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spezial FOTOGRAFIE: "Innocence" von Anton Corbijn

Kein anderer hat mit seinen Bildern Bands wie U2 und Depeche Mode oder dem Sänger Herbert Grönemeyer nicht nur ein Gesicht, sondern ein eigenes Leben gegeben. Er ist der Meister der stillen Portraits.

Holland, ganz im Westen, in der Nähe von Rotterdam, eine kleine, platte Insel mit einem noch kleineren Dorf, es heißt Strijen. Die Nordsee ist nicht weit, und meist sieht der Himmel wie ein graues, fleckiges Laken aus, wenn von Westen die Wolken vorbeiziehen. Grauer Himmel, plattes Land, nur der Horizont dehnt sich wie eine Schnur durch den Blick.
Strijen ist wirklich sehr klein, und aus der Ferne sieht man eigentlich nur den Kirchturm, den der Junge, der 1955 hier geboren wurde, jeden Tag vor sich hatte: Er war der Sohn des Pastors. Der Kirchturm muss den jungen Anton Corbijn so geprägt haben, dass er noch heute sagt, es sei schwer, in Holland einen Platz ohne Kirchturm im Blick zu finden. Im Blick, mit den Augen: Wenn Corbijn aus seiner Kindheit erzählt, spricht er oft über das Gesehene. "Es war alles so klein in Strijen, und es passierte nichts, sodass mir jede Nachricht von außerhalb der Insel riesig vorkam. Die Beatles in Holland - das war in Strijen ziemlich schmerzhaft, nicht dabei zu sein." Der groß gewachsene, "schüchterne Junge", wie er sich erinnert, kaufte im einzigen Zeitschriftenladen des Dorfes Mitte der 60er Jahre Musikblätter und starrte auf die Fotos der Beatles und der Rolling Stones. In seinem Zimmer unter dem Kirchturm hatte er noch nicht einmal einen Plattenspieler.

Wenn man sich heute die Bilder von Anton Corbijn, 49 und in London lebend, anschaut, ist noch viel von diesem Blick über die Landschaften Hollands zu sehen. Der Horizont zieht sich immer noch wie eine Schnur durch seine Arbeiten, der Himmel ist meistens grau, und die Bäume sind meist ohne Blätter, was sie wie rissige Knochen aus dem Boden ragen lässt. Corbijn hat jahrelang fast nur schwarzweiß und grobkörnig fotografiert, mit protestantischer Ernsthaftigkeit könnte man sagen. Aber genau diese gewisse Düsterkeit macht das Einzigartige seiner Fotografien aus: Sie sind stille, melancholische Ruhepunkte in einem hysterisch bunten Bildersturm, der immer neue Pop-Sternchen und Pop-Schnuppen vorbeitreibt. Nur der holländische Pastorensohn hält mit seiner Kamera dagegen - und ist heute der wichtigste Fotograf einer ansonsten flüchtigen Unterhaltungsindustrie geworden, einer, der kompromisslos auf seinem Blick beharrt.

Kein anderer hat mit seinen Bildern Bands wie U2 und Depeche Mode oder dem Sänger Herbert Grönemeyer nicht nur ein Gesicht, sondern ein eigenes Leben gegeben. U2 wäre eine andere Band, hätte Corbijn ihr nicht über 20 Jahre lang die Bilder zu ihrem Dasein ersonnen; Grönemeyer fand sich und sein störrisches Denken fast nur in Corbijns Bildern wieder. Kaum einem anderen Fotografen vertrauen Musiker denn auch so sehr wie Corbijn, wenn es darum geht, sie auf ein 12,5 mal 12 Zentimeter großes CD-Cover zu bekommen.

Doch man muss noch einmal zurück nach Holland ins Jahr 1966: Die Familie Corbijn zieht vom kleinen Strijen nach Hoogland, später nach Groningen. Für den jungen Anton beinahe eine Erlösung, endlich eine Stadt, endlich Leben, endlich passiert etwas. Er ist hungrig auf Konzerte, die Bands und die Musik. Anton geht los, doch die Schüchternheit bremst ihn, die Masse Mensch macht ihm Angst. "Da habe ich mir die Kamera meines Vater geliehen, sie mir umgehängt - und konnte mich bewegen." Die Technik der Kamera brachte er sich selbst bei, aber seine Filme gab er noch in einem Fotoladen ab, erst später experimentierte er selbst im Labor. "Ich finde diesen Prozess bis heute aufregend, weil in der Dunkelkammer die Bilder ein zweites Mal entstehen."
Der Teenager Anton schickt seine ersten Konzertfotos an eine Musikzeitschrift, und "unglaublich, sie druckten sie. Dabei hatte ich die Kamera nur mit, um nicht so allein zu sein", sagt Corbijn. Wie viele große Fotografen nutzte auch er den Apparat nicht nur als Werkzeug, sondern als Schutz und zur Überwindung der eigenen Schüchternheit. Bald ka ufte er sich seine erste eigene Kamera, denn "mir gefiel die Idee, als Fotograf zu leben, und ich hatte damals auch keine anderen Interessen". Den Besuch einer Fotoschule brach er schon nach einem Jahr wieder ab, stattdessen ging er immer wieder zu Konzerten, saß hinter der Bühne und bekam mit der Zeit einen anderen Blick für Musiker. Beinahe nackt standen sie dann ohne Gitarre oder Schlagzeug vor ihm, manche erschöpft, andere betrunken. Vielen fiel der stille, schlaksige Fotograf gar nicht mehr auf, der mit seinen Bildern bald mehr aus der Seele des Rock zeigte, als bisher zu sehen war.

Der oft rasche Wechsel aus dunklen Konzerthallen ins Licht der Nacht, aus Studios ans Tageslicht formte eher zufällig Corbijns Stil. "Ich hatte oft nicht das Geld, die hochempfindlichen Filme, die man im Dunkeln benutzt, zu wechseln, wenn sie halb voll waren, und so benutzte ich sie bei Licht weiter. So entstanden die Bilder mit ganz grobem Korn.

Das war eine Ästhetik, die mir sehr gefiel." Corbijn lernte zu begleiten und Geschichten wachsen zu lassen. Das schnelle Bild, schnell gedruckt und vergessen, war ihm verhasst. Genauso wie das drohende Markenzeichen "Rockfotograf". Als er in den 80er Jahren zwei Buchverlagen seine Bilder schickte, wollten sie die rasch als billige Softcover in Plattenläden verkaufen. Corbijn lehnte ab, bis der Münchner Verleger Lothar Schirmer das Zeitlose in den Fotos entdeckte und ein richtiges Fotobuch daraus machte. Wobei Corbijn kein großer Inszenator ist, viele seiner Bilder entstehen in zwei Minuten, fast immer arbeitet er mit dem Licht, das er vorfindet. Den REM-Sänger Michael Stipe weckte er einmal um sechs Uhr, weil das Licht in der Morgendämmerung genau den richtigen Ton hatte: "Michael war nicht böse, wir kennen uns gut, und wir wohnten bei dem Shooting im selben Haus", sagt Corbijn und kommt damit auf ein sensibles Thema. Manche Künstler leben auch davon, dass sie fotografiert werden. Aber gleichzeitig haben sie Angst. Ein falscher Winkel, ein zu grelles Licht oder einfach nur ein schlechter Tag - und schon stimmt das fotografierte Ego nicht mehr mit dem empfundenen Ego überein.

Corbijn hat über die Jahre den Künstlern, die er mag, genau zugeschaut, ist mit vielen befreundet, "und ich mache jetzt Bilder mit ihnen, auf denen sie aus sich herauskommen". Denn Corbijn hat auch gelernt, wie dick die Showbiz-Hülle seiner Objekte sein kann. "Früher war ich intensiv auf der Suche nach der Seele, heute weiß ich, dass das Äußere oder das Image oft mehr über das Innere aussagt." Die Zufälligkeit des Bildes, der banale Hintergrund einer Mauer oder Straße rückt die Überlebensgroßen wieder ins Licht des Realen, "meine Bilder sind manchmal wie kurze Szenen aus einem Lebensfilm". Eines seiner Bücher hat er "33 Still Lives" genannt, eigentlich sind das "fake paparraz zi shots". Dass die Künstler bei ihm fast nie lachen, sieht Corbijn in seinem holländischen Blick begründet: "Ich suche in ihnen die Qual des Kreativen zu finden."
Konsequent lehnt er Anfragen ab, "wenn ich mit den Personen nichts anfangen kann, wenn es keinen noch so dünnen Draht zu ihnen gibt". In Schüchternheit erstarren, wie früher in Groningen, muss er längst nicht mehr, die Künstler kommen von selbst. Und dennoch, um nicht in der Luxussuite des Star-Bildners zu erstarren, fährt Corbijn immer wied er los, um neue Gesichter zu finden. Neulich war er in Lettland und danach in Dänemark, um Bands zu fotografieren, die man hier noch nicht so kennt, "die Leute haben mir einfach gefallen". Und 2001 ist er zurück nach Strijen gefahren, mit seiner Kamera und einem Koffer voller Perücken und Bärte, hat sich als John Lennon, Jimi Hendrix oder Freddy Mercury verkleidet, ist auf die Straße gegangen und hat sich fotografiert. "A. Somebody" heißt die ironische Bildergalerie. "Ich wollte herausbekommen, was mich als Kind zu dieser Obses sion gebracht hat, mit der ich heute arbeite." Es ist jene Obsession, mit der Corbijn auch die Bilder zu diesem Spezial "Innocence" zusammengestellt hat. Die Auswahl, sagt er, zeige den wahren Corbijn. Nicht den Star-Fotografen und seine versammelte Prominenz, sondern einen Mann mit seinen Freunden, die aus ihren Zusammenhängen gelöst den Glamour verlieren und sich Corbijns Bildsprache zwischen Landschaften, menschenleeren Seen und verlassenen Zimmern einfügen. "Eigentlich", sagt er, " müsste es der Verlust der Unschuld heißen."

Jochen Siemens / print