HOME

Hilfe, das "Eiscafé Venezia" stirbt aus: Gibt es bald kein Spaghetti-Eis mehr?

Heutzutage ist die Auswahl in den klassischen Eiscafés groß - und gleichzeitig werden exotische Kreationen immer beliebter. Aber was ist eigentlich aus der guten alten Eisdiele geworden? Sind die Zeiten von Bananensplit und Spaghetti-Eis vorbei?

Dario Fontanella mit Spaghetti-Eis

Dario Fontanella - der Erfinder des Spaghetti-Eises

Fluffige weiße Sahne, Schokostreusel und eine kleine herzförmige Waffel türmen sich auf cremigen Eiskugeln. Bunte Früchte und Sirup hübschen das kleine Kunstwerk noch etwas auf. Ob Bananensplit, Birne Helene oder Amarenabecher: Generationen Deutscher haben solche Kreationen in meist italienischen Eiscafés probiert und genossen. Doch vielerorts scheinen sie zu verschwinden.

"Die Zeiten des Eiscafé "Venezia" sind vorbei, das hat etwas Nostalgisches", sagt Annalisa Carnio von Uniteis, der Union der italienischen Speiseeishersteller. Die Entwicklung gehe eher zum Eis zum Mitnehmen. Und tatsächlich: Besonders in Großstädten gibt es immer mehr kleine Eisläden ohne Café zum Verweilen. 

Carnio sieht die Gründe dafür auch bei steigenden Kosten für Mieten und Personal. "Eine Terrasse ist teuer, das überlegt man sich zweimal." Gleichzeitig finden viele Familienbetriebe keinen Nachfolger mehr, wie Stefanie Heckel vom Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) erklärt.

Dank dem Erfinder des Spaghetti-Eises

Von einem echten Familienbetrieb kann Dario Fontanella erzählen. Der Sohn eines italienischen Einwanderers und einer Deutschen gilt als Erfinder eines Klassikers: des Spaghetti-Eises. "Und dafür bedanken sich die Leute noch heute bei mir", erzählt der 63-Jährige stolz. Sein Vater kam 1931 nach Deutschland, um eine Eisdiele zu eröffnen. 1970 trat Sohn Dario in den elterlichen Betrieb in Mannheim ein.

Fontanella erinnert sich an Zeiten, als lockere, vertraute Stimmung in den Eisdielen herrschte. "Wenn Mütter kleine Erledigungen gemacht haben, haben sie ihre Kinder in der Eisdiele geparkt." Man kannte sich. Aus Mannheim ist das traditionsreiche Geschäft heute kaum wegzudenken.

Die Gentrifizierung der Eisdiele von damals

Ganz anders stieg Falk Rahn ins Eisgeschäft ein: Der 40-Jährige hatte eigentlich selbstständig in der Erwachsenenbildung unterrichtet, doch gerade im Sommer lief es nicht so gut. "Da hab' ich mich gefragt, wie ich das überbrücken kann." Kurzerhand gründete Rahn 2009 eine kleine Eismanufaktur in Berlin, "Vanille & Marille". Und wie war das mit dem Eisfachwissen? "Das war Learning by Doing", erzählt Rahn. 

In Berlin-Kreuzberg entdeckte er damals einen kleinen leerstehenden Laden. Große Räumlichkeiten waren nicht drin - zu teuer. Und klassische Eisbecher gibt es bei "Vanille & Marille" auch nicht - zu aufwendig. Stattdessen gibt es ausgefallene Eissorten wie Walnuss-Feige oder Holunderblüte mit Minze - zum Mitnehmen. An warmen Tagen stehen Menschen dafür oft sehr lange geduldig in der Schlange.

Solche kleinen Läden gibt es in Berlin und in anderen großen Städten fast an jeder Straßenecke. Das heißt nicht, dass die klassische Eisdiele ausstirbt - doch sie wird seltener. Heute findet sie sich eher außerhalb der Großstädte, sagt Carnio von Uniteis. "Es gibt einen Wandel von großen Familienbetrieben zu kleinen Betrieben mit einigen Angestellten." 

Auch Dario Fontanella lebt nicht mehr nur vom klassischen Eisverkauf. Er hat sich ein zweites Standbein aufgebaut, verkauft die kalte Süßigkeit mittlerweile auch an Unternehmen. An Rente möchte er jetzt noch nicht denken. Sollte es allerdings mal so weit sein, hofft er, dass seine Kinder das Geschäft übernehmen.

Julia Naue / DPA
Themen in diesem Artikel