im Süden . In Billstedt fiel ihr als Erstes auf, "dass die Straßen geteert sind". Den Hauptbahnhof meidet sie, "too much control!" Deutsche Polizisten sind für Faith "riesige weiße Männer, die nach dem Pass fragen".

Hamburg soll ihr "letzter Bus-Stopp" sein

Faith hat keine Papiere und keine Rechte, jeder Behördenkontakt kann Abschiebung bedeuten. Wenn das passiert, hat Gott es eben so bestimmt. Dann will sie "Asyl" sagen. Hamburg soll ihr "letzter Bus-Stopp" sein, Endstation einer traumatischen, demütigenden, lebensgefährlichen Reise.

Sie steckt fest in einem Netzwerk der organisierten Kriminalität. Nigerianische Frauenhändler schleusten sie in einer Gruppe von 18 Mädchen aus Nigeria durch die Sahara, und übers Mittelmeer. "Sponsor" und Ziel war eine Nigerianerin in Rom, eine sogenannte Madame, eine Zuhälterin.

Menschenhandel von Nigeria nach Europa: Aus dem Elend in die Sklaverei

Der Weg der Mädchen – wie von Sara – führt vom Süden Nigerias über die Sahara und das Mittelmeer nach Italien, manchmal auch bis in den Norden Deutschlands

Es kam anders. Faith hat die Abmachung gebrochen, setzte sich ab nach Deutschland. Die Madame verlangt 35.000 Euro. Ihre Häscher suchen Faith mit aller Geduld. Sie drohten ihrer in Nigeria mit der Polizei. Und was, wenn der kleinen Tochter etwas passiert?

Zu einem Vorgespräch mit dem stern war Faith nur im Beisein einer älteren Vertrauten bereit, die aus derselben Stadt in Nigeria stammt wie sie. Weitere Interviews, Recherchen in Libyen und machten es schließlich möglich, ihr Schicksal nachzuvollziehen – das sie mit Tausenden Mädchen und jungen Frauen aus Nigeria teilt: Zwangsprostitution über die Flüchtlingsroute.

Menschenhandel ist Migration auf Bestellung

Das Geschäft organisieren verschiedenartige Netzwerke, "Firmen" mit Frauen, die Mädchen auf die Straße schicken. Oben steht immer eine Madame, an die zahlen alle. Viele Madames haben selbst als Zwangsprostituierte begonnen. Das System nährt sich selbst. Der Handel läuft seit Jahren. Neu sind Ausmaß und die Kommerzialisierung aktueller Flüchtlingsrouten. Mädchenhandel ist Migration auf Bestellung. 13.000 Nigerianerinnen kamen im vergangenen Jahr übers Mittelmeer nach Italien, im ersten Halbjahr 2017 noch einmal 20 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Mehr als die Hälfte der Straßenprostituierten in Italien stammt aus Nigeria, in Palermo sind es sogar 90 Prozent. Die jüngsten sind 13 Jahre alt. "Das ist moderne Sklaverei in ihrer hässlichsten Form", sagt Carlotta Santarossa von der UN-Migrationsbehörde IOM in Rom.

Das Gros der Frauen kommt aus Benin City, 1,5 Millionen Einwohner. Das einstöckige Haus der Familie von Faith steht an der Ausfallstraße nach Lagos, nicht weit vom Universitätskrankenhaus und vom Busbahnhof entfernt. Faith hat vier jüngere Schwestern und zwei Brüder.

Die 26-jährige Faith, fotografiert am Elbstrand. Aus Angst vor Behörden und Schleusern will sie unerkannt bleiben

Die 26-jährige Faith, fotografiert am Elbstrand. Aus Angst vor Behörden und Schleusern will sie unerkannt bleiben

Lesen und Schreiben lernte sie nie. Sie war 13, als der Vater starb. Die Schulgebühr wurde zu hoch, sie half fortan der Mutter auf dem Markt, sie verhökerten Milch, Streichhölzer, Jamswurzeln. 2011 bekam Faith eine Tochter, ihr Mann haute ab. Sie verdiente sich als Friseurin ein paar Naira hinzu. Einige Kundinnen hatten Bekannte mit Töchtern in Europa, sie hatten Fernseher, Geld. Faiths Familie hatte nur ein kleines Batterieradio.

Italien, das heißt Geld

Migration ist in Benin City Überlebensstrategie. Die meisten Familien kennen jemanden mit einer Tochter in Italien. Es spricht sich herum, in welche Villen reiche Nigerianerinnen aus Italien investieren. Wer aus Europa zu Besuch kommt, glänzt mit Damastkleid und cremig-heller Haut. "Solche Frauen sind Vorbilder für uns", sagt Faith.

Im Sommer 2015 wurde sie vom Netzwerk rekrutiert. Den Anfang macht immer eine Vertrauensperson der Familie. Sister Rose lebte in derselben Straße. "Ich wollte nie nach Europa gehen", sagt Faith. "Ich habe höchstens mal davon geträumt, ein Maniküre-Studio zu eröffnen." Doch nun sagte Sister Rose, dass alles gar nicht so schwer sei. Sie würde da jemanden kennen.

Ein Schamane vollzieht in Benin City, Nigeria, ein Ritual. Viele Priester sind in das System der Schmuggler mit eingebunden

Ein Schamane vollzieht in Benin City, Nigeria, ein Ritual. Viele Priester sind in das System der Schmuggler mit eingebunden

Bald saßen beide bei Mama Uwie. Eine gepflegte Lady mit einem riesigen Haus im Stadtzentrum. "Faith, wenn du wirklich interessiert bist, rede ich mit meinem Bruder." Der bringe Mädchen nach Europa. Das nächste Mal sollte sie 40.000 Naira mitbringen, umgerechnet 180 Euro – die Gebühr für den "Ausreisevertrag" . Faiths Mutter lieh sich das Geld bei Freundinnen vom Sparklub.

Die Mutter war auch dabei, als Faith den Vertrag unterkritzelte. Dabei lernte sie Osaretin endlich kennen. Sie wussten damals nicht, dass dieser Mann ein "Boga" war, ein Schlepper: Er lieferte Mädchen an vier Madames in italienischen Städten. Gerade stellte er eine neue Gruppe zusammen, 18 Girls. Im "Ausreisevertrag" gewährleistete er, dass Faith nach Italien gelangte und die Reisekosten gedeckt wären. Sie müsste 35.000 Euro Schulden abarbeiten. Aber es gäbe ja so viele Jobs dort," nach einem Jahr hast du das zusammen. Europa, Faith. Geld!"

Verträge werden in Benin bei einem Voodoo-Priester besiegelt

35.000 Euro? Die Familie von Faith verstand diese Summe nicht. "Wir haben in einer Wechselstube nachgefragt, aber der Mann sagte nur, bringt mir das Geld, dann kann ich wechseln." Dieser Frauenhandel läuft seit 20 Jahren, es gibt Aufklärungskampagnen, Rückkehrerinnen erzählen von ihrem Leid, Nigerias "Nollywood" hat Schicksale verfilmt – und doch glaubt man in den Armenvierteln noch immer an die Chance in Europa.

Wichtige Verträge werden in Benin City traditionell bei einem Voodoo-Priester besiegelt. In einer eleganten Limousine wurde Faith an einem Morgen im Dezember 2015 mit ihrer Mutter und ihrem älteren Bruder zu einem Ayelala-Schrein gefahren. Die Gottheit Ayelala symbolisiert Moral, Gerechtigkeit.

"Ich musste meine Finger- und Fußnägel schneiden und dann den oberen Teil meines Schamhaars", erzählt Faith. Sie nahm ein Bad zwischen Tierhäuten, schluckte heißes Gebräu, sie strichen ihr das Blut einer geschlachteten Ziege auf die Stirn. Nackt verneigte sie sich vor dem Priester, sprach ihm nach und leistete den Schwur: Sie würde nach Europa gehen, sie folge allen Anweisungen, sie zahle 35.000 Euro zurück, sie erzähle nichts der Polizei. Breche sie den Eid, würde Ayelala Vergeltung üben in ihrer Familie, bis hin zum Tod.

Migranten in Agadez, Niger, auf einem Pick-up bei der Fahrt in die Sahara. So werden auch die Nigerianerinnen transportiert

Migranten in Agadez, Niger, auf einem Pick-up bei der Fahrt in die Sahara. So werden auch die Nigerianerinnen transportiert

Das Schamhaar verwahrte der Priester in einer Tüte mit ihrem Namen. Das Päckchen war das Medium, das Faith nun mit ihm verband. Er hatte auch ein Foto von ihr. Wenn sie die Schulden abbezahlt haben würde, bekäme sie die Tüte zurück.

Die Anti-Mafia-Staatsanwältin Lina Trovato im sizilianischen Catania nimmt diese Rituale sehr ernst. Die psychologischen Folgen kennt sie aus Dutzenden Ermittlungsverfahren gegen nigerianische Menschenhändler. "Die Mädchen werden darauf eingeschworen, dass jede Flucht Unglück über die Familie bringen wird. Sie haben panische Angst. Es funktioniert, weil die Familie beteiligt ist."

Polizisten werden geschmiert

Für Faith begann die Reise am 27. Dezember 2015. Zu Weihnachten hatte sie ihrer damals vierjährigen Tochter ein Paar weiße Schuhe geschenkt, "ich gehe nach Lagos, Maud*, ich bin bald wieder da." Für sich selbst kaufte Faith zwei Sets muslimischer Kleidung. In Lagos wurde die Reisegruppe zusammengeführt. Zwölf kamen direkt aus Benin City, sechs aus den anderen Südprovinzen des Landes. Die meisten der Mädchen waren jünger als Faith. Auf der Ladefläche eines Lastwagens fuhren sie Richtung Agadez. Die Polizisten an den Checkpoints lugten nur kurz unter die Planen, wo die Frauen hockten, dann bezahlte der Beifahrer das Schmiergeld.

In Agadez, der alten Karawanenstadt im Süden der Sahara, warten Tausende Migranten auf ihre Weiterfahrt nach Libyen. Faith bekam davon wenig mit. Für ihre Gruppe hatte Osaretin zwei Räume in einem Lehmbau vorbereitet, mit dünnen Matratzen auf dem Boden. Er trat hier nicht mehr mit Jeans und T-Shirt auf, sondern im Langhemd.

Issa Hassan (l.) am Schlagbaum der Grenze Niger zu Libyen. Er und seine Männer vom Stamm der Tubu patrouillieren in dem unsicheren Gebiet

Issa Hassan (l.) am Schlagbaum der Grenze Niger zu Libyen. Er und seine Männer vom Stamm der Tubu patrouillieren in dem unsicheren Gebiet

Faith musste ihr Handy abgeben. Damit hatte das Netzwerk all ihre Kontaktnummern. Die Mädchen verschleierten sich. Ihre Unterkunft durften sie nicht verlassen. Es dauerte Wochen, das Warten zehrte an den Nerven. "Master, wann fahren wir nach Italien?", fragte Faith. "In der Wüste sind Banditen", sagte Osaretin. "Ihr sollt sicher ankommen."

Faith hatte Angst. Irgendwann ging es dann los, in der Morgendämmerung, die Mädchen hockten zusammengepfercht unter Tüchern auf verbeulten Pick-ups. Bald gab es keine Mücken mehr, kein Leben. Und dann war da nur noch Sand.

Nach Stunden sahen sie etwas im Wüstensand liegen. Skelette, ein Dutzend vielleicht

Dünen, Verwehungen, plötzliche Senken, das ewige Ruckeln, Hunderte Kilometer. Nach Stunden sahen sie etwas im Wüstensand liegen. Skelette, ein Dutzend vielleicht. Immer wieder sterben in der Wüste Migranten. Es war unheimlich. Einmal stoppten sie noch, und Faith hörte "so einen hellen Dauerton", und ein anderes Mädchen hörte das auch, und sie schrien wie von Sinnen. Ermattet schlief Faith später ein.

Als sie wach wurde, stand das Auto an einer geteerten Straße. Faith dachte, dass sie schon in Italien seien. "Ich wusste damals nicht, dass hinter Libyen noch das große Wasser ist. Ich dachte, wir fahren mit dem Auto direkt nach Italien."

Wer lange mit Faith redet, wer versteht, dass sie nie eine wirkliche Bildungschance hatte, kann diese Naivität nachvollziehen. Während der Interviews wirkt sie oft überfordert, mit sich, ihrer Lage, ihrer Zukunft. Mal gibt sie sich zäh und rebellisch, dann wieder laufen ihr Tränen übers Gesicht, werden hin und wieder weggewischt.

Schmuggler und Milizionäre kurz hinter der Grenze in der Sahara in Libyen. Eine Staatsmacht gibt es nicht

Schmuggler und Milizionäre kurz hinter der Grenze in der Sahara in Libyen. Eine Staatsmacht gibt es nicht

Libyen ist das Epizentrum der zentralen Migrationsroute – und für viele der Horror schlechthin. Der Staat existiert nicht mehr, Milizen füllen mit aller Brutalität das Machtvakuum. Das Geschäft mit den Migranten beginnt im Süden. Tuareg- und Tubu-Nomaden mischen mit, Geschäftsleute kaufen und verkaufen Migranten wie Sklaven, Schleuser bewegen sich frei, jeder hier trägt eine Waffe. Selbst die Mädchenhändler verlieren bisweilen die Kontrolle über ihre Ware.

Im Grenzgebiet fährt eine bewaffnete Miliz aus dunkelhäutigen Tubus Patrouille. Mit vier klapprigen Toyotas versuchen sie, ein Gebiet von 150 Quadratkilometern zu überwachen. Zum Gespräch mit dem stern erscheint ihr Kommandeur in Flecktarn-Uniform. Issa Hassan ist 33, kämpfte vor sechs Jahren für die Revolution gegen Ghaddafi, und "heute stoppen wir ab und an einen Schmuggler mit Haschisch oder Waffen" . Die Wüste hat eigentlich keine Grenzen. Der offizielle Übergang zwischen Niger und Libyen ist eine Blechhütte. "Dabei ist die Sahara das Tor zu Europa", sagt Issa und beklagt fehlende Hilfen von Regierung und EU. Seine Leute kennen alle Ausweichrouten. "Immer mal sehen wir Pickups, auf denen nur Nigerianerinnen kauern."

Die Madames pochen darauf, dass ihre wertvolle Ware vom Strom der üblichen Flüchtlinge getrennt wird

In Murzuk, in der Sahara-Provinz Fezzan, sind solche Autos von Weitem an ihren langen Sandfahnen zu erkennen. In der alten Oase zieht Madame Joy die Fäden beim Mädchenhandel. Sie kommt aus Lagos und betreibt hier seit zwei Jahren einen Geldversand und eine Art Reisebüro, dazu managt sie Unterkünfte – Warenlager meist oder Blechhütten. Joy hat fünf Handys und genauso viele Leibwächter. Sie selbst will nichts mit Reportern zu tun haben, Helfer von ihr allerdings beschreiben, wie das Geschäft funktioniert. Über WhatsApp hält sie den Status jedes Mädchens fest und meldet der Ziel-Madame in Italien: Ankunft aus Agadez, bezahlt bis Murzuk, Tripolis offen. Zahlungen erfolgen mittels elektronischen Geldtransfers, mit Nummerncodes und Vertrauten an jedem Umschlagplatz.

Die Gruppe um Faith aus Benin City erreichte Tripolis an einem Abend im Frühjahr 2016. Dort gibt es berüchtigte Migrantenknäste, sogenannte Ghettos, oft unter Kontrolle libyscher Milizionäre. Die Madames pochen darauf, dass ihre wertvolle Ware vom Strom der üblichen Flüchtlinge getrennt wird. "Für Osaretin war Tripolis wie ein zweites Zuhause", sagt Faith. Jeder kannte ihn, jeder achtete ihn. "Er sagte uns: Ihr seid sicher. Geht bloß nicht raus."

Madame Joy organisiert in den Städten Murzuk und Gatrun im Süden Libyens Unterkunft und Weitertransport der Mädchen

Madame Joy organisiert in den Städten Murzuk und Gatrun im Süden Libyens Unterkunft und Weitertransport der Mädchen

Die Mädchen hatten Angst und harrten aus in ihrem bewachten Verschlag. Es war langweilig, sie aßen Couscous, frisierten sich gegenseitig, erzählten sich ihre Träume von Italien, Kanada, London, bis draußen wieder Schüsse fielen und alle erstarrten. Ein einziges Mal nur reichte Osaretin Faith sein Handy, ganz kurz, schnell, schnell; ihre Mutter war dran. "Mummy, Mummy, ich bin in Libyen, melde mich aus Italien."

In Libyen erwies es sich für Faith als Vorteil, dass ein gut organisierter Boga wie Osaretin seine Ware schützen konnte. Andere Mädchen, ebenfalls wie sie aus Benin City, erlebten in Libyen die Hölle. Es kommt vor, dass Menschenhändler einen Teil ihrer Fracht an Milizenführer abtreten müssen. Sara*, nur 15 Jahre alt, landete zunächst in einem Bordell. "Da waren 20 Mädchen, manchmal auch 30", schildert sie später in Italien dem stern. "Wir sollten üben, bevor wir nach Italien kommen. Ich musste jeden Tag mit fünf Männern schlafen." Anderthalb Dinar mit Kondom, zwei Dinar ohne, "das Geld bekam die Madame". Nach vier Monaten wurde Sara an eine Miliz weiterverkauft. "Ich wurde von ganzen Gruppen missbraucht. Keiner gab mir je Geld. Ich bekam Ekzeme am ganzen Körper."

Immer mehr Schwangere

Die Folgen solcher Vergewaltigungen sind, dass auf dem Weg durch Libyen immer mehr nigerianische Mädchen schwanger werden. Die begleitenden Bogas aus dem Netzwerk müssen die Schwangerschaft der Madame in Rom oder Turin melden. "Die Mädchen gelten dann als arbeitsunfähig, die Madame lässt sie in Libyen weiterverkaufen", sagt Carlotta Santarossa von der UN-Migrationsbehörde in Rom. Um nach Italien zu kommen, brauchen sie einen neuen Sponsor. In einem von der italienischen Polizei abgehörten Telefonat berichtet ein Menschenhändler, wie eine Madame in Turin mit einer Schwangeren umgeht: "Sie hat ihr befohlen, viel Bier zu trinken, um abzutreiben."

Faith musste fünf Monate lang in Libyen ausharren, blieb aber unbehelligt von Männern. Schließlich wurde sie zur Küste westlich von Tripolis gebracht – dort legen die Schiffe Richtung Italien ab. An diesem warmen Oktoberabend packte sie der Schreck. "Ich dachte: Was!? So groß ist dieser Fluss?"

Eine Rot-Kreuz-Station im Hafen von Catania, Italien. Die Nigerianerinnen durchlaufen mit anderen Flüchtlingen das Registrierungssystem

Eine Rot-Kreuz-Station im Hafen von Catania, Italien. Die Nigerianerinnen durchlaufen mit anderen Flüchtlingen das Registrierungssystem

Am Ufer lagen zwei hölzerne Boote mit Motor, jedes für 120 Insassen. Osaretin hielt vor der Gruppe eine Ansprache. Er selbst würde nicht mitkommen. Sie dürften nichts mit aufs Boot nehmen. Dicht an dicht wurden sie hintereinandergesetzt, die Beine gespreizt, Kameruner, Ghanaer, Nigerianer. Alle redeten durcheinander. Die meisten beteten laut zu Allah. Faith betete leise, "Gott, lasse nicht zu, dass das Wasser mich schluckt". Die Mädchen aus Benin City hatten sich verschleiert, um als Muslimin unbehelligt zu bleiben.

Auf dem Boot stank es nach Kot und Erbrochenem. Die Kleidung wurde steif vom Salzwasser. Faith muss lange bewusstlos gewesen sein an Bord, sie kann sich nur noch an wenig erinnern. Drei Tage später erreichte sie den Hafen von Catania auf Sizilien. Sie verstand kaum etwas von dem, was die Betreuer erzählten über ihre Rechte. Bei der Registrierung gab sie, wie Osaretin angeordnet hatte, einen falschen Namen an. Fingerabdrücke wurden genommen, sie erhielt eine Kopie der Registrierung.

Eine nigerianische Prostituierte auf der Straße im Rom, Italien. Hier landen die meisten Mädchen

Eine nigerianische Prostituierte auf der Straße im Rom, Italien. Hier landen die meisten Mädchen

Mit einem Bus wurde die Gruppe dann nach Bergamo gefahren. Betreuer in der Aufnahmeeinrichtung drängten die Mädchen dazu, nicht zu den Madames zu gehen. Sie seien in der Hand von Kriminellen, die sie sexuell ausbeuten würden. Die Mädchen schwiegen. "Und die meisten sind dann gegangen", sagt Faith. Aus Angst, auch um ihre Familien, "und weil sie Ayelala den Schwur geleistet haben" . Die Madames schickten ihre Emissäre. Nach und nach löste sich die Gruppe auf.

"Ihre Leute haben Killer"

Italien ist Hauptziel im nigerianischen Frauenhandel. Bisweilen schaffen es Hilfsorganisationen, minderjährige Mädchen aus der Zwangsprostitution zu befreien. In geschützten Unterkünften versucht man sie auf ein neues Leben vorzubereiten. Auch Sara, das Mädchen, das in Tripolis Opfer von Gruppenvergewaltigungen war, lebt jetzt dort. Sie landete im Herbst 2016 bei einer Madame in Rom. "Das Haus war schmutzig, da waren noch zehn weitere Mädchen." Wenn Sara ohne Geld von ihrer Nachtschicht kam, bezog sie Prügel. Als sie einmal verzweifelt ihre Schwester in Nigeria anrief, schrie die ins Telefon: Sara solle gefälligst tun, was man ihr befehle!

Nach ein paar Tagen gewöhnte sich Faith an das Aufnahmelager in Bergamo. Sie war einer Madame in Rom versprochen, "das ist die Hauptstadt von Italien", sagt sie. Aber eine Freundin, die seit Jahren als Prostituierte arbeitete, warnte sie. "Die hält dich als Sklavin, ihre Leute haben Killer."

Die italienische Staatsanwältin Lina Trovato kämpft gegen das System der Zwangsprostitution

Die italienische Staatsanwältin Lina Trovato kämpft gegen das System der Zwangsprostitution

Die Madame rief an. Sie war freundlich, aber bestimmt. Sie schickte jemanden nach Bergamo ins Aufnahmelager. Faith vertröstete ihn, Behördentermine. Dann vermittelte ihr ein Mädchen einen nigerianischen Fahrer, der Mädchen nach Deutschland hole.

Faith sagte niemandem etwas, als sie losfuhren. Der Fahrer nahm ihr die Registrierung ab. Ohne Problem durchfuhren sie Österreich, gelangten nach Deutschland, machten Station in München. Dann brachte der Fahrer sie nach Hamburg, zu den Nigerianern nach Billstedt, in ein Leben im Untergrund.

Einige aus der Community bezahlen jetzt Faiths Essen und die Fahrkarte für den Bus. Ihre Situation ist selbst nach vielen Gesprächen nicht leicht zu durchblicken. Fragt man Faith, warum man das alles für sie tue, wie genau denn die Mädchen nach Hamburg geholt würden, sagt sie kaum etwas. Nur: "Ich passe auf die Kinder der Frau in Billstedt auf, ich mache bei ihr sauber." Und dann noch: "Na, du weißt schon, wie ich bezahle."

* Namen von der Redaktion geändert

Mitarbeit: Mirco Keilberth und Francesca Mannocchi