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stern spezial Fotografie: Terry Richardson

Der Amerikaner fotografierte fettleibige Menschen in Nudisten-Camps, betrunkene Huren und Waffennarren, viel Nacktes, ungeschminkt und pickelig. Seine Bilder provozieren und bilden doch nur das normale Leben ab, sagt er.

Herbst in New York, in ein paar Tagen ist Halloween, und es wird eine Gespensterparade geben, die hier, ganz in der Nähe von Terry Richardsons Studio, an der Bowery vorbeiziehen wird. Terry steht am Fenster, und er freut sich darauf, weil er gehört hat, dass - neben den üblichen Skeletten und Monstern - einige auch als Terry Richardson auftreten werden. Herrlich. Statt einer Sense oder eines Schaumstoffbeils werden die einen Fotoapparat schwingen, so einen billigen aus Plastik, wie Terry sie auch benutzt. Wunderbar. Wer kann schon von sich behaupten, so ein populärer Bürgerschreck zu sein. Irgendwann einmal hat sein größter Kunde, die italienische Mode-Marke Sisley, Terry-Masken aus Pappe verschenkt: In jedem von euch steckt ein Richardson, so die Botschaft. Und irgendjemand aus London hat ihm erzählt, dass dort Männer auf der Straße Mädchen ansprechen, sie seien Terry Richardson und wollten die Mädchen fotografieren. Und es gebe eine Agentur, die an ihre Kunden schlecht fotografierte Polaroids verschicke, angeblich von ihm. Hah!

Es gibt so viele Bilder auf der Welt, so viele Fotografen, die Menschen schauen und vergessen. Ihn nicht. Über ihn reden sie. Und diskutieren. Über jedes seiner Fotos. Über das nackte Mädchen, das weint. Über die Banane im Slip eines Jungen. Über das Intime, das er wie einen Jahrmarkt oder wie eine Autowerkstatt darstellt. Manche behaupten, dass seine Bilder wie der schlechte Atem alter Menschen röchen und ihr Produzent "mehr Sex als Verstand" habe. Andere wie die Weltfirmen Sisley, Gucci und Armani, die Londoner Designerin Katherine Hamnett und Zeitschriften wie "Vogue", "GQ" oder "Harper?s Bazaar" entdecken etwas anderes. Zeitgeist könnte man mit einem alten Wort sagen, Originalität, Schock und Schöpfung. Der große Helmut Newton hat auf die Frage, welcher lebende Fotograf ihn am meisten interessiert, gesagt: "Nur einer. Terry Richardson." Auf jeden Fall macht er Bilder zum Streiten. Endlich mal einer, der Grenzen überrennt, der uns unsere Moral überdenken lässt. Und unsere Toleranz.

Gut, bevor wir Antworten suchen, erst mal zu Terry selbst. Es ist leicht, von ihm irgendwelche Pappmasken zu machen, sein Gesicht ist rund, die Stirn ist hoch, er hat diese Koteletten, die fast bis zum Hals hinunterwachsen, und einen Schnauzbart, trägt ein Holzfällerhemd, und wenn vor der Tür jetzt ein Lkw schnaufen würde, hätte niemand Zweifel, dass Terry ein Trucker ist und sich Kaffee in einer Litertasse holt. So sieht er aus. Kein Model. Nicht wie ein Fotograf, überhaupt nicht, sieht man einmal von den Händen ab, die erstaunlich zart sind. In seinem Studio stehen ein Bett und eine Couch, und er hat oft gesagt, dass die Couch alle Körperflüssigkeiten kennt, die es gibt. Die Decke des Bettes in den Farben der US-Flagge kennt man von den vielen Bildern mit den nackten Mädchen, die er auf diesem Bett fotografiert hat. Von seinen Bildern weiß man auch vieles, was man jetzt nicht sieht. Die Tätowierungen auf Terrys Schulter, die Farbe seiner Unterwäsche, sein Geschlecht. Zu manchen Reporterinnen hat er gesagt, sie sollten doch bitte bis zum Abend bleiben und sich ausziehen, er werde das auch tun, und später würden sowieso alle mit allen rummachen. Heute sagt er das nicht, und man weiß auch nicht, wie ernst er so was meint. Er sagt, es sei alles Spaß gewesen und es habe ihm gefallen, wie die Mädchen rot wurden. Dann lachen Terry und seine Freunde, "yeah!"

Vielleicht gibt`s Gründe. Kindheit? Terry wurde vor 38 Jahren in New York geboren, Vater Bob Richardson war ein großer Name in der Modefotografie, immer hinter der Kamera für "Vogue" und "Harper?s", Mutter Stylistin, der kleine Terry stets dabei, Paris, London, Studios, Blitzlichter, Models, damals noch Mannequins. "Als ich vier Jahre alt war, verließ uns mein Vater wegen eines Models, Anjelica Houston, der späteren Schauspielerin. Mit meiner Mutter zog ich nach Woodstock, es waren die 70er Jahre. Als ich neun war, hatte meine Mutter einen schweren Unfall und lag lange im Koma, mein Vater sorgte für uns, bis er einen Zusammenbruch hatte, Drogen und das ganze Zeugs."

Vom Hippie-Idyll zur Wrack-Familie, es ging schnell. Terry zog nach Los Angeles, ging zur Schule, "aber nur, um Mädchen anzumachen", trieb sich rum, kaufte sich eine Bassgitarre: "Ich bin faul, und ein Bass hat nur vier Saiten, das erschien mir bequemer." Terry spielte in einer Band Punkrock, sie nannten sich "Doggy Style" und "Signal Street Alcoholics" ("SSA"), schafften es nie, eine Platte aufzunehmen, aber dafür den ganzen Rest, der zum Rock ?n? Roll gehörte: Drogen, Drinks und Sex. Und weil alles irgendwie Fun und Blödsinn war, waren es auch die ersten Bilder, die Terry auf den Touren seiner Bands machte. Schnappschüsse, meistens nachts, mit so einer Kodak Instamatic. Nicht lange durchgucken, sondern draufhalten und die Filme dann bei WalMart in den Kasten zum Entwickeln werfen. Irgendwie doch vom Vater inspiriert? "Nee, überhaupt nicht. Mein Vater war ein studierter Fotograf, hatte Grafik und Design gelernt und überlegte sich seine Bilder akademisch. Ich nicht."

In New York sagte dann ein Freund eines Tages zu Terry: "Hey, ich hab Bücher mit Fotos gesehen, die sehen aus wie deine." Es waren die ersten Bücher von Larry Clark und Nan Goldin, die einen neuen Stil begründeten: Dokumentationen über das Leben in Hinterzimmern, Drogenkellern und auf Ghettopartys, schonungslos, unschön und von trüber Erotik. "Das hat mich umgehauen", sagt Terry, "das war das wahre Leben und nicht dieser konstruierte Modekram." Weg mit der Bassgitarre, noch eine Kodak-Kamera gekauft - "Fotografie wurde meine Obsession". Und Terry ein Chronist des Undergrounds. Und das wäre er vielleicht auch geblieben, einer, der seine Wirklichkeit zeigt, oft mit sich selbst im Bild, einer, dessen Aufnahmen zwischen Pop und Porno schwanken, aber auch einer, dessen Schnappschüsse von fettleibigen Amerikanern, Nudisten-Camps, betrunkenen Huren und Waffennarren ein Amerika von unten zeigen. Er hätte einacht, die zum Pflichtbesitz der Kulturelite gehört hätten, weil sich das Elend draußen auf Bildern anzuschauen bei manchen schon als sozialer Akt gilt. Aber es kam anders. Ein paarmal arbeitete Terry noch mit seinem Vater zusammen, traf sich mit Bruce Weber oder Mario Testino - und plötzlich gehörte der weitergereichte Sohn zur internationalen Foto-Boheme. Er wunderte sich selbst, dass seine krude Antiästhetik anerkannt wurde, doch London rief, die Avantgarde-Blätter "ID" und "Face" hatten von dem neuen hippen Terry gehört und druckten, was er lieferte: Bilder in dürrem Licht, schmucklos und verstörend pur, viel Nacktes, ungeschminkt mit Pickeln auf der Haut.

"London hat mir den Durchbruch gebracht", sagt er heute. Yeah, er ist im Club. Der knipsende Punk-Bassspieler macht eine erste Kampagne für Katherine Hamnett, die schon immer eine instinktsichere Avantgardistin der Trends und Stile war. Sisley meldet sich, alle brauchen sie etwas, damit man über sie spricht. Sie brauchen Terrys Bilder, um ihrer Kundschaft das Gefühl zu geben, wieder eine eigene Bildersprache zu haben.

Doch der Provokateur Richardson entläuft ihnen. Er dreht an der Schraube und zeigt immer mehr Wirklichkeit. Seine Shootings werden zu Orgien. Was auf manchen Sisley-Motiven noch wie ein Vorspiel aussieht - Mädchen steht in grünen Schuhen auf dem nackten Rücken eines Jungen -, wird drei Filmrollen weiter Oralsex - Junge mit dem Kopf zwischen de n Beinen des Mädchens mit den grünen Schuhen. "Wenn die Stimmung gut ist, dann schlafen die Models miteinander, wenn sie wollen, manchmal auch jeder mit jedem", sagt er. Er zuckt die Schultern, "alle sind volljährig, niemand wird zu irgendwas gezwungen, es gibt keinen Alkohol und keine anderen Drogen, wir arbeiten am Tag, und ich sage den Models, was wir vorhaben". Dass der ganze Fashion-Zirkus seine Bilder für den Dernier cri hält, amüsiert ihn, macht ihn aber auch übermütig. "Sex, was sonst? Interessiert uns doch alle, wozu hat meine Hose vorne einen Ausgang." Mit seiner erotomanischen Schlagseite fühlt sich Terry nicht allein, in seinen Regalen stehen die Bücher von Newton und des Japaners Araki neben Hustler-DVDs. Und schon gar nicht allein fühlt sich Richardson, wenn er aus dem Fenster schaut. "Beinahe jeder da draußen würde sich doch vor einer Kamera ausziehen, das Internet ist überschwemmt mi t Sites, auf denen normale Menschen Pornos zeigen. Ich habe kein Problem, Models zu bekommen, im Gegenteil."

Terry Richardson hat Recht, aber um ihn zu verstehen, muss man ein wenig die sexuelle Psyche in den USA verstehen. In keinem anderen Land haben Teenager so früh Sex wie hier. In keiner anderen Teen-Kultur ist der Oralverkehr beinahe eine Art der Kommunikation, kein anderes Land konsumiert so viele Pornos, und nirgendwo haben Männer so viele wech selnde Sexualpartnerinnen (und -partner). Die Zeitschrift "New York" beschreibt in einer Ausgabe die Beziehungsprobleme junger Paare, weil die Männer sich mehr in Internet-Pornos als im eigenen Bett rumtreiben, und auf Net-Sites wie "hush-hush.com" stellen Tausende von Teenagern monatlich eigene Nacktbilder aus. Was Moralhüter mit hysterischen Oben-ohne-Verboten in den Medien und der Verbannung des "Fuck"-Wortes verbieten wollen, flutet über alle möglichen anderen Kanäle in die Alltagskultur: Sex, Sex und nochmal Sex, wenn?s geht bizarr. "Zum ersten Mal in der Kulturgeschichte haben die Kraft und Verlockung dieser Bilderflut die Anziehung einer einfachen nackten Frau verdrängt, sie ist höchstens noch ein schlechter Porno", schreibt die Autorin Naomi Wolf über den visuellen Sex-Wahn in den USA.

So gesehen sind Richardsons Fotos Abbilder, die in Amerika weder Schock noch Geschrei auslösen - viele erkennen sich einfach wieder. Anders gesagt: Richardson zeigt das Amerika, von dem "Stupid white men"-Autor Michael Moore in seinen Büchern erzählt. Irritierender ist es, wenn die schwitzenden, manchmal schmierigen Motive im weniger repressiven Europa ausgestellt werden, dem die Rauheit und erotische Verzweiflung solcher Bilder fremd ist. Irritierender ist aber auch, wenn damit für teure Gucci-Taschen oder Armani-Uhren geworben wird. Aber das lässt Terry Richardson kalt. "Ich fotografiere sozusagen mein Leben. Nichts anderes. Wenn andere glauben, das sei Werbung, sollen sie doch." Dass die halbe Welt "Skandal" schreit und immer wieder die Firma Sisley auffordert, ihre Werbung zu stoppen, amüsiert ihn. "Nur wer sich angesprochen fühlt, wer also eine Regung verspürt", er grinst, "macht einen Aufstand."

Jochen Siemens / print